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PsychoCiety

Venedig sehen und sich wundern

Die vergangene Woche war ich zum ersten Mal in Venedig auf der Biennale bei den sogenannten Preview-Tagen. Eigentlich sind diese Tage für die besonders wichtigen Leute der Kunstszene gedacht – dachte ich.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin, Foto: Privat

Ich habe mir stilvolle Menschen in stilvollen Gesprächen über besonders gute Kunst vorgestellt. Die Realität sah aber so aus, dass es besonders viele Menschen in Trägerhemdchen schwitzend in besonders langen Schlangen vor den Pavillons in der Hitze standen und, sobald irgendwo ein Buffet aufgebaut wurde, sich eine Horde Nichteingeladener mit einer Horde Eingeladener um ein paar Häppchen und schlechten Sekt schlug (was vielleicht auch an den Preisen in den venezianischen Cafés und Restaurants lag).

Und wieder wurde der Traum vom Paradies, vom perfekten Leben irgendwo und sei es auch nur für ein paar Tage von der Realität dermaßen zerkratzt, dass die Enttäuschung danach doppelt groß war. Und wieder musste ich mir eingestehen, dass auch ich nach wie vor und trotz hiesiger oftmals aufgegriffener Desillusionierung immer noch in manchen Ecken meines Hirns ein Paradies-Victim bin.

Warum aber träumen wir/ich immer wieder, immer noch davon, dass es irgendwo in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in einer fernen Zukunft einen perfekten Platz mit perfekten Menschen gäbe, Menschen, die gebildet sind, sich zu benehmen wissen, gut gekleidet respektvoll mit sich und uns allen anderen umgehen? Warum können wir die Hoffnung auf diese wunderschöne Werbewelt nicht fahren lassen ? trotz hundertfacher anderer Erfahrung?

Unser Leben wird immer anstrengender, unsicherer durch die globalisierte Finanz- und Wirtschaftswelt immer bedrohter. Und wir bekommen keinen Ausgleich dafür. Dafür wird uns immer häufiger die Superwelt der Superreichen in wunderschönen retuschierten gutzusammengeschnitten Bildern vorgeführt. Ich selbst schaue mir besonders gerne Sendungen von erfolgreichen Buchautoren in einsamen Häusern an Seen im altenglischen Stil, deren Agenten sie durch jede Schreibkrise begleiten und immer fest an sie glauben. Irgendwo muss es das doch geben, das wunderschöne Leben, dass uns ständig versprochen wird! Es kann doch nicht ständig alles schlimmer und wir selbst immer älter werden!

Im Hafen von Venedig standen riesige Jachten auf denen von unten Menschen zu sehen waren, von denen man annahm, dass sie sich gerade wunderbar stilvoll amüsieren. Doch wahrscheinlich hatten die Frauen oben an Deck einen unglaublichen Stress mit dem Altern (ob der sie nun zehn Jahre früher oder später erreicht, ist ja eigentlich egal) oder sie finden vor lauter Reichtum niemanden der sie wirklich liebt und sie durch Krankheit und Verlusterfahrung hindurch begleiten wird. Vielleicht haben sie völlig gestörte Kinder zwischen Drogensucht und Versagensängsten.

Und wer weiß, was die Männer so treiben, wie weit ihnen ihre Erfahrungen mit dem Materialismus überhaupt noch einen respektvollen Zugang zum anderen Geschlecht und anderen Menschen möglich macht (das würde ich Strauss-Kahn und Schwarzenegger und die erfolgreichen Vertreter der Hamburg Mannheimer und die Gewerkschaftsvertreter von Volkswagen wirklich gerne mal fragen: Fängt man sich auf Sex-Partys nicht auch irgendwann mal an zu langweilen? Aber vielleicht ist der Reiz an der unbegrenzte Verfügbarkeit von Frauen für mich als solche niemals zu verstehen?.).


Auf jeden Fall sahen die Menschen oben auf den Parties der Yachten so aus, als wären sie so glücklich wie in der Werbung. Denn auf einer 100 Meter Yacht im Hafen von Venedig zu liegen, während die Linden aus den Giardini herüberduften und die Kunstwelt einem die Welt völlig neu erklärt, da muss man doch nun wirklich im besten aller Leben sein.

Oder ist es vielleicht auch beruhigend, dass es nirgendwo dieses beste aller Leben gibt? Wenn selbst Max Frisch und Kafka und Nabokov normale Menschen in realen Leben mit Glück und Unglück waren, warum sollte ich mir dann ständig so einen Stress machen?

 

 

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch ?Gestatten: Ich ? Die Entdeckung des Selbstbewusstseins? ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme ? und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

 

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