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Lifestyle

Warten auf Miss Halb Fünf

Wie Männer Weggehen erleben und warum 22 Uhr zu früh für Traumfrauen ist

Männer gehen nur weg, weil sie hoffen, Frauen kennenzulernen. Das ist ebenso richtig wie falsch.

Sicherlich ist es so, dass wenn man wüsste, dass nur und ausschließlich Männer anzutreffen wären, man sich doch lieber der Playstation und dem Spätfilm widmen würde. Andererseits würde einen beim Weggehen die volle Konzentration auf Frauen hindern,  anderen ehrbaren Beschäftigungen nachzugehen. Insofern beschreiten die meisten Männer einen Mittelweg: Nach ausgiebigem und budgetschonendem Vorglühen trifft man auf dem Unifest oder einer anderen geeigneten Lokalität ein und widmet sich zunächst nur der Beobachtung des Marktes.

Drei im Sinn

Dies bedeutet, dass der geneigte Mann sich umsieht und ziemlich genau drei Frauen aussucht, die er den Abend über beobachtet und im Auge behält. Dabei gilt die alte Devise der Fußballbundestrainer: Die Tür ist offen, nach beiden Seiten. Sieht man eine bessere als die drei, die man in seine Datenbank aufgenommen hat, muss die drittplatzierte dafür weichen. Mehr als drei Frauen kann sich ein Mann nicht im Kopf behalten, Gehirnakro­baten schaffen vielleicht vier. In dieser Sache ist er wie ein Eichhörnchen, das sich auch nur sieben Verstecke merken kann und einen Haufen Nüsschen ganz umsonst vergräbt.

Schritte 2 bis 9: Trinken

Der eichhorngleiche Mann hat jetzt quasi einen roten Faden gefunden, der ihn durch den Abend bringt und kann sich in aller Ruhe anderen Dingen widmen: Bier, Streitgesprächen, Klamauk und Lästereien. Dinge, die deutlich zu kurz kämen, wenn man gleich die Initiative ergreifen würde. Insofern kann auch um zehn schon eine gelungene Mischung aus Jessica Biel und Natalie Portman vor einem stehen und doch muss es heißen: Nein, es ist definitiv zu früh. Denn einmal durchdacht, würde das bedeuten, plötzlich Fürsorgepflichten zu haben, statt sich einfach durch den Abend treiben zu lassen. Außerdem: Wer sich festlegt, verliert seine Flexibilität. Es bestünde schließlich auch die Möglichkeit, dass ein Bus mit schwedischen Topmodels direkt vor dem Laden eine Reifenpanne hat. Da wäre es natürlich sehr blöd, wenn man nicht helfen kann, bloß weil man schon früh auf Nummer sicher gegangen ist.

Zudem kennt wohl jeder das Phänomen, dass man selbst mit jedem Getränk an Attraktivität zunimmt. Nach acht bis zehn Getränken ist man dann so schön, dass es schwer wird, jemanden zu finden, der mit einem selbst Schritt halten kann.

Um halb fünf gewinnen Frauen an Bedeutung

Das heißt also, Frauen spielen zunächst keine große Rolle, bis es dann so halb fünf ist. Dann würden sie potenziell eine ganz gewichtige spielen, doch überraschender Weise sind keine mehr da, schon gar nicht die drei, die man eigentlich im Auge behalten wollte.

Plötzlich ist man irgendwie einen Moment völlig nüchtern und hört die Worte seines Unterbewusstseins unangenehm klar und deutlich: „Hallo. Du da. Dachtest du wirklich, du kannst hier ewig vor dich hintrinken und erwarten, dass dann noch eine Frau hier ist, die begierig auf Kontakte ist? Sämtliche Frauen, bei denen dies so war, sind schon lange weg. Du hast es vermasselt.“
Hektisch sieht man sich um und erfasst die ganze Tragik. Oh, was für ein Narr man doch war und was Zeit doch für ein flüchtig’ Gut ist! In der Tat sind nur noch wenige Frauen auszumachen. Freundinnen von anderen Männern, Frauen, die gerade zwei Zungen im Mund haben oder Bedienungen, von deren man sogar im betrunkensten Zustand weiß, dass sie sicher den ganzen Abend angemacht wurden und man deshalb lieber auf der geschäftlichen Ebene verbleibt.

Folglich kann es nur heißen: Weitertrinken und scharf nachdenken. Zwei Beschäftigungen, die sich komplett gegenseitig ausschließen. Aber auch durch reinen Zeitablauf bekommt man irgendwann heraus: Deinen Freunden wachsen einfach keine Brüste, egal wie viel Bier man in sie oder dich einfüllt. Hat man das verstanden und mit einem kräftigen „Menno!“ seiner Entrüstung Ausdruck verliehen, folgt der eigentlich gemütliche Teil des Abends. Denn auch wenn schon lange keine Frauen mehr da sind, auf Männer ist in jedem Fall Verlass.

Männer bleiben bis zum Schluss

Auch wenn man noch drei frauenähnliche Wesen da sind, kann man sich darauf verlassen, dass noch Horden von Jungs zugegen sind, mit denen man anstoßen und kurze prägnante Gespräche führen kann. So bilden sich plötzlich lockere Männerverbunde und echte Kurzzeitfreundschaften. Zum Beispiel findet man immer jemanden, der es ebenso toll findet wie man selbst, an der Wand zu lehnen und die Aufforderungen des Räumpersonals, doch bitte auch endlich zu gehen, von sich abperlen zu lassen wie von einer Regenhaut.

Solche Abende enden oft dann mit gemeinsamem Zeitungskästen um- und Außenspiegel abtreten, sozusagen dem Sex des kleinen Mannes. Wenn es gelang, polizeilichem Gewahrsam zu entgehen, ist man am nächsten Tag so erleichtert, dass in der Erinnerung irgendwann ein rundum gelungener Abend daraus wird.