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„Nach der Zukunft“: #9
„We had such potential. Such promise. But we squandered our gifts. And so, 9, I am creating you. Our world is ending. Life must go on.“
Das Ende ist vorbei, einen neuen Anfang wird es nicht geben. Die Erde ist ein Trümmerfeld, die Menschheit vernichtet. Sie hat den Kampf gegen einstmals von ihr selbst entworfene Maschinen verloren. Noch ein einziges dieser zu Technikgiganten mutierten Bestien streift durch die zerstörten Städte, immer auf der Suche nach einem Rest organischen Lebens. Doch der letzte Mensch, ein bedeutender Wissenschaftler, ist längst gestorben. Dafür wurde in seinem Haus eine kleine Flickenpuppe zum Leben erweckt, ein sackartiges Jutedingelchen mit Irisblenden als Augen, die fragend in die bleiern-dumpfe Welt schauen. Nummer 9 hat seine Mission angetreten. Freilich weiß er überhaupt nicht, um was es sich dabei handeln könnte. Selbst als er auf andere seiner Art trifft, die zusammen mit ihrem herrischen Anführer Nummer 1 in einer verlassenen Kathedrale das Kriegschaos überstanden haben, enthüllt sich noch lange nicht der Sinn ihrer wunderlichen Existenz. Es ist der Neugier und dem Mut von Nummer 9 zu verdanken, daß sich schließlich alle auf eine Expedition hinaus in das postapokalyptische Land begeben, um die Wahrheit über sich und ihre Aufgabe zu erfahren. Allerdings sind sie zu der Odyssee geradewegs gezwungen, weil Nummer 9 versehentlich das schlimmste aller Maschinenmonster reaktiviert hat: einen Seelenfresser. Aber das geheimnisvolle Amulett, das diesen mit neuer Macht füttert, könnte ihn auch liquidieren.
„When we awoke in this world, it was chaos. Man and machine attacked each other with fire and metal.“
„# 9“ (2009) ist ein computeranimierter Fantasy-/Science-Fiction-Film von Shane Acker, basierend auf seinem gleichnamigen Kurzfilm von 2005 und unter anderem produziert von Tim Burton sowie Timur Bekmambetov. Jenseits von Disney-Entertainment und Pixar-Charme – beides im übrigen äußerst schätzenswert – entfaltet das ebenso ungewöhnliche wie phantastische Kunstwerk eine grandios gestaltete Dystopie in morbid-monochromem Glanz und mit dezenten Steampunk-Anklängen. Die zerfallene Welt als retro-futuristisches Szenario, einst übertechnisiert, jetzt eine verbrannte Ruine voller Schutt, Scherben, Asche. In dieser bizarren Umgebung wirken die neun roboterartig mechanisierten Stoffpüppchen mit ihrem leicht skurrilen Touch wie Fremdkörper, explizit wie ein Rückfall in prätechnologische Zeiten. Auf anarchisch-schiefe Weise sind sie handgemacht; sie leben, fühlen, denken, kommunizieren, während die Erde ansonsten tot ist. Sie starb gewissermaßen während des Krieges gegen die Maschinen, und zurück blieben nur Überreste als Ahnung früheren Lebens. Immerhin erweisen sich die Homunculi als sehr kreativ, wenn es darum geht, die zerbröckelnde Umwelt für ihre Zwecke zu funktionalisieren. Da dienen etwa Scheren als monströse Waffen, Vogelschädel als Helme oder bewährte Glühbirnen als Neo-Fackeln. Auch kulturell scheinen sie auf sympathische Art altertümlich, sammeln ihre Informationen in Büchern, erfreuen sich an legendären Schallplattenaufnahmen und pflegen rührende archaisch-mythische Begräbnisriten.
