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Medizin

„Wir passen gut auf Sie auf.“

Professorin Dr. Grietje Beck (49) ist seit 2009 Direktorin der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie der Dr. Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) in Wiesbaden. Im Interview verrät die mehrfach ausgezeichnete Anästhesistin, wie sie Patienten die Angst vor der Narkose nimmt, warum ihr Berufsfeld besonders für Frauen attraktiv ist und mit welchen Worten sie ihre Patienten sanft in den Schlaf entlässt.

„Wir passen gut auf Sie auf.“
Prof. Dr. Grietje Beck schildert die Vorteile und Möglichkeiten des Berufs der Anästhesistin.

Frau Prof. Dr. Beck, angenommen, ich stehe kurz vor einem Eingriff. Mehr noch als die Schmerzen und die OP selbst fürchte ich die Narkose. Wie nehmen Sie mir im Vorgespräch diese Angst?
Patienten kommen in der Regel mit Angst vor der Narkose zu uns, das ist etwas ganz Normales. Wichtig ist, dass wir den Patienten gegenüber sehr freundlich, kompetent und professionell auftreten. Wir führen ein ausführliches Gespräch unter vier Augen, nehmen den Patienten und seine Angst ernst und klären alle offenen Fragen gemeinsam. In diesem Gespräch zeigen wir ihm alle Narkose-Verfahren auf, die für seinen Fall zur Verfügung stehen, und erklären, welches Verfahren unserer Meinung nach das sicherste und beste für ihn ist. Wir klären ihn darüber auf, dass wir auch in der Narkose wissen, in welchem Bewusstseinszustand er sich befindet, und nehmen ihm die Angst, dass er während der OP aufwacht. Am Ende dieses Gesprächs soll der Patient wissen: Hier bin ich in sicheren Händen, hier kann ich vertrauen.

Wie viel Psychologin müssen Sie in Ihrem Beruf sein?
Ich muss keine Psychologie-Ausbildung haben, aber ich sollte eine gute Kommunikatorin und Zuhörerin sein, mich in Gesprächsführung mit dem Patienten auskennen und viel Menschenkenntnis mitbringen. So kann ich in der Regel erkennen, wenn ein Patient ängstlich ist und einfühlsam, aber professionell, auf ihn eingehen.

Hand aufs Herz: Wer hat mehr Angst vor OP und Narkose – Männer oder Frauen?
Männer und Frauen haben gleichermaßen Angst, aber sie gehen unterschiedlich damit um. Männer überspielen oft ihre Angst. Manchmal erkennen wir das erst während der Anästhesie, zum Beispiel daran, dass sie einen schnellen Herzschlag oder hohen Blutdruck haben.

Würden Sie vor der Narkose meine Hand halten, wenn ich Sie darum bitte, oder geht das zu weit?
Das würden wir definitiv machen, entweder die Anästhesie-Pflegekraft oder ich.

Spielen wir 'Deutschland sucht den Super-Anästhesisten'. Welche Eigenschaften und Qualitäten muss sie oder er mitbringen?
Ganz wichtig ist Interesse für den Patienten als Ganzes – von seiner medizinischen Vorgeschichte bis hin zu seinen Ängsten und Bedürfnissen. Auch Teamfähigkeit ist eine ganz wichtige Qualität, die Anästhesisten mitbringen sollten. Kollegialer Umgang mit den eigenen Kollegen und Pflegeteams wie auch mit den Chirurgen oder den OP- und Intensivpflegekräften steht im Zentrum des Berufsfeldes. Eitelkeit ist fehl am Platz, Anästhesie ist in gewisser Weise auch ein Dienstleistungsfach. Wir ermöglichen, dass die Operateure in Ruhe und auf hohem Niveau arbeiten können. Ein guter Anästhesist sollte außerdem in Notfallsituationen entscheidungsfreudig und belastbar sein. Im Klinikeinsatz gehören nicht nur Bereitschafts- und Nachtdienste dazu, sondern auch teils psychisch belastende Situationen, mit denen man umgehen können sollte.

Wie gehen Sie mit diesen Belastungen und dem Stress während einer OP um?
Das Wichtigste und Schönste ist, dass ich als Anästhesistin immer im Team arbeite. Ich muss diese Situationen nicht allein aushalten, sondern kann Erlebtes gemeinsam verarbeiten. Für den akuten Notfall gibt es Checklisten, die wir im Team abarbeiten. Zuvor besprechen wir in einem so genannten 'Team Time Out' ganz kurz unsere nächsten Schritte. Wir versuchen, Komplikationen vorherzusehen und bestellen zum Beispiel für den Fall eines hohen Blutverlusts Blutkonserven. Nach der OP ist es wichtig, aus eventuellen Notsituationen zu lernen und die Erkenntnisse aus den so genannten Critical Incidents Reportings mit anderen Abteilungen in der Klinik zu teilen.

Welche Möglichkeiten des Stressabbaus haben Sie für sich persönlich entdeckt?
Während eines Arbeitstages gibt es für Meditation und für derartiges In-sich-gekehrt-sein wenig Zeit. Sicherheit erlangt man durch das Wiederholen, das Einüben verschiedener Szenarien und die Erfahrung im Umgang damit. Da ähnelt unser Beruf ein wenig der Fliegerei. Natürlich ist es aber auch wichtig, dass man nach der Arbeit nach Hause gehen und abschalten kann, sei es beim Sport oder anderen Hobbies. Belastendes kann man mit seiner Familie oder dem Arbeitsteam nochmals besprechen und verarbeiten. Mit Kollegen, die in dem gleichen Prozess arbeiten und dasselbe erlebt haben, funktioniert das sehr gut.

Drehen wir die Zeit kurz zurück: Was hat Sie persönlich damals dazu bewogen, sich für die Facharzt-Ausbildung und diesen Beruf zu entscheiden?
Ich hatte ursprünglich gar nicht vor, Anästhesistin zu werden. Ich habe die Anästhesie damals im PJ gewählt, um einen Einblick in die Intensiv- und Notfallmedizin zu haben. Ich habe gesehen, wie vielfältig die Anästhesie ist, und erlebt, dass in vielen Krankenhäusern tolle Teams auf hohem medizinischem Niveau zusammenarbeiten. Später habe ich eine Familie gegründet. Auch hierzu passte der Beruf ideal, weil ich unter anderem Teilzeit arbeiten konnte. So habe ich die Liebe zur Anästhesie Schritt für Schritt gewonnen und bin dem Fach treu geblieben.

Was macht das Berufsbild Anästhesistin gerade für Frauen attraktiv?
Es ist ein Fach, in dem man die viel zitierte Work-Life-Balance leben kann. Der Tagesablauf ist gut planbar, Arbeit in Teilzeit ist ebenfalls möglich. Die Arbeitsbelastung in einer Klinik ist jedoch relativ hoch. Es besteht aber auch die Möglichkeit, niedergelassen oder ambulant tätig zu sein. Nach Pausen, zum Beispiel nach einer Schwangerschaft, ist es möglich, problemlos wieder einzusteigen oder weiterhin in Teilzeit zu arbeiten. Hinzu kommt, dass gerade Frauen die kommunikativen Fähigkeiten, die in unserem Beruf gefordert sind, mitbringen. 




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