Verantwortung und Pflicht: Interview mit Roland Berger

- Roland Berger in seinem Arbeitszimmer © Privat
Der Weg zu Roland Berger führt nach ganz oben. Zwischenstation ist die 31. Etage der Münchener Highlight Towers, ein Empfangsraum mit bis zum Boden gehenden, riesigen Fensterflächen. Die Aussicht von hier oben ist inspirierend, die Weite hat fast medidative Wirkung. Ein paar Stufen nach oben in die nächste Etage, ein Vorzimmer. Der Chairman wartet in seinem Eckbüro, isst ein paar Weintrauben, während sein Zimmer in warmes Frühlingslicht gehüllt wird. Ist, wer so hoch über den Dingen schwebt, möglicherweise entrückt von dem, was unten Alltag ist, was die Menschen bewegt? Roland Berger ist nah dran an den Themen und gesellschaftlichen Fragen, immer noch. Am meisten wird er in der kommenden Stunde des Interviews die Bildungsungerechtigkeit thematisieren, die in Deutschland herrscht. Seine Stiftung ist sein Beitrag, etwas daran zu ändern.
Herr Professor Berger, warum haben Sie eine Stiftung gegründet?
Ich habe von dieser Gesellschaft und dieser Welt sehr profitiert, davon möchte ich etwas zurückgeben. Ich habe mich in ihr frei entwickeln können, ich konnte mir alles erarbeiten. Es gibt das amerikanische Credo des ?learn, earn and return?, diesem Gedanken fühle ich mich aus Dankbarkeit verpflichtet. Deswegen erhoffe ich mir, mit meinen Stiftungsaktivitäten an den Stellen etwas zu verbessern, an denen die Gesellschaft Defizite hat.
Sie unterstützen Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten.
Um ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu führen, ist der Zugang zu Bildung unerlässlich. Wir haben 175 Stipendiaten, davon 15 Studenten. 160 Stipendiaten sind im Alter von 6 bis 19 Jahren. Diese Schüler tragen die Bürde, aus einer der sogenannten bildungsfernen Schichten stammen. Wir begleiten sie alle hoffentlich bis zum Abitur und fördern auf diesem Weg die Begabungen der Kinder und Jugendlichen genauso wie die Entwicklung ihres Wertesystems. Wobei unsere Stipendiaten schon heute eine Verantwortung für andere zeigen.
Wie gehen Sie dabei vor?
Wir unterstützen bei der Wissensvermittlung, helfen mit Nachhilfe und Coaching, organisieren Feriencamps und finanzieren Einzelunterricht. Aber auch die Seele der Kinder muss behütet sein. Deswegen ist die Arbeit unserer Mentoren so wichtig, die sich um die Kinder kümmern. Der familiäre Background der Kinder ist leider oft sehr problematisch. Die Mentoren sind nicht nur Vermittler zwischen Familie und Schule. Sie bringen etwas ein, was viele Kinder in ihrem Umfeld vorher nicht erfahren haben: Eine Zuwendung und ein Zuhören bei persönlichen Problemen, Unterstützung bei den problematischen Schulübergängen, wenn Eltern der Meinung sind, es reiche langsam mit der Schullaufbahn und es lieber sehen würden, wenn ihre Kinder beginnen, zu arbeiten. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund haben es an dem Punkt oft schwer.
Ist die fehlende Bildungsgerechtigkeit ein Versäumnis der Politik?

- Die Highlight Towers in München beherbergen die Roland Berger Strategy Consultants © Roland Berger Strategy Consultants
Über 80 Prozent der Studierenden sind Kinder aus Akademikerfamilien. Das Abitur zu machen und dann an die Hochschule zu gehen ist für Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien um ein vielfaches schwieriger, selbst wenn sie begabter sind. Aus der Gerechtigkeitsperspektive sind diese Ungleichgewichte nicht zu rechtfertigen. Natürlich gehört es zu den Aufgaben des Staates, hier Abhilfe zu schaffen. Es geht zusätzlich ja auch um die Zukunftsfähigkeit des Landes, das viele gut ausgebildete Menschen so dringend braucht.
