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Von Zufall und Bestimmung – Richard Powers „Das größere Glück“

Es ist eines der ältesten Themen in der Philosophie, die konstant bis in die Postmoderne hineinwirken: Glück. Liegt es uns in den Genen oder kann man es sogar lernen? Und was bedeutet es überhaupt, glücklich zu sein? In seinem neuen Roman „Das größere Glück“ widmet sich Richard Powers einem der begehrtesten Güter der Menschheit und erweist sich einmal mehr als großer Erzähler.

Russel Stone ist das, was man eine gescheiterte Existenz nennt. Als Schriftsteller hatte er kurzzeitigen Erfolg mit der literarischen Verarbeitung skurriler täglicher Begegnungen. Bis sich einer seiner Protagonisten nach der Veröffentlichung versucht das Leben zu nehmen. Von Vorwürfen und Selbstzweifeln geplagt, bricht Stone seine Publikationen ab und flüchtet sich in eine Lebenskrise.

Er nimmt eine Dozentenstelle an der Universität an und trifft dort auf Thassadit Amzwar, eine junge Algerierin, deren Eltern im Bürgerkrieg den Massakern zum Opfer gefallen sind. Trotz dieser traumatischen Erlebnisse scheint Thassa von ständiger Euphorie begleitet zu sein, die auch die Menschen in ihrer Umgebung ansteckt. Russel ist fasziniert von ihr und gleichzeitig höchst besorgt. Er schaltet die Psychologin Candace Weld ein und bittet sie, Thassa genauer zu untersuchen. Schnell gerät ihr Fall an die Öffentlichkeit und ins Blickfeld des Wissenschaftlers Thomas Kurton, der die Jagd auf „die Frau mit dem Glücks-Gen“ eröffnet.

Zwischen Progressivität und Moral

Das Buch hat seine Längen, darüber kann auch die sehr gelungene Parodie der Oprah Winfrey Show am Ende nicht hinwegtäuschen. Dabei spielt Richard Powers in Das größere Glück mit einer leichten Sprache, die in ihren besten Momenten von verzaubernder Einfachheit ist und erzählerischen Reichtum zu generieren vermag. Allein es scheint, dass sich Powers zu sehr an der Gentechnik festgebissen und darüber stellenweise die Erzählung verloren hat. Mit Thomas Kurton führt er eine Figur ein, die auf oftmals plakative Weise sowohl progressive Forschung wie auch moralische Zweifel vermittelt und den Leser seinem eigenen Urteil überlässt. Er zeichnet eine Zukunftsvision, die ebenso faszinierend wie abstoßend ist – und mit den Erfolgen der Genforschung in allzu greibare Nähe rückt.

Es steckt viel Potential in diesem Roman und glücklicherweise vermag es immer wieder unter der Oberfläche der thematisch übermächtigen Gentechnik hervorzuschimmern. Denn das Streben nach Glück, nach einem idealen Zustand, ist vor allem ein Phänomen der westlichen Welt, die eigentlich Ressourcen genug hat und sich doch immer wieder über ihre Mängel definiert. Der kulturelle Hintergrund Thassas verdeutlicht den Luxus dieser Existenz- und Sinngrübelein und lässt Raum für die Frage, ob es nicht vielleicht allein die Sicht auf die Dinge ist, die ein Leben definiert.

Ein literarischer Glücksfall

Wie nebenbei macht Richard Powers in »Das größere Glück« das Erzählen selbst zum Thema. Darin liegt seine große Stärke, die den Roman damit zu mehr als einer lesenswerten Zukunftsprognose unter vielen macht. Erzähler und Protagonist leiden gleichermaßen an der Irrelevanz und Skepsis gegenüber des eigenen Wortes.

„Das Erzählen ist bedeutungslos geworden“, klagt der Erzähler und beobachtet doch eine Seite später seine Protagonisten mit so viel Zuneigung und Verständnis, dass er sich selbst Lügen straft. Das macht den Roman zu einem der großen dieses Jahres. Alles in allem ein literarischer Glücksfall.

Sina Flubacher

 

Richard Powers

Das größere Glück

415 Seiten

22,95 Euro

S. Fischer Verlag

 

 

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