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Zeitgenössische Literatur

Urlaub von der Gegenwart

"Sicher ist, dass ich im Leben ein paar grundlegende Dinge nie begriffen habe, und ich weiß nicht einmal, welche." So die Lebensbilanz des Richters a. D., Wilhelm Weitling. Da wird er plötzlich als handlungsunfähiger Geist in seine eigene Vergangenheit zurückgeworfen.

Sten Nadolny "Weitlings Sommerfrische"
Segeln auf dem Chiemsee kann ungeahnte Folgen haben. © Sigrid Rossmann / pixelio.de

Der Geist und der Junge

Als der pensionierte Richter Wilhelm Weitling 68 ist reißt ihn eine merkwürdige Parallelität der Ereignisse währende eines Sturms auf dem Chiemsee in seine eigene Jugend zurück. Doch verschlägt es ihn nicht in seinen jugendlichen Körper. Vielmehr muss er als an sein eigenes früheres Ich geketteter Geist die Zeit zubringen. Sehen und hören, das ist alles was er kann - vor allem um den Geruchssinn tut es ihm sehr leid. Allerdings stellt er bald fest, dass er sich, wenn jung Willy schläft von ihm trennen kann. Und: es gelingt ihm die Kommunikation. Erst einmal nur mit dem alten, nach außen hin geistig verwirrten Großvater, später auch mit anderen alten Menschen und Betrunkenen, kurz mit denen, die scheinbar ihre geistigen Fähigkeiten nicht unbedingt unter Kontrolle haben. 

Zunächst ist er an seinem vergangenen Leben noch recht interessiert, aber immer stärker stellt sich die Frage: Kann er zurück? Als dann auch noch grundsätzliche Veränderungen eintreten - so wird nicht sein Vater zum gefeierten Schriftsteller, sondern die Mutter - meint er: "Ich hatte immer stärker befürchtet, dass ich einen schrecklichen, riesigen Denkzettel erhalten würde." Wie gut, dass ihm der Großvater versichert, dass das, was mit ihm passiert, durchaus nicht so ungewöhnlich ist. Das Phänomen der "Sommerfrische", wie er es nennt, sei auch ihm selbst schon wiederfahren. Man müsse sich nur gedulden. Allerdings sei das Leben hinterher nicht mehr wie vorher. Seit er das weiß, lebt Weitling in der beständigen Angst bei der Rückkehr seine geliebte Frau Astrid nicht mehr an seiner Seite vorzufinden. Aber wie lange soll er noch ausharren? Kann er die eigene Rückkehr beschleunigen? 

"Meister fallen nicht vom Himmel, selbst wenn sie dort wohnen."

Auch Nadolny ist nicht vom Himmel gefallen. Obwohl schon sein Erstling "Netzkarte" ein beträchtlicher Erfolg war. In "Weitlings Sommerfrische" widmet er sich wieder einmal seinem Lieblingsthema, dem auf sich selbst zurückgeworfenen Individuum, das sich in einer Art Auszeit vom normalen, gewöhnlichen, bisherigen Leben, versucht aufs Wesentliche zu besinnen. Wieder mal sehr lesenswerte Kost vom modernen Klassiker. Trotz seines locker-leicht-sommerlichen Erzählstils, kommen die philosophischen um Leben, Liebe, Tod und Vergänglichkeit nicht zu kurz.

Sten Nadolny "Weitlings Sommerfrische"

Das Buch liest sich kurzweilig und unterhaltsam, wiewohl es ja, wie gesagt, der tiefgründigen Themen nicht entbehrt. Die richtige Strandlektüre für den Leser, der mit seichten Lovestorys nichts anfangen kann und der immer gleichen Krimis überdrüssig ist.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Stan Nadolny. Weitlings Sommerfrische
16,99 Euro. Piper




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