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Buch

Uwe Tellkamp: Der Turm

Uwe Tellkamp: Der Turm

Christian Hoffmann, Sohn eines Arztes, ist die Hauptfigur des Romans. Sein Berufswunsch ist dem des Autors gleich ? Medizin studieren. Auch die Laufbahn Christians ähnelt der von Uwe Tellkamp sehr. Christians Eltern lehren ihn, aufrecht zu sein ? gleichermaßen üben sie mit ihm aber auch das Lügen vor den ?wichtigen? Personen. So muss er z. B. seinen Rektor belügen, als dieser ihn bittet, das Papier zum Wehrdienst zu unterschreiben und landet in Isolationshaft nachdem er bei der NVA doch nicht seinen Mund halten konnte. Sein Vater, mit für das System schlechter Vergangenheit, führt ein Doppelleben, hat Kinder mit zwei verschiedenen Frauen und wird damit von der Stasi erpresst. Seine Frau will flüchten, der Arzt damit jedoch nicht die Zukunft seiner Kinder verbauen. Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. Der Onkel Christians ist Lektor beim Hermes-Verlag und muss den ungeschulten Schreiberlingen zeigen, was geschrieben werden darf und wie das zu erfolgen hat, wobei er selbst nicht daran glaubt. Verschieden andere Familienmitglieder wie auch Bürgerinnen und Bürger, Mitschüler Christians vervollständigen die Komplexität des Romans mit ihren Geschichten ? natürlich sind darunter auch vermutliche und bewiesene Spitzel der Stasi.

Sieben Jahre DDR auf 973 Seiten

Immer nach Informationen über den Staat suchend, in dem ich zehn Jahre lang aufgewachsen bin, habe ich dieses Buch gefunden. Kontext der Rückseite war: Wer etwas über die DDR und das wahre Leben darin erfahren will, sollte dieses Buch lesen. Gesagt, getan. Doch das stellt sich als nicht so einfach dar, denn die 973 Seiten haben es in sich, sind voll von Metaphern und Prosa, was das einfache Lesen und Verstehen sehr schwierig bis teilweise für mich unmöglich machte. Auch der große Figurenkreis macht es nicht einfacher, der Geschichte zu folgen. Es sind zwar nicht so viele Personen wie bei ?Krieg und Frieden?, dennoch ist es anfangs sehr schwierig, sich zwischen den Namen zurechtzufinden und die Rollen der Figuren zu verstehen. Ein Personenverzeichnis ist leider nicht vorhanden.

Der Autor wechselt zwischen und auch in seinen Kapiteln teilweise von seiner durchgängig prosaischen Erzählweise plötzlich zu Wortgruppen, Gesprächsfetzen über Tagebucheinträge bis hin zu Gedankenwiedergabe oder sogar Aufreihung von Geschehnissen in kleinen Absätzen. Dies ist sehr abwechslungsreich und prägt den Roman, besser hätte der Autor meiner Meinung nach die Unterschiede der verschiedenen Tages- und Zeitgeschehnisse nicht gestalten können ? ich meine damit z. B. die Familie, in der man sich normal unterhalten kann, dann das Gespräch mit dem Chef, der ganz anders denkt und man nicht weiß, ob man ihm vertrauen kann, dann wiederum die Situation an der Grenze, wo man überhaupt nix zu sagen hat, dennoch nicht geheimnisvoll sein darf. Und zum Schluss natürlich die zerrissene Situation zwischen der Wirklichkeit, der Hoffnung und gleichzeitigen Verzweiflung - dem Schein der Republik und deren Untergang.

Der Roman dokumentiert die letzten sieben Jahre der DDR. Um dies geräuschvoll, glaubwürdig und dennoch unterhaltsam zu gestalten, benötigt man vielzählige Figuren. Zum einen ist es eine Familiengeschichte, zum anderen aber ein Gesellschaftsroman, da das System stark im Vordergrund steht. Doch nicht nur die Politik und Richtlinien werden lebhaft beschrieben, sondern auch alltägliche Probleme werden aufgezeigt: So spricht der Autor beispielsweise sehr unterhaltsam über die Wohnungssituation - man muss Genossen und Genossinnen in seine Wohnung oder in das Haus mit aufnehmen, wenn diese zu groß sind. Darüber entstehen kuriose Situationen: In versteckten Wintergärten, die eigentlich nicht für jeden zugänglich sind, tauchen beim Frühstück in fröhlicher Runde zwei Stasi-Spitzel auf. Sehr amüsante Szene ? damals allerdings ernste Wirklichkeit.

Glaubwürdig und wertfrei

Der Roman ist glaubwürdig und authentisch geschrieben. Dazu tragen die vielen Erwähnungen der Bilder von politischen Genossen in den Regalen, auf Transparenten am 1. Mai und die Kontrollen an bestimmten Bezirksgrenzen, z. B. Ostrom, durch die Soldaten bei. Man spürt, was es bedeutet: Das ständige Sich-Beobachtet-Fühlen oder die vielen Spaziergänge am Abend ? Pärchen oder Gruppen, die sich unbeobachtet und ungehört unterhalten wollen. Und selbst auf einer Geburtstagsfeier, die ja eigentlich privat ist, muss man aufpassen, welche ?lustigen? Äußerungen gemacht werden dürfen. Die Zwickmühle, ob man lieber Stasi-Spitzel ist (spielt) und damit Andere gefährdet oder sein eigenes Leben und die Familie in Gefahr bringt, ist für den Leser gut nachvollziehbar.

