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Gesellschaft

Unter supranaturalistischen Losern – Fantasyautor A. Lee Martinez und seine Romane

Man hat es nicht leicht im Leben, vor allem wenn man als irgend so ein phantastisches, mythisches oder übersinnliches Geschöpf geboren wurde. Das Beste, was einem dann noch passieren kann, ist, Held in einer der Fantasy-Parodien von A. Lee Martinez zu werden.

Grusel, aber nur nebenbei © aboutpixel.de / Geisterschloss / Werner Hrabak

Autorenportrait: Der Herr der abgedrehten Schmunzel-Metaphysik

Fabulierfreude der irrwitzigen Art und tolldreisten Weise: Der aus El Paso, Texas, stammende, US-amerikanische Autor A. Lee Martinez (* 1973) verfaßt humorvoll-absurde Fantasy-Romane mit Horroranleihen. Seine Helden sind klassische Fantasy-Figuren, die allerdings eine deutlich humoristische Schieflage aufweisen, oft haarscharf an der Satire vorbei- bzw. direkt in die Persiflage hineinschlittern. Tatsächlich erleben sie bizarr-verwegene, von temporeicher Action garnierte Abenteuer, welche mit lakonischer Lässigkeit und explizit trockenem schwarzen Humor in allen blutigen Details, aber auch mit sämtlichen kuriosen Nebenhandlungen geschildert werden.

Das mag keine große Literatur sein, fällt vielmehr in die Kathegorie komisch-kruder 'guilty pleasures', ist allerdings zweifelsohne kurzweilig und definitiv (aber)witzig, wobei A. Lee Martinez dem Spaß und gelegentlich einer sympathisch verschrobenen Pseudo-Philosophie den Vorzug vor einer stringenten Story gibt. Lieber überzeichnet er vertraute Fantasy-Versatzstücke, wandelt Handlungsklischees in wahrlich komische Episoden ab und macht so aus Standardsituationen ein kurioses Happening.

Teils wird er als ein Vertreter der 'Pulp-Fantasy' bezeichnet, trivialisiert und veralbert er doch das Fantasy-Genre ohne nennenswerte intellektuelle Tiefgründigkeit oder stilistische Höhenflüge. Gleichwohl hat er Talent, und zwar für rasante, ziemlich durchgeknallte, sich dennoch nicht in Plattheiten verlierende Fantasy mit hohem Unterhaltungswert. Jede Menge Leser wissen es ihm zu danken.

Nicht jedes Mal ein großer Wurf.

Werkschau, die erste: Neurotische Vampire, planlose Oger, mürrische Hexen

Gleich mit dem ersten Roman "Diner des Grauens" ('Gil's All Fright Diner', 2005) hat A. Lee Martinez nicht nur die Stilrichtung für sein Oeuvre vorgegeben - er liebt es flott, frech, flapsig -, sondern auch den Basisplot für alle weiteren, stets in sich abgeschlossenen Bücher geschaffen. Der geht so: Extrem grenzwertige Anti-Helden werden mehr oder weniger freiwillig in delikate, metaphysische Konflikte verwickelt, die sich zu allem Überfluß auch noch als nahendes Weltenende erweisen. Daß dergleichen die Protagonisten völlig überfordert, ist verständlich; doch daß sie trotz ihrer elementaren charakterlichen Defizite als letzte Retter des Kosmos ausersehen sind, macht die drohende Apokalypse zu einer unerhört vergnüglichen Angelegenheit. SOS - Save our sense of humour!

Im Erstling und dem hinreißenden Nachfolger "Die Kompanie der Oger" ("In the Company of Ogres", 2006) entfaltet diese ebenso anspruchslose wie erfrischende Kombination aus originellem Personal, tiefschwarzem Humor und kess-spritziger Schreibe einen ganz eigenen Reiz. Indem sich A. Lee Martinez der gängigen Fantasy-Klischees und Genre-Stereotypen bedient, sie gleichzeitig parodiert, konstruiert er wildwuchernde Geschichten ohne übermäßige dramaturgische Strenge, dafür voll einfallsreicher Figuren. Jene sind es denn auch, die selbst schwächeren Romanen wie "Eine Hexe mit Geschmack" ("A Nameless Witch", 2007) zu narrativem Format verhelfen. Hier etwa läßt sich viel über anstrengend verdrießliche, ausgesprochen blutrünstige Semi-Dämonen in Entengestalt lernen, die offensichtlich ideale Reisegefährten für sich länger hinziehende Rachefeldzüge abgeben.