„The source! The source! Go back... to the source.“
Shane Ackers kleine cineastisches Sternstunde beeindruckt ebenso durch ihre außerordentliche Ästhetik wie ihre grimmige dramaturgische Radikalität. Sie läßt keinen Raum für Rührseligkeit oder Humor, stattdessen dominiert Endzeitstimmung, die sich in allen Bereichen konsequent niederschlägt. So bestechen die Dialoge durch Minimalismus, die Lumpenpüppchen eher durch groteske Extravaganz, denn durch Niedlichkeit, ihre Mimik durch kunstvolle Reduktion, die Narration beschränkt sich auf Wesentliches. Gerade letzteres sollte allerdings nicht mit fehlender erzählerischer Substanz verwechselt werden, entspricht vielmehr dem grundlegenden Gestus von „# 9“: Apokalypse war gestern, eine Genesis kommt nicht mehr; alles, was jetzt noch geschieht, verweist auf die Essenz der Bruchstücke. Ebenso bedrückend ernsthaft wie eindringlich wird das Vermächtnis des Menschlichen thematisiert, findet seinen ungeheuer faszinierenden visuellen Ausdruck im erfindungsreichen, stark atmosphärischen Animationsdesign, das Referenzen zu klassischen Science-Fiction-Filmen wie „Terminator“ oder „Matrix“ aufweist. Aus dem Staub des Untergangs entstehen düster-stille Bilder voll abgrundtiefer Trostlosigkeit, konterkariert von rasanten, energiegeladenen Actionsequenzen. Und mittendrin die gerade mal handgroßen, verwundbaren Homunculi mit ihrer gigantischen Bestimmung.
„9, you shall protect the future.“
Es sind bereits mehrere Opfer unter den Patchworkgesellen zu beklagen, bevor Nummer 9 endlich ihren gemeinsamen Auftrag ergründet. Jener Wissenschaftler, der ihn erschaffen hat, konstruierte einst auch die erste intelligente Maschine. Zu spät wurde ihm klar, daß sich ein Fehler in seiner ursprünglich für friedliche Zwecke gedachten Erfindung verbarg: Er hatte der Maschine nur Ratio mitgegeben, jedoch keine Seele. Deshalb konnte sie von politischen Machthabern als erbarmungsloses Killerwesen mißbraucht werden, wurde in einem Krieg eingesetzt, in dessen Verlauf sie sich dann mit Hilfe weiterer Maschinen gegen die Menschheit wandte und diese durch Giftgas schließlich auslöschte. Keine Emotion dämpfte ihre kalte Zielstrebigkeit, keine Menschlichkeit kontrollierte ihren Verstand, kein Mitgefühl beeinflusste ihre Urteilskraft. Als späten Ausgleich hat der Erfinder neun absonderliche ’Stitchpunks’ zusammengenäht, denen er jeweils einen Teil seiner Seele mitgab, Nummer 9 schließlich den Rest. Anschließend starb er mit der bitteren Gewißheit, daß die Wissenschaft die Menschheit ins Verderben geführt hat, gleichzeitig in der Hoffnung, nicht die Menschen, aber vielleicht einen Funken an Humanität, an Imagination, an Empfindung gerettet zu haben.
„What happens next?“ „I'm not sure. But this world is ours now. It's what we make of it.“
Nummer 9 versteht die Botschaft in all ihrer Einfachheit wie Endgültigkeit. Er, der als Ahnungsloser in die Welt gefallen ist, weiß instinktiv um das Gute, steckt doch in ihm wie in den anderen acht ein Stück menschliche Eigenart. So steht Nummer 1 tendenziell für Angst, Nummer 2 für Unbekümmertheit, Nummer 3 und Nummer 4, die beiden Bibliothekare, für Wissen und Erinnerung, Nummer 5 für Loyalität, Nummer 6 für Verrücktheit, Nummer 7 für Tapferkeit, Nummer 8 für Tumbheit und Nummer 9 für Hoffnung. Freilich ist keiner streng auf ein charakterliches Moment festgelegt, kann vielmehr selbstbestimmt seine Entscheidungen treffen. Sie alle wachsen über ihre Puppenexistenz hinaus, und zuletzt finden sie sogar die Kraft, menschlicher als ihr Vorgänger, der Homo sapiens, zu handeln. Am Ende reißt zum ersten Mal die graue Wolkendecke über dem Weltenwrack auf und grünlich phosphoreszierender, weil Leben bringender Regen fällt auf die Erde. Das ist traurig schön, von zarter Zuversicht getragen. Aus dem Abgrund einer verwüsteten Zivilisation hat sich das Humane in Gestalt von beseelten Flickenpuppen emporgeschwungen, poetisch-dunkel verschattet.
Nach uns... das Menschliche.
(Nathalie Mispagel)
#9
USA / 2009
mit Christopher Plummer (Originalsprecher #1), Martin Landau (Originalsprecher #2), John C. Reilly (Originalsprecher #5), Jennifer Connelly (Originalsprecher #7), Elijah Wood (Originalsprecher #9)
Regie: Shane Acker
Produzent: Tim Burton, Timur Bekmambetov
Universal Pictures Germany
Wir verlosen dreimal die DVD. Schreibt an 9@unicompact.de und besteigt den Lostopf!
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