Der zweite Schwerpunkt der Roland Berger Stiftung ist der mit einer Millionen Euro dotierte Preis für Menschenwürde. Welche Motive liegen diesem Anliegen zugrunde? Ich habe im dritten Reich erlebt, was meinem Vater angetan worden ist. Ich möchte meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Stiftungszweck ist es deshalb, Personen oder Organisationen auszuzeichnen, die sich vorbildlich und erfolgreich für Menschenwürde, Völkerverständigung und Toleranz einsetzen.
Wer hat diesen Preis zuletzt bekommen und wie wurde das Preisgeld verwendet?
In 2009 ging der Preis für Menschenwürde and "Reporter ohne Grenzen" und an die iranische Menschenrechtsaktivistin Dr. Shirin Ebadi.Die Mittel wurden dazu verwendet, in der deutschen Geschäftsstelle von Reporter ohne Grenzen in Berlin einen Help Desk für Journalisten in Not einzurichten und politisch Verfolgte zu unterstützen. Presse- und Meinungsfreiheit sind fundamentale Werte für das Funktionieren einer Demokratie.
Unsere Wirtschaftsordnung sieht sich seit der weltweiten Rezession massiver Kritik ausgesetzt. Wie kann Wirtschaft in Zukunft aussehen?
Ich halte es für wichtig, dass wir die Grundziele eines Unternehmens in der Diskussion nicht unter den Tisch fallen lassen. Ein Unternehmen hat die Pflicht ihren Mitarbeitern und Anteilseignern gegenüber, alles dafür zu tun, erfolgreich zu wirtschaften. Dazu sind Regeln des Anstandes zu beachten, die in der Vergangenheit von einigen verletzt worden sind. Es gibt eine Pflicht zum Anstand, in der Gesellschaft wie in der Wirtschaft. Manche Diskussion über die Wertekultur in Unternehmen gleitet aber ab, da sie nicht zwischen den einzelnen Akteuren und ihrem Verhalten unterscheidet.
An welchen Punkten sehen Sie Unternehmen zu Unrecht unter einem Generalverdacht?
Sie stehen vielleicht nicht unter einem Generalverdacht, aber es wird beispielsweise nur selten gesehen, wie verantwortlich deutsche Unternehmen im Ausland agieren. Deutsche Unternehmen arbeiten freiwillig nach unseren inländischen Standards auch im Ausland. Ein Unternehmen wie BASF hält sich an deutsche Umweltauflagen auch in China, obwohl diese dort wesentlich weiter gefasst sind. Für ein deutsches Unternehmen ist es auch selbstverständlich, dass es keine Kinderarbeit geben darf. Es gibt also auch ethische Standards, die exportiert werden. Wenn deutsche Unternehmen dies in der Art praktizieren, werden sie ihrer weltweiten Verantwortung gerecht.
Müssen Unternehmen nicht so handeln, wollen sie gesellschaftliche akzeptiert sein?
Sicherlich. Die "Licence to Operate" ist Bedingung der unternehmerischen Wertschöpfung. Die gesellschaftliche Akzeptanz zu wahren, zählt zu den Herausforderungen, denen sich die deutschen Unternehmen in den kommenden Jahren genauso stellen müssen wie der demografischen Entwicklung oder der Frage, wie man auf der Kostenseite wettbewerbsfähig bleiben möchte.

- Ausblick aus dem 32. Stock der Münchener Highlight Towers © Roland Berger Strategy Consultants
Wie beurteilen Sie die Innovationskultur in Deutschland im internationalen Vergleich?
Natürlich gibt es die Gefahr, das Schwellenländer sich rasant entwickeln und in der Lage sind, immer anspruchsvollere Produkte herzustellen. Wenn man sieht, dass derzeit lediglich die USA höhere Forschungsausgaben als China tätigen, kann man durchaus die Frage stellen, ob Europa wirklich vorbereitet ist auf diese Entwicklung. Andererseits wird auch China seine Anpassungserfahrungen machen, die Löhne werden weiter steigen. Denken Sie 30 Jahre zurück. Damals galt Japan als die große Gefahr, davon spricht heute zwar niemand mehr - trotzdem sind in dieser Zeit deutsche Industrien vom Erdboden verschwunden, etwa die Produktion von Kameras.
