Drucken
Film, KARRIERE

"Work Hard - Play Hard": Schöne neue Arbeitswelt

Der Horror passiert im Kopf und nicht auf der Leinwand. Regisseurin Carmen Losmann weiß, wie ein guter Gruselfilm funktioniert. Aber erschreckenderweise handelt es sich bei „Work Hard – Play Hard“ um einen Dokumentarfilm - über die Arbeitswelt von heute.


Word Hard – Play Hard, das ist nicht nur ein gerne genommener Slogan von Beratungsgesellschaften und die griffige Formulierung für das Prinzip, dass harte Arbeit das gleichzeitige Recht auf Belohnung durch Konsum und Freizeitspaß beeinhalte, sondern ab sofort auch die kritische filmische Auseinandersetzung mit einer Arbeitswelt, die den Menschen zur reinen Ressource degradiert.

Vermutlich wird der Film nicht allzu viele Kinobesucher anlocken. Das tun Dokumentarfilme selten, zumindest  wenn sie nicht in 3D sind und anderes bieten als visuelle Flüge über spektakuläre Canyons und tiefblaue Ozeane. Work Hard - Play Hard bietet graue Gebäude und graue Gesichter, täglich Arbeitsbrot, ein bisschen wie Stromberg, nur dass das Lachen nicht wie dort im Hals stecken bleibt, sondern erst gar nicht entsteht. Harte Kost – die gleichwohl viele Zuschauer verdient hätte. Denn Carmen Losmann weiß auch, wie man einen guten Dokumentarfilm macht. Der Film kommentiert nicht, er wertet nicht, er lässt einfach die Protagonisten der modernen Arbeitswelt zu Wort kommen und vertraut auf die Kraft der Bilder von der Kamera – und im Kopf des Zusehers.

Man hört Unternehmensvertreter, die erzählen, dass es keine festen Arbeitsrefugien mehr gibt - wer einen Arbeitsplatz benötige, bucht diesen vorher und gibt an, welches Equipment er dazu braucht. Ein eigener Kaffeebecher, irgendetwas Persönliches ist dabei nicht vorgesehen. Wozu auch? Andere Menschen und Kaffee gibt es ja schließlich im "Coffee Point".

Man sieht drei Bewerber im Assessmentcenter, die ihre zurechtgelegten Antworten auf „Wo sehen Sie Ihre Stärke, wo Ihre Schwächen?“  und "Sind Sie ein Teamplayer?" abgeben und anschließend einsam und fast autistisch SMS tippen, während sie auf ihre Ergebnisse warten.

Man erfährt, wie Mitarbeiter bewertet werden, wie ihr „Skill Set“ und ihre „Aktivitätskennzahlen“  festgestellt werden.

Die Menschen, die Mitarbeiter, seien das wichtigste Kapital eines Unternehmens, so hört und liest man gerne in Imagebroschüren. Das klingt per se nach Wertschätzung, nach einer gemähten Wiese für einen motivierten Berufseinsteiger. Nach der „alten“ New Economy, wo Mitarbeitern Power-Nappingwiesen, ein Wäschereiservice, Kickertische und Masseure zur Verfügung standen.

Die Bilder, die man sieht, die Originaltöne, die man hört, vermitteln anderes. In erster Linie eine Umgebung, bei der man das Gefühl hat, man hätte Robotern die Mission übertragen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen produktiv sein sollen. Im Manager-Neusprech berichtet ein Vertreter der Personalberaterfirma Kienbaum vom „Change“, der kein „Nice-to-have“ sei, aus dem Human Resources von DHL spricht man vom „kulturellen Wandel, den man nachhaltig in die DNA jedes einzelnen Mitarbeiters verpflanzen möchte“.

Denn die Quintessenz lautet: Wenn du dein Unternehmen ändern willst, ändere deine Mitarbeiter.  Und dies erinnert wieder ein wenig an die „alte“ New Economy, wo um die Jahrtausendwende die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ganz verwischen sollten.

Vielleicht ist die schöne neue Arbeitswelt effizient und erfolgreich. Artgerecht ist sie jedenfalls nicht.

(David Lins)


Work Hard - Play Hard

Regie: Carmen Losmann
Deutschland, 2011
Kinostart: 12.04.2012

Im Verleih von Hupe Film


Der Trailer zu Work Hard - Play Hard




Die Berufseinsteigerfrage

Wie viel Show-Typ muss man sein, um Karriere zu machen?

Die Berufseinsteigerfrage, Bewerbung & Berufseinstieg:

Malte B. (26) aus Bonn schreibt uns: “Ich bin Ingenieur und arbeite in der Automobilindustrie. Bei aller Bescheidenheit bin ich meinen Traineekollegen fachlich weit überlegen. Ich habe bereits in den ersten Monaten technische Lösungsvorschläge erarbeitet, die direkt umgesetzt worden sind. Da bei uns Teamarbeit großgeschrieben wird, präsentieren wir unsere Arbeiten jedoch immer in der Gruppe. Da ich es unangenehm finde, im Mittelpunkt zu stehen, übernehmen die ‘Show-Typen’ die Präsentation meiner Arbeiten. Leider sammeln sie dann auch die Lorbeeren ein. Reicht nicht die fachliche Kompetenz, muss man auch ein ‘Show-Typ’ sein, um Karriere zu machen? Und wenn ja, wie wird man so?“


Serie: Netzperlen

Diese Woche: Notes of Berlin

Netzperlen:

In Berlin kommt alles zusammen: Verrückt- und Verruchtheit, Offenheit und Spießertum, Liebe und Hass - im deutschen Mekka für Kreative und Individualisten gibt es viel zu entdecken. Was für skurrile, poetische oder humorvolle Zettelchen und Botschaften überall in der Stadt versteckt sind, zeigt uns ...


Serie: Studenten fragen Professoren