
- Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin
Jan (38) ist Schauspieler. Er hat immer vom großen Durchbruch geträumt – und es wirklich geschafft: Als Lieblingsdarsteller eines der besten Nachwuchsregisseure wurde er von der Kritik gelobt, dreht mittlerweile einen Erfolgsfilm nach dem anderen und wird jetzt auch vom breiten Publikum erkannt und geliebt. Der Ruhm kam über ihn wie ein Rausch – doch Jan hat sich sehr schnell daran gewöhnt. Jetzt scheint ihm sein Leben ziellos, eine Wiederholung immer gleicher Abläufe, bestimmt von dem Herstellungs- und Marketingprozessen der Filmproduktionen. Bei der Premiere seines neusten Films steht er nun wieder mal im Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich und bekommt von einem Journalisten die Fragen zugeworfen, wie es weiter gehen soll.
Plötzlich wird ihm mitten in der Menge klar, dass egal welche Rollen er noch spielen, welche Filme er noch drehen, welche Erfolge er noch feiern wird, er niemals die Regeln des Lebens aus den Angeln heben kann: Er wird immer ein Mensch bleiben, der älter wird, andere Menschen braucht und sterben muss. Und selbst wenn er der größte Schauspieler seiner Zeit würde, wer würde sich in 100 oder 200 oder 1000 Jahren (dieser Nichtigkeit in der Zeit) noch an ihn erinnern auf dieser Erde (dieser Nichtigkeit im Universum)? Welche Erfindung, welche Weltsicht hätte dann überhaupt noch Gültigkeit? Plötzlich scheint Jan zum ersten Mal in seinem Leben von dem ungeheuren Druck befreit etwas besonderes sein zu müssen.
Reichtum, Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung sind kein Zeichen dafür, dass jemand Verantwortung für sich selbst übernommen hat. Sie sind oft nur Mittel, mit denen wir uns die (kompensierende) Anerkennung anderer erkämpfen, unser Selbstbild kaschieren und sichern wollen.
Verweigert uns unser Umfeld diese Anerkennung, werden die anderen, die Welt schnell zum Feind unserer Selbstbetätigung: Doch weder im Job, noch in einer Beziehung sind unsere Mitmenschen daran Schuld, dass wir nicht genug Anerkennung, Bestätigung und Aufmerksamkeit bekommen. Unser Selbstwert wird letztlich nicht stärker, wenn wir uns ständig gegen andere behaupten, wenn wir glauben, besser sein zu müssen und uns mit Dingen und Titeln und Erfolgen schmücken, die das beweisen sollen. Wir genießen zwar den ein oder anderen kurzzeitigen Triumph, doch bald schon jagen wir dem nächsten hinter her, weil unser Selbstwertgefühl durch diese aufgesetzten Äußerlichkeiten keine Heilung erfährt.
Der Buddhismus verfolgt das Ziel der Glückseligkeit, indem er jedes Bedürfnis abschafft. Das ist für uns westlich sozialisierte Menschen kaum möglich – und auch nicht nötig. Unser Glück hängt nicht so sehr davon ab, nichts mehr zu wollen, als vielmehr davon, Schwerpunke zu setzen, die unserer Veranlagung besser entsprechen: Tiefe emotionale Verbindungen mit anderen Menschen, Verwirklichung unserer kreativen Fähigkeiten und Talente, auch wenn diese der kapitalistischen Werteordnung nicht entsprechen und daher von offizieller Seite kaum Anerkennung finden.
Wenn wir ohne den falschen Traum vom vollkommenen Diesseits oder Jenseits an unser jetzt gegebenes Leben herangehen, spüren wir die Pflicht, dieses eine Leben zu leben und ihm die größtmögliche Selbstgestaltung abzugewinnen. Und selbst wenn es danach weiter gehen sollte: Was würde es schaden jetzt wahrhaftig zu leben?
Unsere Eltern haben uns nicht die Behandlung zukommen lassen, die wir verdien(t)en und deshalb müssen wir auch alle anderen Werte in Frage stellen, die wir aus ihrer Weltsicht übernommen haben. Jedes Verhalten, jede Charaktereigenschaft, die in ihren Augen als gut galt, jedes erreichenswerte Ziel, jedes subtile Oben und Unten ist von ihren Schwächen, der Unreife ihres Charakters und ihrer Weltsicht betroffen. Wenn wir uns das Recht nehmen uns selbst unsere eigenen Werte, unser eigenes Maß zu suchen und zu verwirklichen, wächst unsere Freiheit, unsere Stärke und unser Selbstwertgefühl. Dazu brauchen wir eine eigene Werteordnung, eine selbstgewählte Moral, ein individuelles Maß und den Willen uns ihnen aus freien Stücken zu verpflichten – auch wenn es manchmal unbequem ist.
Wirkliches Selbstvertrauen hat wenig mit Egoismus zu tun, auch wenn uns genau das dann so oft von unserem Umfeld vorgeworfen wird, sobald wir anfangen, unsere Grenzen (neu) zu definieren und uns gegen die Manipulation durch Schuldgefühle wehren. Im Grunde steht hinter diesen Vorwürfen nur der Egoismus der anderen, die uns nicht mehr für ihren eigenen Mangel, ihr eigenes inneres Kind einspannen können.