Mit dem Retro-Charme der Hardboiled-Detectives

Werkschau, die zweite: Menschelnde Roboter und kryptobiologische Zumutungen

Nur einmal bisher hat sich A. Lee Martinez einen kleinen erzählerischen Ausfallschritt erlaubt. Seine findige Future Noir-Parodie "Der automatische Detektiv" ("The Automatic Detective", 2008) besticht durch ihre Hauptfigur, den an seiner menschlichen Identität bastelnden Metallgiganten Mack Megatron. In Empire City, einer Stadt der Zukunft voller Mutanten, Giftmüll und zweifelhafter Technik, gerät er, ursprünglich als Killermaschine konstruiert, nun auf pazifistischen Pfaden wandelnd, in eine üble Verschwörung. Ohne kriminalistische Fähigkeiten, doch mit dem Retro-Charme der Hardboiled-Detectives gesegnet stapft Megatron durch skurille Sci-Fi-Szenarien, während seinen Schaltkreisen viel Humanoides abverlangt wird. Wenn A. Lee Martinez ansonsten sich zur Groteske steigernden Irrsinn bevorzugt, verfeinert er diesen hier mit warmherziger Ironie.

Sozusagen als qualitativen Gegenentwurf hat der Autor mit der Urban Fantasy "Monsterkontrolle" ("Monster", 2009) sein bislang schwächstes Buch abgeliefert. Bis auf ein paar schrullige Sidekicks glänzen weder die humanen noch die parahumanen Wesen mit größerer Originalität, sind vielmehr übellaunige Gestalten, die sich mit ebenso griesgrämigen Monstern herumschlagen und dabei ständig etwas zu murren haben. Erst im turbulenten Showdown setzt sich A. Lee Martinez` übermütiger Stil gegen die laue Story durch.

Fast schon brav: das neue Werk.

Werkschau, die dritte: Verflucht liebenswürdige Schloßbewohner

Gerade ist ein weiterer Roman auf Deutsch erschienen, nämlich "Zu viele Flüche" ("Too Many Curses", 2008), der sich handlungsmäßig in den bekannten Bahnen bewegt, für A. Lee Martinez' Verhältnisse aber recht brav ist. Er kann als ein zu zahmes Jugendbuch kategorisiert oder als gefällige Schauerparodie goutiert werden. Mit der gutherzigen Koboldin Nessy, Haushaltshilfe eines dunklen Magiers, ist jedenfalls eine wunderbare Außenseiter-Heldin gefunden, die nach dem zufälligen Tod ihres Meisters die arkanen Geschäfte am Laufen hält. Und das ist haarsträubend kompliziert bei Schloßinsassen, die entweder unter einem Fluch stehen oder sonstwie indisponiert sind.

Die sich aus Ideenvielfalt, kombiniert mit Sprachwitz und salopp verschludertem Mystery-Touch ergebende locker-schräge Geschichte verströmt zarten Esprit, offenbar an Magie orientiert, die im Buch einmal so definiert wird: "Und so weiter und so weiter, bis die Absurdität den Aberwitz überstieg. (...) Das war das wahre Geheimnis der Magie, wie sie wußte. Sie war fast völlig sinnlos." Aber amüsant, möchte man hinzufügen.

Gleichwohl gilt: In der Gesamtschau seines Werkes bleiben die ersten beiden Romane von A. Lee Martinez', gewissermaßen Fantasy-Punk, seine besten. Warum? Lesen Sie selbst.

Best Of 1: "Diner des Grauens"

Willkommen in Rockwood, in 'Gil's All Night Diner'! Hier werden Sie mit sämtlichen Köstlichkeiten der amerikanischen Küche verwöhnt: pappigen Hamburgern, fettigen Pommes, labbrigem Salat - persönlich serviert von Loretta, der patenten Besitzerin. Ein paar Spötter behaupten, sie wäre fett; doch das sind nur schwächliche Neider, die es im Gegensatz zu ihr eben nicht mit Zombiehorden oder Ghoulinvasionen aufnehmen können.

