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Stephan Thome - Grenzgang

Auch wenn man es kaum glauben mag: Das klischeehafte deutsche Hinterland gibt es tatsächlich noch - es liegt in Hessen und heißt "Bergenstadt". Dort kennt jeder jeden, Gerüchte machen schnell die Runde und immer mehr Menschen scheinen sich mit der lethargischen Langeweile des Kleinstadtlebens anzustecken.

Doch in jedem siebten Jahr steht Bergenstadt kopf. Dann nämlich feiert man Grenzgang, das traditionelle dreitägige Volksfest, bei dem alle Bergenstädter Bürger gemeinschaftlich die Gemeindegrenzen abschreiten und beim allabendlichen Umtrunk im Festzelt mit viel Alkohol die Existenz ihres Örtchens begießen. Alle feiern und lachen - doch zwei, die ungewollt in der Provinz hängengeblieben sind, stehen einsam am Rand und schauen zu: Kerstin Werner und Thomas Weidmann.

Lebensentwürfe im Vergleich

Kerstin ist Mitte Vierzig, frisch geschieden und ohne jede Hoffnung. Mit einer gescheiterten Ehe hinter und einer Zukunft voller Fragezeichen vor sich, hat sie das Leben schon fast völlig aufgegeben und lebt nur noch von einem Tag zum nächsten. Sie glaubt nicht mehr an das Glück, von dem sie als junge Frau immer geträumt hat, sie glaubt nicht mehr an die Liebe, die ihr erst vor kurzem so übel mitgespielt hat, und am wenigsten glaubt sie an sich selbst. Die einzige Herausforderung, die sie in ihrem Leben noch zulässt, ist die tagtägliche Bewältigung des Alltags, der daraus besteht für ihre demenzkranke Mutter zu sorgen und sich jeden Tag aufs Neue von ihrem pubertären Sohn Daniel, zu dem sie schon lange den Bezug verloren hat, kränken zu lassen.

Thomas, nach gescheiterter Habilitation aus Berlin in die hessische Provinz zurückgekehrt, ist Lehrer am örtlichen Gymnasium. Mit der missglückten Karriere und einer verlorenen Liebe im Rücken, versucht er sich ein neues Leben in der alten Heimat aufzubauen und steht sich dabei selbst immer wieder im Weg. An das schnelle Großstadt-Getriebe gewöhnt, fällt es ihm sichtlich schwer, den lange verdrängten und unerträglich langsamen Gang der Kleinstadt wieder aufzunehmen und sich in deren vorgegebene Ordnungen zu fügen.

Als Daniel einen jüngeren Mitschüler erpresst und sein Klassenlehrer Weidmann daraufhin mit dessen Mutter in Kontakt treten muss, stehen Kerstin und Thomas plötzlich wieder voreinander und längst vergessene Bilder der Vergangenheit tauchen vor ihrer beider Augen auf: Beim letzten Grenzgangsfest, sieben Jahre zuvor, waren sie sich schon einmal begegnet und hatten dabei nicht nur die Gemeindegrenzen überschritten, sondern auch ihre eigenen. Und plötzlich scheint das Leben wieder lebenswert und das Glück zum Greifen nah...

Furioses Debüt

All das erzählt Stephan Thome in ineinander verschachtelten Rückblicken, in denen er die letzten vier Grenzgangsjahre – alle jeweils im Abstand von sieben Jahren – so gekonnt in einander verwebt, dass der Leser gemeinsam mit den Figuren in kleinen Schritten deren Weg vom Anfang bis zum Ende geht und schlussendlich ein großes Ganzes vor sich liegen hat, ausgebreitet und ausgeweidet, das keinen Zweifel und keine offene Frage übrig lässt. Es geht ihm dabei nicht um die großen Gefühle oder ein imposantes Ende. Es geht ihm um die leisen Zwischentöne, die seelischen, die zwischen den Worten liegen und nur dann gehört werden, wenn man auf sie achtet.

Thomes - zu Recht - viel gelobtes Debüt glänzt mit einer unglaublichen Dialogkunst und authentischen Figuren, für die Sympathie zu empfinden selbst dem abgedroschensten Leser nicht schwer fällt. "Grenzgang" ist lebensnah und tiefsinnig, drängend und ehrlich - und über alledem: Unglaublich wahr.

Melanie Kipka

 

Stephan Thome

Grenzgang

454 Seiten

22,80 Euro

Suhrkamp

 

 

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