Was mir sehr gefällt ist, dass der Roman keine Wertung abgibt, er erzählt einfach den Ablauf von Stunden und Monaten eines Systems, einer Familie, den Ängsten und Meinungen der Bürger. Als nächster Pluspunkt, der auch stark zur Unterhaltung beiträgt, ist der Wiedererkennungswert der Situationen. Für mich sind es dabei nicht so viele wie für andere Leser, die zu der damaligen Zeit schon erwachsen waren, aber genug, um Euch Beispiele zu nennen: der naive Stolz beim Marschieren am 1. Mai, das Tragen der Pionier oder FDJ-Uniform, der Klassensprecher - damals hieß das Gruppenratsvorsitzender, der Fahnenappell mit dem Rügen und Tadeln der auffällig gewordenen Schüler vor der ganzen Schule und und und. Herrlich, wenngleich ich auch nur gute da unwissende Erinnerungen habe. Umso wichtiger sind mir die Erkenntnisse und Informationen, die ich aus diesem Roman mitgenommen habe. Ich kann das Buch nur weiter empfehlen ? aber vor allem den geduldigen Lesern.

976 Seiten

Suhrkamp Verlag (2008)

Serie: 21 Fragen

Menschen des 21. Jahrhunderts:
Barnaby Metschurat, der Bulle vom KDD

21 Fragen an: Barnaby Metschurat

Seine Schauspielausbildung absolvierte er an der Schauspielschule "Die Etage" in Berlin. Seitdem wirkt der 35-jährige sowohl in Kino- als auch in Fernsehfilmen und -serien mit. Mit dem Film L’auberge espagnole von 2002 reüssierte er international, und auch die Fortsetzung L’auberge espagnole – Wiedersehen in St. Petersburg brachte ihm noch einmal Kritikerlob in seiner Rolle des Deutschen Tobias. Daneben spielt Metschurat auch Theater, unter anderem unter der Regie von Peter Zadek.


Die Berufseinsteigerfrage

Ist spezielle Frauenförderung eigentlich gerecht?

Die Berufseinsteigerfrage:

Stefan T. (27) aus Frankfurt am Main. schreibt uns: “Ich arbeite in einer Unternehmensberatung als Junior Berater. Mir und meinen männlichen Kollegen fällt deutlich auf, dass die weiblichen Beraterinnen von den Vorgesetzten klar bevorzugt werden. Neulich hat ein Partner dies offen damit begründet, dass es für die Firma viel schwieriger sei, Beraterinnen zu gewinnen und vor allem zu halten als männliche Berater und man von daher auch zu mehr Zugeständnissen bereit sei. Für die Kolleginnen gibt es beispielsweise spezielle Rhetorikschulungen, an denen Männer nicht teilnehmen dürfen. Ich finde dieses Vorgehen nicht in Ordnung. Meine Kollegen raten mir aber von einer Beschwerde ab, da ich sonst schnell als Mimose oder Querulant dastehen würde. Muss man als Mann eine solche Zurücksetzung einfach runterschlucken, weil Frauen es lange schwerer im Beruf hatten?"


Serie: Netzperlen

Diese Woche: People of Walmart

Netzperlen:

Wenn man sich in den USA amüsieren will, geht man einfach in den Walmart. Warum es dieser Discounter hierzulande einfach nicht geschafft hat und nach nur wenigen Jahren wieder das Deutschlandgeschäft beendet hat - angesichts dieser Bilder kann man nur den Kopf schütteln. Wir würden sogar Eintritt za...


Serie: Studenten fragen Professoren

Bei jedem sportlichen Großevent purzeln die Weltrekorde – wann ist die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit denn mal erreicht?

Studenten fragen Professoren: Alltagsfragen

Frage: Bei jedem sportlichen Großevent purzeln die Weltrekorde – wann ist die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit denn mal erreicht?Antwort: Die schnelle und einfache Antwort lautet: Vermutlich nie. Nichts spricht dafür, eine prinzipielle Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit zu unterstellen. Das ist durchaus vergleichbar mit alten erkenntnistheoretischen Debatten: Nichts spricht dafür, eine prinzipielle Grenze menschlicher Erkenntnisfähigkeit zu unterstellen.Die umwegige und begründete Antwort könnte skizzenhaft wie folgt lauten: Sport zu treiben, ist kein bloß automatisiertes, im Prinzip kalkulierbares und insofern auch von Maschinen vollziehbares Verhalten, sondern eine kulturelle Tätigkeit. Das hat Konsequenzen in zwei Richtungen: Zum einen ist eine sportliche Leistung, insbe-sonde...