Tja, da wären wir bereits bei den heiklen Gerüchten über das Diner mitten in der Wüste. Zugegeben, neulich wäre dort beinahe das Schicksal der Menschheit entschieden worden, weil so eine verwöhnte 17jährige Göre mit dem zweiten Gesicht und einer gekürzten Ausgabe des "Necronomicons" versucht hat, die alten Götter, übrigens eine ziemlich üble Bande, heraufzubeschwören. Dummerweise befand sich das Tor zu deren höllischem Wohnsitz direkt unter dem Diner. Selbst Loretta zeigte sich angesichts dieser Situation etwas überlastet. Aber wie das Glück es wollte, kamen gerade zwei reizende Gentlemen auf Durchreise vorbei. Auch wenn der dickbäuchige Duke (of Werewolves) und der komplexbeladene Earl (of Vampires) auf den ersten Blick kaum wie Rockwoods Retter wirkten, besaßen sie gewissermaßen das nötige Know-How im Umgang mit Schwarzer Magie. Zusammen mit dem süßen Friedhofsgeist Cathy (ja, hier in Rockwood sterben, äh, leben die hübschesten Mädchen!) haben sie gründlich aufgeräumt, weshalb sich heute kein Gast mehr vor Zombie-Kühen oder Tentakelmonstern fürchten muß. Sollten Ihre Bedenken vor einem Rockwood-Besuch jetzt immer noch nicht ausgeräumt sein, etwa weil Sie eine allzu empfindsame Seele besitzen, kann Ihnen ersatzweise A. Lee Martinez' Buch über die jüngsten übernatürlichen Vorfälle empfohlen werden. Diese Lektüre ist nur in einer Hinsicht gefährlich: gefährlich witzig.

Best Of 2: "Die Kompanie der Oger"

Die "Unmenschliche Legion" - Wie könnte man passender eine Armee bezeichnen, vor allem, wenn sie hauptsächlich aus Ogern, Orks, Amazonen, Elfen, Kobolden und ähnlichen Wesen besteht? Und die Oberloser unter ihnen gehören zur Oger-Kompanie. Weil die Kommandanten jenes undisziplinierten, hitzköpfigen Chaotenbataillons verdächtig häufig das Zeitliche segnen, wurde vom Militärmanagement beschlossen, Never Dead Ned zum neuen Kompaniechef zu befördern. Der hockt ansonsten in der Buchhaltung und besitzt wenig soldatische Erfahrung, hat jedoch eine ungewöhnliche Eigenschaft, die ihn zum idealen Kandidaten macht: Er kann nicht sterben. Das heißt, zu sterben gelingt ihm zwar (bisher stattliche 49 Mal), aber er bleibt nie lange tot. Während das für ihn, einen völlig durchschnittlichen Menschen, im Alltag Probleme bereitet, erweist es sich für seinen neuen Posten als segensreich. In der Kupferzitadelle bei der Oger-Kompanie geht es rauh zu, und ein paar Leben auf Vorrat können einem da durchaus den Tag retten.

Als sich allerdings das Geheimnis um Neds absonderliche Auferstehungen zu lüften beginnt, wodurch er zum Jagdopfer eines Dämonenimperators wird, steht die verwahrloste Truppe wie ein Mann (Sorry an die Amazonen: natürlich wie eine Person!) hinter ihm. Glücklicherweise, muß man sagen, denn der nächste Tod von Ned würde die Zerstörung des gesamten Universums nach sich ziehen. Und wer wollte schon auf sprechende, zinnoberrote Raben, blinde Seher, die die Zukunft hören bzw. riechen können, Zauberer mit Magieallergie, superhöfliche Zwillingskopfoger, eifersüchtige Sirenen, Steak-bratende Salamander oder launenhafte Baumwesen verzichten?

Die Leser von A. Lee Martinez möchten darauf jedenfalls nicht verzichten, heißt es doch: "Phantasie ist die einzige Waffe im Krieg gegen die Wirklichkeit." (Denis Gaultier).

Ein Kampf, in dem es unverschämt viel zu grinsen gibt.

 

(Nathalie Mispagel, academicworld-Expertin für Film, Funk, Fernsehen und Fantasy)

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