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KARRIERE

Wo bleibt ein deutscher Apple?

© 2011 Apple Inc.

Wo liegt die Zukunft: Im Wettbewerb mit Unternehmen wie Apple um Hightech-Produkte, oder in der Konkurrenz zu kostengünstig fertigenden Herstellern wie Tata? Einer der wichtigsten Absatzmärkte im kommenden Jahrzehnt wird der asiatische Raum sein. Gleichzeitig droht aus ehemaligen Schwellenländern auch eine neue Konkurrenz, denn die dort entwickelten Produkte sind längst nicht mehr nur im Low-Cost-Bereich angesiedelt. Was bedeutet diese Herausforderung für westliche Technologieunternehmen und ihre Mitarbeiter?

Wer Armin Bruck in diesen Tagen trifft, erlebt einen gut gelaunten Manager, für den die Chancen größer sind als die Risiken. Der promovierte Top-Manager ist Vorstandsvorsitzender von Siemens India und hat einen doppelten Blick auf den Wachstumsmarkt Indien.

Sein ureigenes Interesse gilt der weiteren Etablierung von Siemens im Land,  als führender Anbieter von Industrie- und Infrastrukturlösungen beschäftigt Siemens derzeit über 18.000 Mitarbeiter in Indien: "Unternehmen, die in einem solchen Wachstumsmarkt erfolgreich sein wollen, müssen sowohl eine hervorragende Qualität als auch einen ausgezeichneten Service zu günstigsten Preisen anbieten können. Aus diesen Rahmenbedingungen lassen sich allgemein gültige Erfolgshebel ableiten und auf die globale Wertschöpfungskette übertragen."

Gleichzeitig beobachtet Bruck auch die inländische Konkurrenz und ihren Weg, mit technologisch immer hochwertigeren Produkten auch in der westlichen Welt zum Mitbewerber zu werden. Waren es in den vergangenen Jahren vor allem Low-Cost-Produkte die in Ländern wie Indien hergestellt worden sind und den Erfolg der local player begründeten, wandeln sich die inländischen Konzerne sukzessive zu Herstellern von High-End-Gütern. "Mancherorts wird ein Auto wie der Tata Nano belächelt, weil sich niemand vorstellen kann, wie ein Fahrzeug, welches für 1.700 Euro verkauft wird, überhaupt nur einen Meter fahren kann. Als mich das letzte Mal Peter Löscher (der weltweite Siemens CEO, Anm. d. Red.) besucht hat, habe ich ihn mit einem Tata Nano abgeholt, um die Produktqualität in diesem Niedrigpreissegment für ihn erlebbar zu machen", berichtet Bruck.

Indische Firmen wie Tata expandieren kräftig und verleiben sich dabei auch Kompetenzen und Geschichte aus westlichen Industrieländern ein, zuletzt erwarben sie die Autobauer Jaguar und Landrover. Konnten sich deutsche Unternehmen jahrzehntelang auf ihre Technologieführerschaft in wichtigen Schlüsselindustrien verlassen, könnten die Konkurrenten auf dem globalen Markt gerade diese Qualität attackieren. Für viele Unternehmen ist es heute erforderlich, einen gewissen Teil ihrer Produktion in die Absatzmärkte zu verschieben - die Lohnstückkosten sind geringer und die Währungsrisiken gedämpft. Wenn aber die Konkurrenz die Vorteile der Niedrig­löhne mit zukünftig wettbewerbsfähiger Premiumqualität kombinieren könnte, wäre dies eine erhebliche Gefahr für westliche Indus­trieunternehmen. Die Botschaft lautet deswegen auch überall in der deutschen High-Tech-Branche, dass alleine über die Technologie- und Innovationsführerschaft Wachstum und Wohlstand gesichert werden kann, der reflexhafte Ruf nach "mehr und besserer Bildung" wird zwar vernommen, wie er umgesetzt wird, ist allerdings eine andere Frage.

