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„Hürdenlauf“

Rennen, klettern, springen – Die Faszination der Extremsportart Parkour liegt vor allem darin, daß sie wieder zu den Ursprüngen menschlicher Bewegungstechnik zurückfindet. Als Traceur gebietet man über die Hindernisse im urbanen Umfeld und kann dennoch als Mensch an den Stolpersteinen des Lebens scheitern. Von diesem Drama erzählt Marc Rensing in seinem Spielfilmdebüt „Parkour“.

Mannheim ist kein Ort für Träumer. Doch Richie (Christoph Letkowski), Mitte 20, impulsiv und bodenständig, passt genau hierher. Als selbständiger Gerüstbauer versucht er zusammen mit zwei Mitarbeitern, sich in der hiesigen Branche zu etablieren, privat lebt er in einer innigen Beziehung mit der aparten Hannah (Nora von Waldstätten), während er die Freizeit mit den Freunden Nonne (Marlon Kittel) und Paule (Constantin von Jascheroff) beim Parkour-Trainung verbringt.

Mitten im Leben

Diese drei Fixpunkte bestimmen sein Dasein, das sich jedoch immer mehr zu einem riskanten Balanceakt entwickelt. Vom letzten Bauauftrag steht noch der Lohn aus, und auch Hannahs Ambitionen, das Abitur nachzuholen, bereiten Richie insgeheim Sorgen, wird sie doch zum anschließenden Studium möglicherweise in eine andere Stadt ziehen. Gleichwohl unterstützt er Hannahs Vorhaben, überredet sogar Nonne zu Nachhilfestunden in Mathe, ihrem Horrorfach.

 

Während Hannah mit Nonne den idealen Lehrer gefunden hat und wieder Hoffnung für die letzte Matheprüfung schöpft, verstärkt sich für Richie langsam das Gefühl, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Explizit die Neigung zur Eifersucht lässt ihn allmählich in ein Konflikte auslösendes, pathologisch übersteigertes Misstrauen gegenüber seinen Freunden abdriften. Die Angst vor Verlust und Versagen wird zur Triebfeder allen Handelns.

Parkour als Lebenseinstellung

Noch bevor Richie in den Untiefen seiner Psyche zu versinken droht, lässt die visuelle Narration bereits die Diskrepanzen seiner Alltagswahrnehmung ahnen. Übt er seinen eigentlich luftigen Job aus, geht der Kamerablick trotzdem nie vom Gerüst weg in die Ferne, überspringt nie Grenzen. Vielmehr dominieren Nahaufnahmen der Mitarbeiter oder Bauleiter; auf sie bzw. die verantwortungsvolle Ausübung seiner Arbeit ist Richie konzentriert. Auch beim Zusammensein mit Hannah suggerieren die vielen Close-Ups echte Nähe, schließen beider Liebe freilich in einen statisch-engen Rahmen ein.

Einzig wenn Richie seiner Passion frönt, nämlich Parkour läuft, öffnen sich Mannheims Straßen und alte Industrieanlagen zum grenzenlosen Abenteuerspielplatz, avancieren zu einem Ort, wo Freiheit physisch erfahren werden darf. Flotte Schnitte raffen die Zeit, schräge Kameraperspektiven kreieren aus Gewöhnlichem Spektakuläres, ein rasanter Beat drängt ungeduldig voran. Der Raum dynamisiert sich, und Richies athletischer Körper wird zum Überwinder sämtlicher Barrieren.

Psychischer Absturz

Mit solch sportlicher Unbekümmertheit und frischem Selbstbewusstsein hat sich Richie bisher stets durchs Leben geschlagen, konnte auch heiklen Konfrontationen, etwa mit Bahnkontrolleuren oder Türstehern, buchstäblich davonlaufen. Effizienter Fleiß macht ihn zum guten Chef, ehrliche Loyalität zum sympathischen Freund. Selbst von seinem ewig stichelnden Arbeitskumpel Janko (Georg Friedrich), der ihm mit wunderbar raffiniertem Wiener Zungenschlag ständig Argwohn gegenüber allen Frauen predigt, lässt er sich lange nicht provozieren... bis es zu einem Arbeitsunfall kommt.