Warum braucht die Wirtschaft auch in Zukunft Beratung - und was macht sie weiterhin so attraktiv für Absolventen?
Beratung ist ein Ergebnis der Arbeitsteilung. Es ist nicht so, dass unsere Berater besser wären als die Manager in den Unternehmen, die wir beraten. Aber wir haben uns bereits Expertise in Projekten erarbeitet, die Kunden in der Tiefe oft gar nicht vorhalten können. Und wenn Sie sich die Herausforderungen anschauen, die bewältigt werden müssen, lassen diese den Schluss zu, das qualitativ hochwertige Beratung noch wichtiger werden wird. Und was den Reiz für Berufseinsteiger betrifft, ziehe ich einen Vergleich mit den Werbeagenturen: Genauso wie hochtalentierte Kreative lieber verschiedene Kunden betreuen, ist es doch auch für Ihre Leser wesentlich spannender und lehrreicher , wenn die Aufgaben, Projekte und Branchen so abwechslungsreich sind wie bei uns.

- © Privat
Roland Berger wird 1937 in Berlin geboren. Nach dem Abitur beginnt er in München zu studieren. Das BWL-Studium langweilt ihn, aber das Unternehmertum reizt ihn. Der 20jähriger Berger eröffnet eine Wäscherei, führt sie neben dem Studium. Die Geschäfte laufen gut, 15 Angestellte hat sein Servicebetrieb, den er schließlich für 600.000 Mark verkauft. Investiert hatte er 5.000 Mark seiner Ersparnisse. 1961 gründet er einen Spirituosendiscount, auch der ist ähnlich erfolgreich. Roland Berger, ein Vollblutunternehmer, schließt sein Studium an der LMU München 1962 als Diplom Kaufmann ab und wird Berater bei Gennaro Boston, einer Gesellschaft, die unter anderem der spätere BCG-Gründer Bruce Henderson ins Leben ruft. Fünf Jahre zwischen Mailand und Boston, zieht es ihn zurück nach München. Er gründet eine Unternehmensberatung. Mit Marketing und Werbefragen beschäftigt er sich, bekommt so Zugang zu Projekten. Es dauert ein Jahr, bis er die Chance bekommt, auf die er hingearbeitet hat.
Als er einen Marketingauftrag in der Tourismusbranche erhält, erkennt er das Potential des Zusammenschlusses von vier bedeutenden Reiseveranstaltern, erschafft schließlich den TUI Konzern - nun wissen alle Unternehmer und Manager, dass es da einen jungen Mann in München mit ganz außergewöhnlichen Fähigkeiten gibt. Der Grundstein für eine fulminante Karriere ist gelegt. In den kommenden Jahrzehnten formt Berger eine internationale Unternehmensberatung mit einem Jahresumsatz von über 600 Millionen Euro. Er baut sich ein Netzwerk in die Entscheiderebenen der deutschen und internationalen Wirtschaft auf, das seinesgleichen sucht. Auch die Politik sucht den Rat des Strategen, der sich für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft engagiert und dafür parteienunabhängig von Schröder bis Stoiber hoch geschätzt wird.
Die Roland Berger Strategy Consultants werden seit 2003 von Burkhard Schwenker geführt, Roland Berger wechselt in den Aufsichtsrat. Die Beratungsgesellschaft, an der Berger noch 9,9 Prozent der Anteile hält, gilt nicht nur für Kunden als Top-Adresse unter den Strategiehäusern. Roland Berger ist für Hochschulabsolventen Start in eine besondere Karriere, die nicht nur zur Partnerschaft in der Berger-Gemeinschaft führen kann, sondern nicht selten auch den Weg in Führungspositionen anderer Unternehmen ebnet. Wer von Berger kommt, ist bestens aus- und weitergebildet. Zudem gilt die Beratung, im Gegensatz zu dem einen oder anderen unnahbar-unterkühlten Mitbewerber, als wohltuend unprätentiös. "Vergessen Sie die Klischees, die über Beratungsunternehmen im Umlauf sind. Roland Berger ist genauso offen, dynamisch und ehrgeizig wie Sie. Und genauso sympathisch", erklärt Per Breuer, bei Berger für die weltweite Personalarbeit zuständig.