Dr. Werner Widuckel, Personalvorstand bei Audi, sieht die Umsetzung des Bolog­naprozesses bei vielen Hochschulen als sehr kritisch: "Bei manchen habe ich das Gefühl, man nimmt den Bolognaprozess als Vorwand, um sich der sowieso ungeliebten Lehre zu entledigen. Wenn Prüfungen im Multiple Choice-Verfahren durchgeführt werden, halte ich das nicht für gut." Er beobachtet sehr junge Absolventen als Konsequenz der Bologna-Reform, aber einen erheblichen Aus- und Weiterbildungsbedarf bei den Absolventen. 

René Obermann, der als Vorstandsvorsitzender der deutschen Telekom über die Hälfte des Konzernumsatzes im Ausland erzielt, weiß um die wachsende inernationale Konkurrenz und beschwört förmlich, die Chancen im IKT-Bereich nicht zu verschlafen, weil etwa veraltete Rahmenbedingungen oder Investitionshemmnisse den Ausbau von Hochleistungsbreitbandnetzen behindern. Er empfiehlt unseren Lesern, einmal den Artikel "Ein deutscher Apple?" von Joachim Preuß aus dem Jahre 1985 zu lesen, der im Spiegel-Archiv online verfügbar ist: "Dieser Artikel ist 25 Jahre alt und ist in seiner Problemanalyse noch immer aktuell."

© 2010 Tata Motors Limited

Was bedeuten all diese Analysen über die Zukunft der Technolgieunternehmen nun für den Nachwuchs, ändert sich überhaupt etwas? Schließlich wird sich "die Produk­tion in Deutschland weiter auf das Premiumsegment konzentrieren, also auf Produkte, für die man eine hohe Spezialisierung braucht", wie Frank Mattern, Deutschland-Chef von McKinsey, konstatiert. Bei dieser Fragestellung sind zwei Aufgabenbereiche und Qualifizierungen zunächst zu unterscheiden, obwohl sie in Zukunft immer stärker zusammenwachsen werden: Die Aufgaben des Ingenieurs und die des Managers. Der deutsche Ingenieur war schon immer in der Gefahr des "Overengineering".

Dr. Joachim Belz, Sprecher des Vorstandes des Interface-Spezialisten Weidmüller, der in mehr als 80 Ländern operiert, erklärt deshalb unmissverständlich: "Eine Innovation ist nur dann erfolgreich, wenn sie das Bedürfnis des Kunden trifft, nicht nur das des Erfinders." Für ihn bedeutet dies, dass der Ingenieur in Zukunft noch intensiver einen Blick für die Kunden haben muss und viel stärker vernetzt sein muss, um wirklich lösungsorientiert zu arbeiten. Das Applikationswissen der technischen Abteilungen müsse mit dem der Marketingabteilungen ausgetauscht werden, um eine klare Positionierung des Kunden­nutz­ens zu erarbeiten. Die enge Vernetzung mit Technologietreibern - etwa aus dem Bereich der angewandten Forschung oder mit kooperierenden Unternehmen im vorwettbewerblichen Bereich - gehören schon seit längerem zum Standardrepertoire der Ingenieure, neu wird für sie der intensivere Austausch mit Verkaufsabteilungen sein, war dies doch bis dato Domäne der oft kaufmännisch ausgebildeten Manager.

Auch die sollten sich - am besten bereits während des Studiums über Praxiserfahrungen in diesen Bereichen - auf die neuen Herausforderungen einstellen. Fordert der internationale Wettbewerb doch nicht nur eine Intensivierung der Anstrengungen, die Technologieführerschaft zu verteidigen. Es besteht auch die Notwendigkeit, dem Kunden neben dem Produkt weitere Dienstleistungen zu verkaufen, die ihn an das Unternehmen binden. Gerade, weil die Margen im Servicegeschäft oft höher sind, wird es immer wichtiger: Im Gegensatz zum Produktgeschäft, welches aufgrund starker Preiskämpfe unter einem hohen Kostendruck steht, sind im After-Sales-Bereich vor allem der Zeit- und Qualitätswettbewerb entscheidend. Dies impliziert, dass bereits in einer Frühphase der Produktentwicklung die zugehörigen Service-Leistungen bis hin zum After-Sales-Geschäft zu berücksichtigen sind. Für die kaufmännischen Manager bedeutet dies, hybrid wie eine Art Service-Ingenieur zu handeln, geht es doch oft darum, von einem reinen Produktanbieter zu einem Leistungsanbieter zu werden. Sich während des Studiums auf den Bereich "Service Engineering" zu konzentrieren, macht sowohl für Ingenieure als auch für Kaufleute Sinn, fristen doch die Servicebereiche in vielen Unternehmen noch ein Schattendasein. Viel zu lange haben Unternehmen geglaubt, alleine durch die Produktgüte eine marktbeherrschende Stellung erreichen und verteidigen zu können. In zunehmend gesättigten Märkten bedarf es einfach zusätzlicher Unterscheidungsmerkmale.

