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PsychoCiety

Wer ewig strebend sich bemüht: Teil VI

Eigenverantwortung

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Elisabeth (39) hat eine Therapie angefangen. Schnell wird klar, dass an ihrem mangelndem Selbstvertrauen maßgeblich ihr herrschsüchtiger und cholerischer Vater Schuld ist. Er hat die gesamte Familie unterdrückt und versucht sogar heute noch seiner Tochter seinen Willen aufzuzwängen. Elisabeth hat endlich den Faden zu fassen bekommen, an dem ihr ganzes Leben aufgehängt scheint, das Problem hinter all ihren Problemen. Sie redet viel mit ihrer Freundin Karla (42) darüber und das hilft ihr die verpassten Chancen und gescheiterten Beziehungen, die aufgrund ihrer Angst und Unsicherheit ihr Leben bestimmten, zu betrauern.

Doch nach einem Jahr bricht es plötzlich aus der geduldigen Karla heraus: "Hör endlich auf mit dem Jammern und ändere doch mal was! Du verhältst Dich ja immer noch wie ein eingeschüchtertes Kind und stellst so nach wie vor dein Leben in den Schatten Deines Vaters."

Es ist sehr wichtig für unseren Verarbeitungsprozess, die Wut und die Trauer über die Verhältnisse in der eigenen Familie zuzulassen. Doch mit ihren Schwächen haben unsere Eltern nicht nur uns das Leben schwer gemacht, sondern auch sich selbst. So schwierig es ist, sie zur Rede zu stellen, so wichtig ist es von dieser Anklage auch irgendwann Abstand zu nehmen. Denn die Vergangenheit ist ja nun mal nicht mehr zu ändern und eine bessere Kindheit und stärkere Eltern können nicht mehr eingeklagt werden.

Nachdem wir uns erst mit allen Fasern unserer Seele gegen die Erkenntnis der Schwächen und beschwerenden Einflüsse unserer Eltern auf unser Leben gesträubt haben, halten wir dann oft jahrelang an der Anklage fest. Wir wollen sie nicht aus ihrer Schuld entlassen, ihnen nicht die Absolution erteilen.

academicworld-Kolumnistin

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch "Gestatten: Ich - Die Entdeckung des Selbstbewusstseins" ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme - und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

Doch wenn wir die Verantwortung für unser Glück nicht vollständig selbst übernehmen, vergeuden wir nur weitere Lebenszeit in falschen Mustern. Wir können das Schuldgeständnis unserer Eltern nicht erzwingen, uns die Gerechtigkeit nicht durch Klage oder "Weiterleiden" erpressen. Am Ende kann nur Mitgefühl (mit uns selbst und mit ihnen) uns unseren Frieden bringen - und vielleicht noch ein Kopfschütteln darüber, dass das Schicksaal oft so seltsame Wege geht.

Wir sollten unseren Eltern verzeihen, aber nicht aus irgendeinem christlichen Demutsgebot heraus, sondern aus ganz selbstbezogenen, lebensnotwendigen Gründen: Die Einsicht in die Verantwortung für unser eigenes Leben ist Teil eines gesundenden Selbstwertgefühls. Unser erwachsenes Ich kann jetzt selbst die Verantwortung übernehmen für das Kind in uns, kann es trösten und seinen Gefühlen und Ängsten Geltung verschaffen. Wenn wir unseren Wert nicht von unseren Eltern bestätigt bekommen, müssen wir ihn uns selbst geben. Wir selbst müssen jetzt für unser inneres Kind sorgen, wir selbst müssen ihm die Liebe entgegen bringen, die es immer vermisst hat. Wenn wir selbst nicht die Verantwortung für unser (Un-) Glück, unser Leben, unsere Freiheit tragen wollen, bleiben wir immer weiter in diesen Kinderproblemen stecken.

Es sind nicht (mehr) die Eltern, die äußere Welt, die uns am Glücklichsein hindert: Es sind unsere Erwartungen an diese äußere Welt (an unsere Partner, Freunde und Kollegen), die uns in unserer Unfreiheit und unserem Unglück festhalten. Denn es sind die Erwartungen von hilflosen Kindern. Niemand wird sie mehr erfüllen - außer wir selbst. Daran werden wir wachsen und der Lohn ist: Freiheit und tiefe, gesunde Beziehungen zu anderen Menschen. Beides haben die, die an uns schuldig geworden sind, niemals erreicht. Wir können es besser machen als die anderen. Wir können stärker sein als unsere Eltern.

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