Wir können beschließen, uns nicht mehr schlecht behandeln zu lassen, nicht mehr beschimpfen zu lassen, versetzt, betrogen oder ausgesaugt zu werden, mit überhöhten Ansprüchen unter Druck zu geraten, in ständige Eifersucht verstrickt zu sein, etc.. Auch wenn es noch so weht tut und die Angst uns verfolgt: Wir sind uns selber zu viel wert, um uns das gefallen zu lassen!
Und da wir uns selbst unsere Sehnsüchte erfüllen, brauchen wir es uns auch nicht mehr gefallen lassen. Keiner, weder Eltern, noch Lehrer, kein Priester oder Chef hat das Recht dazu seine Werteordnung als so richtig zu empfinden, dass er damit uns unseren Wert absprechen könnte. Niemand kommt mit Schuldgefühlen zur Welt. Schuldgefühle entstehen, weil unsere Umwelt wertet, und zwar uns und unser Tun als falsch bewertet. Doch Warum sollten wir automatisch faul werden, nur weil wir halbtags arbeiten? Wir hätten nun viel mehr Zeit für andere wertvolle Interessen und müssten uns und unsere Zeit selbst strukturieren.
Warum ist nur bezahlte Arbeit "wertvolles Tun"? Warum brauche ich Schmerzen oder eine Krankheit, um mir eine Auszeit zu nehmen? Wer bestimmt denn, dass im Café sitzen und nachdenken sinnloser ist, als Überstunden? Was zeigt ein teurer Sportwagen oder ein großes Haus oder ein Designerkleid über seinen Besitzer? Wem müssen wir am Ende unseres Lebens Rechenschaft abgeben? Was brauchen wir wirklich? Hängt unsere Selbstentfaltung an äußeren Gegenständen, die wir meinen, besitzen zu müssen, um anderen zu zeigen wer wir sind? Sind die Dinge, mit denen wir uns umgeben, Sachen, mit denen wir uns wirklich auseinander setzen? Benutzen wir andere Menschen, um uns selbst zu stabilisieren? Warum bewerte ich etwas oder jemanden als gut oder schlecht? Warum tue ich, was ich tue?
Das freie Leben gründet als gutes Leben auf einem Vertrag mit sich selbst, auf dem Bewusstsein der Eigenverantwortung. Wenn ich maßlos und rücksichtslos lebe, kann kein Geld der Welt mir am Ende meine Gesundheit retten oder mich vor Verschuldung oder Einsamkeit bewahren. Wenn ich meinen Partner immer wieder betrüge, darf ich mich nicht wundern, wenn ich am Ende alleine dastehe. Wenn ich meine eigenen Bedürfnisse immer vor die meiner Kinder stelle, wird ihr Verhältnis zu mir (irgendwann) schlecht sein und sie werden nicht glücklich werden. Wenn ich glaube, Pflicht und Ordnung sind die alleinige Wahrheit, wird mein Leben aus Pflicht und Ordnung bestehen.
Nur: Am Ende wird niemand kommen, um das zu belohnen. Ich könnte es ja auch gar nicht annehmen, denn das Genießen einer Belohnung steht ja entgegen meiner Werteordnung. Wenn ich geizig bin, wird mich jeder für einen Geizhals halten, ganz egal, ob ich als Kind immer zu kurz gekommen bin.
Wir müssen unsere eigenen Grenzen finden: Es sind nicht die anderen, die unsere Grenzen erahnen müssen, um uns nicht zu verletzen. Wir können auch nicht von ihnen verlangen, dass sie Verständnis dafür haben, wenn wir nur an uns denken. Der großen Klage über die Orientierungslosigkeit im globalen Kapitalismus kann nur die eigene Wahrhaftigkeit entgegen gesetzt werden, Werte, die jeder von uns selbst lebt. Unsere offiziellen Regeln sind von Ausbeutung und Rücksichtslosigkeit geprägt; Politik, Kirchen und Wirtschaftsführer sind von Egoismus und moralischem Verfall unterwandert:
Wir können uns nur selbst verpflichten den Anstand zu wahren, selbstbewusst gegen Verführungen und Schwäche ankämpfen. "So was tut man nicht" ist ein Satz der seine Wahrheit nur im eigenen Denken und Handeln findet und mittlerweile dem offiziellen Verhaltenscodex entgegensteht. Es ist unrealistisch auf eine umfassende humanistische Wendung der Welt zu warten oder sie einzuklagen, noch dazu wenn wir sie nicht selbst in unserem Alltag bereit sind umzusetzen.
Der Sinn des Lebens, genauso wie unsere Moral und Werte sind letztendlich nicht objektiv zu beweisen. Deshalb ist das Leben aber nicht sinnlos. Der eigene Willen, sich moralisch zu verhalten, die Be-Mühung um Selbstkritik, Freiheit und Selbstbestimmung, kann dem Leben ausreichend Sinn geben. Setzen wir uns also bewusst neuen Erfahrungen aus und manipulieren wir die Erfahrungsmuster unseres Unterbewusstseins selbst!




























