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Zeitgenössische Literatur

Verlorene Jugend

Schon immer ein beliebtes literarisches Motiv: Der Prozess des Erwachsenwerdens. Zusehends, so hat man den Eindruck, verschiebt er sich in spätere Jahre. Gerade junge Menschen mit akademischem Hintergrund sind oft auch mit Mitte bis Ende 20 noch nicht wirklich im Leben angekommen. Das findet natürlich auch in der Literatur Niederschlag – aber auch Vorbilder, wie in Henry James‘ Washington Square.

Verlorene Jugend
Verlorene Jugend

Lebensentwürfe

Seit kurzem ist Max Lehrer – in Bremen. Das hat allerdings nichts daran geändert, dass der gebürtige Schwarzwälder am liebsten vor dem Fernseher hängt und Tierfilme schaut. Bis ihn plötzlich – es sind mal wieder Ferien – ein Anruf der Eltern ereilt: Er soll Haus und Hund hüten, während sie in Griechenland sind. Wiederwillig folgt er dem Ruf gen Süden. Nicht ahnend, dass ihn der Weg – mental wie physisch – viel weiter führen wird. Wie sehr er die Heimat und vor allem Jan und Maria vermisst hat, wird ihm erst klar, als Maria plötzlich vor der Haustür steht. Bis vor wenigen Jahren waren sie noch ein Paar, jetzt lebt sie zusammen mit beider Kindheitsfreund Jan und anderen in einer Art alternativer Kommune auf einem Bauernhof in der Nähe. Die Anziehungskraft, die Jan und Maria auf Max ausüben – wie auch schon vor 15 Jahren – wirft ihn ein wenig aus der Bahn. Aber so richtig ins Schleudern kommt er erst durch einen Anruf aus Kreta: Seine Eltern sind verunglückt. Für ihn der entscheidende Impuls, sich sowohl dort als auch in New York den Geistern der Vergangenheit zu stellen.

Der Ton, den Fabian Hischmann in seinem Debüt-Roman anschlägt ist meist sanft und melancholisch, die Gedanken und Begebenheiten, die er in diesem Tonfall schildert, sind dafür weniger zurückhaltend. Die Suchen nach der eigenen Identität, die Max nach dem Tod der Eltern in Angriff nimmt, besteht aus vielen kleinen und großen Abgründen, Die meisten liegen in ihm selbst. Die Handlung ist nicht eben überraschend, aber Hischmann erzählt sich so flüssig und unterhaltsam durch die Identitätskrisen des Max Flieger, dass man ihm gerne folgt auf seinen Pfaden in eine Zukunft ohne Lehrerzimmer.

Fabian Hischmann. Am Ende schmeißen wir mit Gold
18,99 Euro. Berlin Verlag

Verlorene Jugend

Schockstarre 

Eigentlich sollte jetzt ihr Leben richtig los gehen. Hailey und ihre Freunde sind Mitte 20, haben die besten Unis besucht und feiern in den angesagtesten Bars von Manhattan. Doch noch immer leben sie ihr privilegiertes Leben auf Kosten von Mama und Papa. Schuld ist der 11. September, der gerade ein halbes Jahr zurückliegt und die Stadt noch immer in Angst und Trauer versetzt. Die Wirtschaft ist in Warteposition und auch Hailey & Co. haben trotz bester Beziehungen kaum eine Chance auf einen Job. Aber lieber nicht darüber nachdenken, das ist die Devise. Also machen sie die Nacht zum Tage und das Feiern und Ausgehen zum Lebensinhalt. Dabei ist zumindest Hailey durchaus nachdenklich. Sie fühlt sich einsam, verloren und ziemlich planlos. Statt der tristen Gegenwart zu trotzen flüchtet sie sich lieber in ihre Träume vom Bilderbuchleben an der Seite des angehenden Menschenrechtsanwalts Michael Brenner. Der idealisierte Michael hat zwar mit einem One-Night-Stand kein Problem, so richtig wichtig ist Hailey ihm aber nicht.

Das bloße Handlungsgerüst lässt das gar nicht einmal vermuten, aber Michelle Haimoff hat hier ein ganz hinreißendes Generationenporträt geschaffen. Die Innenansichten der Wohlstandsnöte von Hailey bieten erstaunlich viel Identifikationspotenzial. Besonders der ein oder andere Hochschulabsolvent wird sich selbst in dieser Phase der Ungewissheit erkennen. Die Helden straucheln und strampeln um die Lebensfindung direkt nach College oder University und sehen sich mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie den eher konservativen Lebensentwürfen der Elterngeneration folgen oder sich eigene Wege suchen. Besonders die inneren Monologe Haileys begeistern in ihrer direkten, aber pointierten Art.

