
- Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin
Tanja (36) trifft nach Jahren ihre beste Schulfreundin Judith (36) wieder. Nachdem die beiden ausgetauscht haben, was aus ihnen so geworden ist, fragt Judith Tanja nach ihren Eltern, denn sie war früher oft bei Tanja zu Hause und kannte ihre Familie gut. Als Tanja behauptet in ihrer Familie wäre wie immer alles in bester Ordnung, bricht es plötzlich aus Judith heraus: Sie habe es in ihrer Schulzeit als sehr seltsam empfunden, dass Tanjas Mutter der ganze Familie ihren Willen aufgedrängt hätte. Die Freunde der Kinder, genauso wie alle Sportarten und Hobbys, die Wahlfächer in der Schule und Urlaubziele wurden von Tanjas Mutter bestimmt und es gab kaum ein Chance sich dagegen aufzulehnen. Nach Judiths Meinung ist Tanjas Mutter mit ihrer Herrschsucht daran Schuld, dass Tanja so schwer ihren eigenen Weg ins Leben gefunden hat.
Tanja ist völlig irritiert von Judiths Offenheit und nimmt ihre Mutter in Schutz: Sie wäre eben eine starke unabhängige Frau, hätte wirklich immer gewusst, was das Beste für alle war und mit ihren Urteilen hätte sie eigentlich immer richtig gelegen. Noch heute würde sie genau deshalb bei allen wichtigen Entscheidungen auf den Rat ihrer Mutter hören, genauso wie sie gerne ihre Kleidung nur zusammen mit ihrer Mutter einkaufe, die sich dann nach wie vor als sehr großzügig erweise.
In der darauf folgenden Nacht träumt Tanja, wie sie am Grab ihre Mutter in einem bunten Blumenkleid tanzt. Völlig verstört wacht sie auf.
Neben den Gefühlen der Verzweiflung hindert uns noch etwas anderes an der Einsicht über unsere Vergangenheit: Wir wollen nicht ablassen von unserem Anspruch auf Wiedergutmachung der schlimmen Kindheitserfahrungen. Unser verletztes Selbstwertgefühl tut sich schwer die Grenzen der (erwachsenen) Realität anzunehmen, zu akzeptieren, dass es die "glückselige Seinsvergessenheit der Kindheit", das Paradies für uns nicht gab - und auch niemals geben wird. Wir wollen unsere Eltern nicht vom Thron unserer Anerkennung stürzen, denn dann fiele auch unsere Hoffnung auf Wiedergutmachung mit hinunter. So verzeihen wir ihnen, noch bevor die wirkliche Auseinandersetzung begonnen hat. Wie sollten wir auch weiterhin mit ihnen umgehen, wenn wir ihre Schwächen erkennen und die Konflikte offen legen? Am Ende schicken sie uns womöglich weg und dann müssen wir für immer die Hoffnung auf die ersehnte Anerkennung begraben ... .
Doch wenn unsere Eltern sich lieblos und schwach verhalten haben, haben wir dann nicht ein Recht wirklich wütend auf sie zu sein, obwohl gerade sie uns unser Leben schenkten, uns (doch irgendwie) großgezogen haben?! Und wenn die eigenen Eltern uns kein starkes Selbstwertgefühl zugestanden haben, waren dann wir Kinder falsch oder unsere Eltern? Die Bibel schreibt: Ehre Vater und Mutter. Aber was ist, wenn sie es nicht verdienen? Dürfen wir unsere Eltern lieben und ihnen gleichzeitig Vorwürfe machen wegen ihres Versagens?
Ja, das dürfen wir! Und dieses "dürfen" ist begründet mit dem Recht auf Freiheit und Stärke: Wir werden frei, wenn wir unsere Schuldgefühle hinterfragen, denn der Boden unserer Schuldgefühle und unseres mangelnden Selbstwertgefühls sind der Frust und die unterdrückte Wut auf die Schwäche unserer Eltern. Solange wir sie gegen uns selbst richten, werden wir immer weiter die Fehler bei uns selbst suchen, ohne sie beheben zu können.
Wenn wir unsere Eltern mit ihrem Fehlverhalten konfrontieren, reden sie sich meist heraus, behaupten wir würden übertreiben, hätten nichts mitbekommen von belastenden Umständen, wir hätten unser Unglück selbst zu verantworten oder sie seien eigentlich die viel größeren Opfer. Doch Eltern waren immer zuerst da! Sie haben uns geschaffen und nicht umgekehrt.
Es ist für unsere Eltern fast unmöglich, Fehler einzugestehen, die Einsicht zuzulassen, die geliebten Kinder aus der eigenen Schwäche heraus behindert, vernachlässigt und schlecht behandelt zu haben. Die meisten Eltern können diese Verantwortung nicht auf sich nehmen, denn dazu müssten sie sehr stark sein und gerade das waren sie ja nicht, sonst hätten sie sich nicht so falsch verhalten. Die Wahrheit über die Vergangenheit bereitet beiden Seiten viel Schmerz. Deshalb kommen wir oft viel zu schnell überein, dass alles doch nicht so schlimm gewesen sei, dass Psychologen häufig falsch liegen, immer nur alles auf die armen Eltern schieben, ohnehin übertreiben und überhaupt alle erst mal selbst auf die Couch gehören. Letzteres mag sogar stimmen, es hilft uns nur selbst sehr wenig dabei glücklich zu werden.
Wer je von seinen Eltern gehört hat: "Es tut mir leid. Ich habe mir die größte Mühe gegeben und trotzdem viele Fehler gemacht. Ich wusste es nicht besser, aber heute sehe ich es...", der weiß, was diese Sätze für eine Wirkung haben können für unseren Seelenfrieden, für unser Selbstwertgefühl und gegen all die Selbstzweifel, die wir so lange mit uns herumgetragen haben. Das Aussprechen dieser Sätze kann bei Kindern und Eltern viel Erlösung, Versöhnung und Verständigung bewirken. Sie machen den eigenen Weg zu einem neuen Selbstbild und einem stabilen Selbstwertgefühl nicht unnötig, aber erleichtern ihn ungemein.
Leider werden die meisten Menschen, die erkennen, welchen Einfluss das unreife Verhalten ihrer Eltern auf ihr Leben und ihr Unglück hatte, diese Sätze niemals zu hören bekommen. Sie müssen selbst ihre Gewissheit finden, dass sie als Kinder vollkommen richtig waren und die Eltern leider zu schwach, das zu erkennen und zu respektieren. Sie müssen sich selbst den Wert einräumen, denen ihnen ihre Eltern versagten und versagen.
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