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Film

„Wolfsbrüder“: Gelb wegen Rudelbildung

Mowgli und Tarzan sind literarische Fiktion. Doch immer wieder gibt es auch in der Realität dokumentierte Fälle von sogenannten ’Wolfskindern’, die in der Wildnis auf sich allein gestellt waren und im engen Kontakt mit wilden Tieren lebten. „Wolfsbrüder“, ab 7.6. im Kino, erzählt eine solche wahre Begebenheit.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Anfang der 1950er Jahre in Spanien: Die Rückkehr zur Feudalherrschaft hat viele Bauernfamilien in Unfreiheit und extreme Armut gestürzt. Auch die von Marcos (Manuel Camacho). Er ist gerade mal sieben Jahre alt, da wird er von seinem Vater an einen Großgrundbesitzer verkauft. Dieser läßt ihn ins sogenannte Stille Tal in den Bergen der Sierra Morena zu dem grummeligen, aber wohlmeinenden Atanasio (Sancho Gracia) bringen, bei dem er Ziegen hütet und das Überleben in menschenleerer Wildnis lernt. Als der alte Mann stirbt, muß sich der Junge alleine durchschlagen, unterstützt von dem zahmen Frettchen Minero sowie einigen Wölfen. Mit denen hat er sich vorsichtig angefreundet. Zwölf Jahre lebt Marcos unentdeckt in der und im Einklang mit der Natur.

Manchmal schreibt das Leben doch bessere Geschichten als das Kino. Dies ist eine solche Story. Der 1946 in der Provinz Córdoba geborene Marcos Rodríguez Pantoja hat tatsächlich von 1954 bis 1965 ein Dasein fern aller Menschen, dafür zusammen mit einem Wolfsrudel geführt. Heute wohnt er zwar wieder in einem Dorf, konnte sich aber nie mehr vollständig in die Zivilisation eingliedern. Seine Familie, so heißt es, sind die Wölfe geblieben.

Faszination an Natur

Je mehr der Mensch sich der Natur entfremdet, desto faszinierter scheint er von ihr zu sein. Wie anders ließe sich die Begeisterung von Drehbuchautor und Regisseur Gerardo Olivares für diesen Stoff erklären, der so gar nichts mehr mit gewöhnlicher Naturerfahrung zu tun hat und in seiner nicht wiederholbaren Erlebnisqualität fast surreale Züge trägt. Was wie ein Märchen klingt, wird schnell zum Mythos vom "bon sauvage" oder Naturburschen, der im engen Kontakt mit Fauna und Flora zum guten Kerl heranreift. Beide Lesarten sind ebenso naiv wie weltfremd, künden freilich von der romantischen Sehnsucht nach seelischer wie charakterlicher Reinigung im Angesicht ursprünglicher Natur.

An eben dieser gedanklichen Schlichtheit leidet "Wolfsbrüder", der in der Zusammenarbeit von Tierfilm- mit Spielfilm-Crew entstanden ist. Visuell schwingt sich das Werk auch zu Naturdoku-Pracht auf (Regie und Kamera der Naturaufnahmen: Joaquín Gutierrez Acha), dramaturgisch hingegen changiert es zwischen Kinderfilm und sentimentalem Abenteuerdrama. Zudem wird die erzählerische Kraft durch den allzu pathetischen Score von Klaus Badelt sowie eine unbedarfte Schwarz-/Weiß-Sicht auf die Welt - hier der gute, weil in der Natur lebende Ziegenhirte, dort die bösen Landbesitzer samt fieser Handlanger - geschmälert, die selbst vor den Tieren nicht halt macht. Offenbar fallen noble Wölfe nur wirklich niederträchtige Menschen an...

Wildnis als inszenierter Raum

Geradewegs ins Absurde gleitet der Film, wenn der erwachsene Marcos (Juan José Ballesta), eine Art alpinistischer Robinson Crusoe inklusive Kaspar-Hauser-Touch, sich mit selbstgebastelten Holzschwingen als Hobby-Flieger versucht oder zusammen mit den Wölfen ein Reh jagt. Ohnehin hört bei der Nahrungssuche die Tierliebe auf. Schon Atanasio zeigte sich höchst erfinderisch, wenn es um das Fangen von Vögeln, Hasen oder Fischen ging. Und Marcos steht ihm in nichts nach. Für Kleintiere braucht es offenbar kein Mitleid, während angeschossene Wölfe mit aller Hingabe gepflegt werden. Daß diese emotionale Klassifizierung der Natur freilich eine von Menschen gemachte, also künstliche ist, scheint den Filmemachern verborgen geblieben zu sein.

Überhaupt steckt hinter der cineastischen Inszenierung von Wildnis, die wie der Garten Eden erst durch das Eindringen von Menschen ihre Unschuld verliert, das große Dilemma unserer Zivilisation. Je unabhängiger wir (scheinbar) von der Natur werden, desto mehr verehren oder verzerren wir sie. Sie wird instrumentalisiert, mal als moralische Instanz, mal als mystische Größe, um sie dem pragmatischen Denken der westlichen Welt integrieren zu können. Dabei zeigt ein Fall wie der von Marcos Rodríguez Pantoja, dass Natur stets unberechenbar bleibt ? sowohl im Bewundernswerten als auch Erbarmungslosen.

Eine Frage der Transzendenz

Der Zwang zur Fiktionalisierung von Realität und Idealisierung von Wildnis macht "Wolfsbrüder" zu einem schwachen Spielfilm, die zugrundeliegende Story bleibt freilich eine bewegende Episode. Dieser hätte man sich besser über eine Dokumentation nähern sollen. Dann wäre der echte Marcos Rodríguez Pantoja nicht nur gegen Ende beim unverbindlichen Spiel mit Wölfen gezeigt worden, sondern hätte selbst erzählen können. Von einer Existenz, die wir so nicht kennen. Von einem Leben, das gleichsam authentisch wie fremd ist. Von einem Dasein, das so in der Natur eigentlich nicht vorgesehen ist. 

Eben darin steckt das Besondere dieser "Wolfskinder"-Geschichten: Durch sie wird die eigentlich unüberwindliche Barriere zwischen Tier und Mensch kurzzeitig durchbrochen. Das ist Transzendenz pur.


Wolfsbrüder

Regie: Gerardo Olivares
Mit Juan José Ballesta, Sancho Gracia, Carlos Bardem, Alex Brendemühl und Manuel Camacho

Kinostart: 7. Juni 2012

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