Michelle Haimoff. Die besten Tage unseres Lebens
17,99 Euro. Manhattan Verlag


Verlorene Jugend

Emanzipation

Dr. Sloper hält sich für gnadenlos intelligent und einen echten Menschenkenner.  Kein Wunder, dass er unter keinen Umständen von seinen Überzeugungen abrückt. Zum Problem wird das, als seiner Tochter Catherine – ein unscheinbares, schüchternes Mädchen – vom gutaussehenden, aber finanziell schwach aufgestellten Morris Townsend der Hof gemacht wird. Sloper ist sich sicher, dass dieser nur hinter dem beträchtlichen Vermögen her ist, das Catherine einst erben wird. Das gönnt er dem vermeintlichen Müßiggänger erstens nicht und zweitens ist er sicher, dass diese Ehe lebenslanges Unglück für die Tochter bedeuten würde. Also tut er alles, um das (Un)Glück seines einzigen Kindes zu verhindern. Und Catherine braucht Jahre, um sich von den beiden Männern in ihrem Leben zu emanzipieren und einen eigenen Weg zu finden.

„Washington Square“ ist eines von James’ bekanntesten und beliebtesten Werken. Gekonnt entlarvt er hier menschliche Abgründe und analysiert die gesellschaftlichen Verhältnisse Mitte des 19. Jahrhunderts schonungslos, ohne dem Leser die wahren Motive der Beteiligten zu offenbaren. Im Verlauf der Handlung werden fast alle zentralen Figuren dekonstruiert und in all ihren Schwächen bloß gelegt. Nur die anfangs so blasse Catherine beweist Charakter und gewinnt an Substanz und Selbstvertrauen. Die vorliegende Neuübersetzung von Bettina Blumenberg  liest sich flüssig und äußerst zeitlos. Uns schön anzusehen ist sie mit dem Magenta-farbenen Schnitt zum grauen Leineneinband auch noch.

Henry James. Washington Square
24,95 Euro. Manesse Verlag



Alle Rezensionen: Gisela Stummer (academicworld.net)




Die Berufseinsteigerfrage

Welche Unternehmenskultur ist die richtige für mich?

Die Berufseinsteigerfrage:

Irina M. (27) aus Frankfurt schreibt uns: Ich bin kein direkter Berufseinsteiger mehr, sondern seit 13 Monaten in meinem ersten Job. Mein Arbeitgeber ist ein großes Unternehmen und das Renommee der Firma war für mich auch entscheidend, dort anzufangen. Jetzt hat sich aber deutliche Ernüchterung breit gemacht. Denn es geht nicht mehr um die Aufgaben, sondern darum, sich intern permanent abzusichern. Überall müssen Reports vorgelegt werden, für jede Nichtigkeit werden 20 Kollegen in cc. gesetzt. Ich habe das Gefühl, dass meine Eigeninitiative verkümmert und ich langsam eine gewisse Beamtenmentalität an den Tag lege. Mehrere erfahrene Kollegen meinten jetzt, die Praxis der ineffizienten Überkommunikation sei generelles Markenzeichen der Großkonzerne. Würde dies stimmen, müsste ich mich ganz neu orientieren. Können Sie diese "Absicherungskultur" in den Großkonzernen als Standard bestätig...


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Diese Woche: Notes of Berlin

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In Berlin kommt alles zusammen: Verrückt- und Verruchtheit, Offenheit und Spießertum, Liebe und Hass - im deutschen Mekka für Kreative und Individualisten gibt es viel zu entdecken. Was für skurrile, poetische oder humorvolle Zettelchen und Botschaften überall in der Stadt versteckt sind, zeigt uns ...


Serie: Studenten fragen Professoren

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Studenten fragen Professoren: Alltagsfragen

Frage: Warum bekommt das Eigelb bei hartgekochten Eiern manchmal so einen unansehnlichen grünblauen Rand?Antwort: "Im Eigelb gibt es ein Protein namens Phosvitin, das antioxidative Eigenschaften hat. Dieses Protein hat Eisen an sich gebunden. Im Kochprozess wird im Eiklar Schwefel freigesetzt und es entsteht Schwefelwasserstoff. Im längerdauernden Kochprozess, das heißt bei höherer Temperatur, kann sich das Eisen aus dem Phosvitin herauslösen und mit dem Schwefel aus dem Eiklar zu Eisensulfid verbinden, was dann den grünblauen Rand ergibt. Diese Veränderung – übrigens auch der leichte Geruch nach Schwefelwasserstoff – wird erst beobachtet, wenn sehr lang gekocht wird und die Temperatur im Inneren des Eies hoch ist."Heutiger Experte: Humanernährungsexpertin Prof. Dr. Maria-E. Herr...