Artikel finden


Benutzername:
Kennwort:

Anzeige

LEBEN / Reviews / Buch / Chahdortt Djavann: Die Stumme KONTAKT SITEMAP

Chahdortt Djavann: Die Stumme

Der Iran ist nicht gerade für seine Frauenfreundlichkeit bekannt. Für uns Europäer ein unvorstellbarer Leidzustand, den nicht nur Frauen erfahren, in einem System voller Repressalien und Gewalt.

Eine sprachlose Frau

Genau in dieser Situation spielt "Die Stumme": Eine stumme Frau lebt bei Ihrem Bruder und dessen Familie im Iran. Stumm wurde die attraktive Frau erst, nachdem sie vor vielen Jahren mit ansehen musste, wie ihr Vater seine Frau tot prügelte. Seitdem hat kein Wort mehr ihre Lippen verlassen. Hinzu kommt ihre Freizügigkeit, sie trägt keinen Schleier, keine Schuhe und bunte Kleidung.

Der Anfang vom Ende

Die Frau des Bruders fühlt sich eingeschüchtert von ihr und das nicht nur, weil ihre kleine Tochter Fatemeh sich ganz offensichtlich ihrer Tante viel näher fühlt als der eigenen Mutter. Die Schwägerin der Stummen schmiedet schließlich den Plan, sie mit dem Mullah zu verheiraten. Niemand außer die kleine Fatemeh scheint wirklich zu bemerken, dass die Stumme nur Augen für den Bruder der Schwägerin hat. - Es kommt wie es kommen muss: Eines Nachts flüchtet sich die Stumme in die Arme des Bruders der Schwägerin und wird am nächsten Morgen in seinem Bett erwischt.

Unendliches Leid

Da die Stumme dem Mullah versprochen war, wird ihr Verhalten mit der Hinrichtung bestraft. Als Ersatz für die Stumme muss nun die kleine Tochter den Mullah heiraten. Sie fügt sich und bekommt bald ein Kind. Doch sie steckt so voller Verachtung und Resignation, dass sie ihren Gemahl, als er eines Nachts in ihr Bett kommt, mit einem Messer tötet und anschließend ihr Kind. Auch sie soll nun hingerichtet werden und wartet in ihrer Zelle auf ihren Tod. Genau dort verfasst sie ihre Geschichte und die der Stummen, für die sie voller Bewunderung ist.

Fesselnd und ergreifend

Das schmale Buch zeigt auf dem Cover eine Frau in einer blauen Umhüllung, wandelnd in der Wüste. Harmlos erscheint das Cover, doch die 110 Seiten haben es in sich.

Die Sprache wird von Chahdortt Djavann einer 15-Jährigen nach empfunden, die Mörderin soll das Buch in ihrer Zelle geschrieben haben und von ihrem Wächter an eine westliche Journalistin ausgehändigt worden sein. Ob sich eine 15-jährige in ihren Lebens- und Bildungsumständen tatsächlich so ausgedrücken würde? Es wird der Eindruck erweckt, dass Fatemeh ihrem Alter bereits weit voraus ist. Mit ihrer präzisen und nichts schonenden Sprache zeigt sie dem Leser ihre Welt.

Ich hatte Bedenken, dass das Buch emotional sehr belastend werden könnte. Das war es auch und die Geschichte hat mich weit über die Lektüre hinaus beschäftigt. Es wird eindringlich und berührend erzählt und man bekommt fast den Eindruck dabei zu sein.

Das Buch erschüttert unser europäisches Bild von der Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Wie soll man mit einer Situation umgehen, in der Frauen quasi keine Rechte haben?

Jessica Danneck

 

Chahdortt Djavann: Die Stumme

112 Seiten

ISBN: 978-3-442-31231-3

14,95 Euro

Verlag: Goldmann

 

Weitere Rezensionen:

Natsuo Kirino: Grotesk

Douglas C. Merrill: Der Google-Effekt

Hans Rath: Da muss man durch

Sam Bourne: Das letzte Testament 

STUDIUM  |   KARRIERE  |   LEBEN   Mediadaten  |   KONTAKT  |   IMPRESSUM
Copyright © Evoluzione Media AG
Eine Verwertung der urheberrechtlich geschutzten Beitrage, insbesondere durch
Vervielfaltigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne vorherige
Zustimmung unzulassig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts
anderes ergibt.