In plötzlich aufwallender, unbeherrschter Wut begeht Richie einen entsetzlichen Fehler, lässt Janko vom Gerüst stürzen. Zwar kann ihm offiziell keine Schuld nachgewiesen werden, doch ab da hat auch Richie den Boden unter den Füßen verloren und gerät immer tiefer in eine (selbst-)zerstörerische Psychose. Gleich Richies von wahnhaften Halluzinationen geplagter Psyche beginnen sämtliche Beziehungen zu bröckeln, sein Argwohn gegenüber Hannah bzw. den Freunden wird übermächtig, und als er wegen einer früheren Diskoschlägerei von der Polizei verhaftet wird, entwickelt er während des 24stündigen Gewahrsams autoagressive Neigungen. Zu seiner ganz persönlichen Nemesis wird der wieder auf der Baustelle erscheinende, von seinem schweren Sturz gezeichnete Janko.

Mitten aus dem Leben

Marc Rensing hat eine menschlich wie psychologisch überzeugende Geschichte voller kinetischer Energie zu erzählen und weiß dies auch. Er vertraut den unspektakulär-authentischen Charakteren, die durch die glaubwürdigen Darsteller Verlebendigung erfahren, schafft eine überzeugende städtische, gleichzeitig emotionale Atmosphäre im gehobenen Arbeitermilieu. Nie steht er als Regisseur und Koautor der geradlinigen Entwicklung seiner Story mit ihren geschickten Tempiwechseln im Wege, auch wenn er gelegentlich auf eine klischeebehaftete Bildsprache zurückgreift.

Etwa nachdem Richie den schweren Arbeitsunfall verursacht hat, stellt er sich zuhause – natürlich – als erstes unter die Dusche, um Schrecken und Schuld fortzuwaschen. Weit eindringlicher wirkt hingegen jene stille Sequenz, als Janko gerade mit dem Krankenwagen abtransportiert wurde und Richie nun mit Arbeitskumpel Frankie (Arved Birnbaum) verloren auf der Baustelle sitzt. Plötzlich lehnt er seinen Kopf an ihn in lautloser Suche nach Nähe und Vergebung.

Loslassen

Parkour, das bedeutet Disziplin, Geschicklichkeit, Grenzgängermentalität, Mut, Konzentration, Selbstvertrauen. Sobald Richie nach einem hemmungslosen Gewaltakt mit anschließendem totalen Zusammenbruch in die Psychiatrie eingewiesen und medikamentös behandelt wird, verliert er alle jene Fähigkeiten. Geblieben sind ihm die Liebe von Hannah sowie die Freundschaft von Nonne und Paule. Während sein Geist zwar ruhiger wird, verfällt sein Körper in träge Schwerfälligkeit, ist der für Parkour unerlässlichen Geschmeidigkeit beraubt.

Erst jetzt wird sich Richie der verheerenden Auswirkungen seiner Psychose bewusst, die er selbst als ’Flächenbrand’ bezeichnet. Obwohl ein erfahrener Traceur hat er das größte Hindernis im Leben nicht überwunden, nämlich sich selbst. Im Angesicht dieser Erkenntnis wächst er über sich hinaus, kann zum ersten Mal loslassen. Anstatt seine Beziehungen, überhaupt das Leben zu kontrollieren, gibt er sich bedingungslos dem Schicksal hin und setzt zum alles entscheidenden Sprung an. Wie er auch endet, er führt in die Freiheit.

Wertung 7/10

Nathalie Mispagel

 

PARKOUR

Kinostart: 11. März 2010

Regie: Marc Rensing

Deutschland 2009 / Länge: 100 Min.

mit Christoph Letkowski und Nora von Waldstätten

im Verleih von Projektor Filmverleih und Filmproduktion

 

 

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