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PsychoCiety

Wer ewig strebend sich bemüht:Teil III

Heute: Mut

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Karl (66) hat seit einem halben Jahr starke Schmerzen beim Wasserlassen, doch er geht nicht zum Arzt. Wenn es Krebs wäre müsste er sich mit dem Tod auseinandersetzen, nach dem Sinn seines bisherigen Lebens fragen und dem fühlt er sich nicht gewachsen.

Renate (48) weiß, dass ihr Mann sie seit Jahren betrügt, aber sie spricht ihn nicht darauf an. Sie hofft, dass er irgendwann damit aufhören wird. Sie will nicht darüber nachdenken, warum er das tut, ob ihr Mann nicht richtig glücklich ist mit ihr - oder ob es nicht längst Zeit wäre einen Egomanen wie ihn zu verlassen. Der demütigende Betrug scheint ihr Selbstwertgefühl weniger zu bedrohen, als Statusverlust und Einsamkeit.

Ines (27) macht jeden Tag Überstunden, um das Chaos, das ihr Abteilungsleiter täglich anrichtet, auszugleichen. Sie fragt weder ihn noch höher stehende "Entscheidungsträger" der Firma, warum sie ihre Freizeit und Gesundheit für die Fehler eines anderen hinhalten muss. Sie hat Angst vor dem Konflikt, Angst vor der schlechten Laune ihres Chefs, wenn er seine Ziele nicht erreicht, sein neurotisches Selbstbild gekränkt und seine permanente Überforderung offensichtlich wird. Dabei weiß sie, dass er sie nach all den Jahren in der Firma nicht einfach kündigen kann und das viele ihrer Kollegen ebenfalls unter ihm leiden.

Paul (9) wird täglich von seinen Mitschülern geärgert und herumgeschubst. Als die Sportlehrerin ihn fragt, woher er die blauen Flecken hat, erfindet er eine Geschichte. Er hat Angst, wenn er den Erwachsenen von den Rüpeleien der anderen Kinder erzählt, wird es noch schlimmer.

Konstantin (33) wird von seiner Freundin Anke (35) gefragt, ob  er sie zu dick finde. Dabei findet sie sich selbst zu dick. Warum nimmt sie nicht ab, sondern fragt ihn? Warum sagt er ihr nicht offen, dass er sie mit fünf Kilo weniger Speck am Po schöner fände? Warum versteckt er sich hinter der Ausrede "Ich will sie nicht verletzen", wenn es ihn doch ärgert, dass sie zu bequem ist mit ihm joggen zu gehen und er sich dabei im Park schon einige Zeit nach anderen Joggerinnen umdreht?


Warum verhalten wir uns nicht richtig, obwohl wir eigentlich genau wissen, was das Richtige wäre? Warum fürchten wir uns so sehr vor der Veränderung, den Konsequenzen des richtigen Verhaltens? Warum sind wir schwach? Und warum schaffen es einige Menschen, trotz Unsicherheit, Angst und Schmerzen, an sich zu arbeiten, sich den eigenen Problemen zu stellen – und so viele andere aber nicht?

Kant schreibt in seinem berühmten Aufsatz zum Thema 'Was ist Aufklärung?': "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." (Kant: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?", 1784)

Kant und die Aufklärung haben sich bemüht den Menschen freier und selbstverantwortlicher zu machen, indem sie von ihm forderten über die (gesellschaftlichen) Verhältnisse zu reflektieren und sich selbst eine neue, vernünftigere Moral zu schaffen, entgegen der damals noch allgegenwärtigen Leitung durch die Kirche. Moralisches Verhalten sollte nicht länger mit Gottesfürchtigkeit begründet werden, sondern sich aus der Vernunft ergeben.

Auch wenn Kant von emotionalen Verhaltensmustern und der Stärke der Prägungen in der Kindheit noch nichts wusste und seine idealisierte Verstandesleistung mittlerweile zur Diskussion steht, ist seine Aussage über die Selbstverschuldung der eigenen Unmündigkeit aus "mangelndem Entschluss und Mut" sehr interessant. Demnach wären Mut und Entschlusskraft die revolutionären Gefühle, die die alte Menschheitsfrage beantworten, warum einige Menschen Verantwortung für ihr Leben, ihre eigene Meinung, ihre eigenen Werte und Bewertungen übernehmen und andere nicht.

Der Blick nach innen erfordert Mut. Als Kinder sind wir oft von unseren Eltern ent-mutigt worden, ihre mangelnde Wertschätzung, ihr Fehlverhalten haben uns den Mut genommen, unseren eigenen Weg zu finden.

Wir müssen Mut und Entschlusskraft als etwas erkennen und erfahren lernen, das uns weiter bringt in Richtung Freiheit und Glück. Wir fürchten uns vor unserem Unterbewusstsein und seinen gehorteten Ängsten, die dorthin verdrängte Wut, die uneingestandenen Sehnsüchte, die Schatten der Vergangenheit. Aber in genau diesen unverheilten Wunden, liegt die größte Gefahr für das Glück unseres Lebens.

Gerade das, was wir selbst nicht sehen wollen, nehmen die Menschen in unserem Umfeld um so deutlicher wahr, leiden darunter, ärgeren sich darüber. Gerade weil wir uns der Infantilität unserer Ängste und Wünsche nicht bewusst werden wollen, sind wir so angreifbar.

Doch wenn wir um unsere wunden Punkte selbst wissen, wer sollte uns dann noch damit verletzen können? Wäre es nicht ein Stück Freiheit, jemandem, der einen schmerzhaft auf einen Fehler aufmerksam macht, zu entgegnen: "Ich weiß, und ich arbeite daran!" Hätten wir den Angreifer dadurch nicht schachmatt gesetzt? Wie würden wir selbst auf jemanden reagieren, der diese Größe hätte, diese Reife? Mut ist der Moment sich mit der Kraft seines Verstandes die eigenen Wunden anzusehen, das eigene Versagen bei der Umsetzung seiner Wünsche und Träume einzugestehen: Warum möchte ich etwas sein, etwas haben (was für mich unerreichbar ist)? Warum kann ich das Leben in seiner Banalität nicht akzeptieren und in seinen realen Möglichkeiten leben?

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch "Gestatten: Ich - Die Entdeckung des Selbstbewusstseins" ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme - und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

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