Bei der Wahl des richtigen Arbeitgebers (sofern an dieser Stelle überhaupt eine allgemeine Empfehlung möglich ist, zu unterschiedlich sind die persönlichen Präferenzen) gilt der Hinweis auf die interne Innovationskultur oft als wegweisend: Nur ein Unternehmen, welches Innovationsfähigkeiten fordert und fördert, ist für Veränderungsprozesse gewappnet und in der Lage, dem einzelnen Mitarbeiter Verantwortung und Entwicklungsmöglichkeiten zu übertragen. Professor Horst Wildemann von der TU München formuliert es so: "In einem Unternehmen, in dem Mitarbeiter mit ihren Talenten als mündige und motivierte Persönlichkeiten geschätzt werden, sind sie bereit, Höchstleistungen zu erbringen und im Sinne eines Entrepreneurs eigene Entwicklungen voranzutreiben." Da Innovationen mit Fragen und Neugierde beginnen, aus denen Antworten entwickelt werden, empfiehlt er Absolventen einen gezielten Blick auf die Unternehmenskultur: "Querdenken, Zivilcourage und konstruktiver Eigensinn sollten gewünscht sein." Wie ein Unternehmen sich einer intelligenten Innovationskultur verschrieben hat und wie es in der Lage ist, diese zu kommunizieren, ist also mehr als nur ein Indiz für den Reiz eines bestimmten Arbeitgebers unter den Technologieunternehmen. 

Zurück zur Ausgangsfrage: Wann wird es wieder ein in Deutschland ent­­wickel­tes High-Tech-Lifestyle-Produkt geben, dem es - wie Apple - gelingt, sich durch seine Innovationskraft in Design und Technik einen eigenen Markt aufzubauen? Wer sich erinnert, dass das mp3-Format vom Fraunhofer-Forscher Karlheinz Brandenburg entwickelt worden ist, das letztlich zur Grundlage für Apples Höhenflug wurde, findet einen Hinweis auf die Anstrengungen, die in den kommenden Jahren nötig sein werden. Im Austausch zwischen Forschung und Wirtschaft sind noch immer große Defizite vorhanden, trotz aller politischen Anstrengungen um die Errichtung von Technologietransferstellen oder ähnlichem. Der Handlungsdruck liegt dabei deutlich bei den deutschen Unternehmen, nicht bei möglicherweise versponnenen Forschern, die sich oft tatsächlich eher ungelenk mit Markterschliessungen beschäftigen können. Die deutschen Technologieunternehmen werden nicht umhin kommen, einen engeren Schulterschluss mit den Hochschulen zu suchen, um Spitzenforschung in Spitzenprodukte umzusetzen. Dazu bedarf es manchmal auch einer visionären Strategie und nicht immer eines ausschließlich unter kurzfristigen Gesichtspunkten konzipierten Return on Investement-Denkens. Ein Weg wäre, die Corporate Venture Aktivitäten wieder mit Leben zu füllen und dabei auch strategische Projekte zu finanzieren, die sich mit Know-How-Transfer beschäftigen.  

In jedem Fall werden die Anstrengungen in den kommenden Jahren enorm sein, um im Wettbewerb vor allem mit den immer hochwertigere Produkte produzierenden asiatischen  Firmen bestehen zu können. Möglicherweise wird man der schweren Wirtschaftskrise in einigen Jahren sogar etwas positives abgewinnen - sorgte sie doch für den Leidensdruck, sich rechtzeitig der rapide verändernden Weltwirtschaft anzupassen.