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Karriereplanung

Von Jobsammlern und Parallelarbeitern

"Lern was Anständiges, dann geht’s dir später mal gut!" So einfach, wie es uns Papas gut gemeinter Ratschlag einst weismachen wollte, ist es schon lange nicht mehr. Denn die Arbeitslandschaft befindet sich im Wandel. Auch hoch qualifizierten Akademikern fällt es immer schwerer ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Viele müssen ihren Lebensunterhalt mit mehreren Paralleljobs inner- und außerhalb des erlernten Berufsfeldes bestreiten oder sich ihre Arbeit als Selbstständige sogar selbst schaffen. Peter Plöger hat sich in seinem Buch „Arbeitssammler“ diesem Thema gewidmet – und unicompact Rede und Antwort gestanden.

Alles Brotjobber? Geheime Zweitidentitäten sind nicht länger Privileg der Superhelden

Unser heutiges Normalarbeitsverhältnis mit hoher sozialer Absicherung und klar definierter Wochenstundenzahl – ein Auslaufmodell?
Auslaufen wird das Normalarbeitsverhältnis wohl nicht, da die Arbeitgeber – nach allem, was wir bisher voraussehen können – noch nicht auf spezialisierte, gut ausgebildete Fachkräfte verzichten können, die ihnen für eine längere Zeit treu bleiben. Aber Normalarbeit wird nicht mehr länger der Standard sein. Atypische Arbeitsverhältnisse und Selbstständigkeit nehmen zu, verbreiten sich in immer mehr Branchen hinein, die bis dato als „sicher“ galten. Auch ein Hochschulabschluss ist keine Eintrittskarte in die Normalarbeit. Man kann also sagen: Für alle kommenden Absolventen steigen die Chancen, einen Job zu bekommen – oder mehrere – der mit dem üblichen Nine-to-five mit festem Einkommen und Arbeitsplatz bis zur Rente nichts mehr zu tun hat.

Welche Ausprägungen nehmen die neuen Erwerbsformen an und welche Branchen sind besonders betroffen?
Ein typischer Arbeitssammler wäre zum Beispiel der "Brotjobber". Er verbringt seine halbe Arbeitszeit in einem Job mit regelmäßigem und festem Einkommen. Das kann irgendeine Tätigkeit sein, die ihn auch nicht besonders interessieren muss – wie ein Callcenter-Job. Von dem Geld bezahlt er Miete und Essen. Sein Interesse gilt dem „eigentlichen“ Beruf, etwa Möbeldesigner. Der wirft nur wenig Geld ab, dafür um so mehr Befriedigung, da unser Arbeitssammler für ihn eine Fachhochschulqualifikation erworben hat und er ihm Freude macht. Deshalb behält er ihn freiwillig und macht den Brotjob, um den eigentlichen Beruf zu subventionieren.
Die "Parallelarbeiterin" arbeitet in mehreren Jobs gleichzeitig, die alle mehr oder weniger zur Haushaltskasse beitragen, und von ihrer Bedeutung her etwa gleich gewichtet sind.
Die "Rigorose" verzichtet auf das Jobnebeneinander und zieht lieber ihren Beruf aus Leidenschaft durch. Sie nimmt dafür allerdings auch Zeiten in Kauf, in denen es ihr materiell – und damit eventuell auch psychisch – schlecht geht. Diese und die anderen Arbeitssammler-Typen finden sich inzwischen in sehr vielen Berufen wieder. Künstlerische und kreative Berufe waren einmal prototypisch für diese Arten, sein Leben zu bestreiten. Mittlerweile arbeiten aber auch Banker, Juristen oder Ingenieure so.

Schreibt aus Erfahrung: "Arbeitssammler" Peter Plöger

Wo sehen Sie die Gründe dafür, dass den Arbeitssammlern eine "normale" Beschäftigung verwehrt bleibt und der Arbeitsmarkt diese Entwicklung durchmacht?
Dass uns in den Industrieländern die Arbeit ausgeht, ist ein offenes Geheimnis. Genauer muss man sagen: die bezahlte Arbeit, denn zu tun gäbe es genug. Politik und Unternehmen haben die Situation erkannt und reagieren darauf, indem sie die Erwerbstätigen zu „aktivieren“ versuchen: Die Regierungen haben sich einer "Aktivierungspolitik" verschrieben, die Unternehmen – vor allem die großen – treiben die "Flexibilisierung" der Arbeit voran. Beides bedeutet unterm Strich, dass die Arbeitskräfte stärker unter Druck geraten, immer weitere ihrer Potenziale auf dem Markt anzubieten: nicht nur ihre bloße Arbeitskraft, sondern auch ihre Kreativität, ihre Fähigkeit, sich ihre Arbeit selbst zu organisieren, ihre Kommunikationsfähigkeit, und so weiter. Statt mehr bezahlter Arbeit tönt also der Aufruf: Wir wollen noch mehr von euch haben!
Dazu kommt: Statt dem Lohn steigen nur die Risiken, die nun von den Arbeitgebern auf die Arbeitnehmer abgewälzt werden, etwa das Risiko, krank zu werden und dann kein Geld zu verdienen. Die Arbeitssammler haben aufgrund ihrer guten Ausbildung und ihrer guten "Soft-skills" hier bessere Karten als schlechter Ausgebildete. Letzten Endes suchen auch sie sich diese Arbeitswelt aber nicht freiwillig aus, sondern sind in der Situation, sich ihr anpassen zu müssen oder eben sozial abzusteigen.

Wer ist eigentlich Schuld an der risikobehafteten Entwicklung weg vom klassischen Angestelltenverhältnis?
Von einer Schuld an der Gesamtentwicklung über die Jahrzehnte kann man hier nicht sprechen. Das ist ein Prozess, der schon seit längerem aber natürlich nicht zufällig so abläuft, sondern durch viele einzelne Entscheidungen von Seiten des Gesetzgebers, der Arbeitgeber, der Interessenverbände und der Hochschulen zustande kommt. Wir müssen ihn jetzt endlich so gestalten, dass er auch den Arbeitssammlern und allen anderen bislang benachteiligten Arbeitnehmern nutzt. "Schuld" wären wir dann, wenn wir die Möglichkeiten zur Steuerung jetzt nicht wahrnehmen würden.

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