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Film

Toy Story 3

TOY STORY 3 - Sie wollen bloß spielen

Wiedersehen mit alten Freunden; © Walt Disney

Wir haben es schon immer geahnt: Sobald man als Kind sein Spielzeug aus den Augen ließ, führte es ein Eigenleben. Seit "Toy Story" (1995) und "Toy Story 2" (1999) wissen wir auch, welch turbulente Abenteuer dabei erlebt werden. Im nunmehr dritten Teil ist aus dem Spiel Ernst geworden, denn es geht um die entscheidende Frage für alle Spielsachen: Was passiert mit mir, wenn mein Besitzer erwachsen wird?


Ausgespielt


Es ist still geworden in Andys Zimmer. Während er, mittlerweile ein Teenager, lieber am Computer sitzt, fristen seine Spielzeugfreunde Woody, Buzz Lightyear und alle anderen ein eher trauriges Dasein in der Truhe. Die ersten Plastiksoldaten haben sich bereits abgesetzt, weil ihre Mission erledigt ist; Andy wird nie mehr mit ihnen spielen. Sie suchen neue Herausforderungen. Wie sich herausstellt, keineswegs zu früh, weil Andy bald auf ein fernes College gehen wird und zuvor auf Drängen der Mutter seine Bude entrümpeln muß. Woody will er auf seinen neuen Lebensweg mitnehmen, die anderen Spielsachen auf dem Dachboden verstauen. Im allgemeinen Durcheinander werden jedoch die Beutel für Mülltonne und Speicher vertauscht. Überzeugt von ihrer Wertlosigkeit wollen sämtliche Spielfiguren nun "auswandern", lassen sich auch durch Woody nicht mehr von ihrem Vorhaben abbringen und landen schließlich in "Sunnyside", einer Tagesstätte für Kinder. Was zunächst von den dort bereits anwesenden Spielsachen als Paradies angepriesen wird, entpuppt sich als Vorhölle.
Schon in den beiden Vorgängerfilmen waren starke Verlustängste die psychologische Triebfeder allen Handelns. Da fürchtete Woody, von Buzz als Lieblingsspielzeug verdrängt zu werden, später mußte er damit rechnen, als einsames Museumsstück zu enden. Jetzt allerdings ist die ultimative Bedrohung eingetreten: Die Zeit scheint gekommen, daß Andy ihn, vor allem die anderen Puppen nicht mehr wirklich braucht. Aber zumindest werden sie sich selbst brauchen, um im Kindergarten einer diktatorischen Spielzeugbande und ihrem fies-plüschigen Chef Lotso, einem traumatisierten Riesen-Teddy in Pink und mit Erdbeergeruch, entgegenzutreten.


Die glücklichen Zeiten sind vorbei ...; © Walt Disney


Spielkameraden

Fast alle üblichen Verdächtigen sind wieder versammelt: Woody, Buzz, Jessie, das Pferd Bullseye, Dinosaurier Rex, Sparschwein Hamm, Slinky Dog, Mr. und Mrs. Potato Head, die dreiäugigen Aliens. Nach wie vor funktioniert ihr Charakterdesign hervorragend, wobei zwar einige Figuren, etwa der zu Hysterie neigende Rex, leicht vernachlässigt werden, andere hingegen, wie der überraschend wandlungsfähige Mr. Potato Head, große Auftritte hinlegen. Explizit Buzz enthüllt nach einer mißglückten Technikmodifikation ungeahnt glutvolle Machismo-Züge als spanischsprechender Weltraum-Torero, der selbst in Gefahrensituationen einem feurigen Paso Doble nicht widerstehen kann. Olé! Auch die neuen Figuren, ob jene verschlagenen ?Sunnyside?-Bewohner oder die freundlichen Spielsachen von Nachbarskind Bonnie ? darunter ein Totoro als Verneigung vor dem großen japanischen Animeregisseur Hayao Miyazaki ?, sind durchaus ansprechend gestaltet, auch wenn sie nie an den Charme von Woody und Co. heranreichen.
Diese sind in jeder Hinsicht die erste Garde, was allein die Eröffnungsszene hervorhebt. In herrlichster Westernmanier spielt sich hier ein höchst vergnügliches Duell zwischen Woody als Sheriff und Mr. Potato Head als Schurken ab, inklusive Verfolgung zu Pferd, Sprengung von Bahngleisen und... nun ja: Dinosauriergebrüll, Raumschiffattacken etc., weil ja schließlich auch die anderen Spielsachen mitmachen wollen. Im Nachhinein offenbart sich die rasante Sequenz als Erinnerung an frühere Kindertage des mit viel Phantasie spielenden Andy. Damals war die Welt noch in Ordnung und, wie nicht unbemerkt bleiben kann, auch die Storyideen offenbar spritziger. Denn obwohl ?Toy Story 3? zweifellos dynamisch-unterhaltsam, auch sehr witzig inszeniert ist und mit einem stimmigen Production Design, etwa den in ?zwielichtigem Pastell? ausgestatteten Räumen von ?Sunnyside?, überzeugt, fehlt der Computeranimation der letzte Funke an Originalität. Gerade das Drehbuch hat trotz vieler netter Details nur eine verhältnismäßig konventionell entwickelte Flucht-/Rettungs-Geschichte zu bieten.

Terrorregime mit Erdbeergeruch; © Walt Disney


Spielerei

Darüber können weder der lebhafte, wenngleich etwas aufdringliche Score von Randy Newmann noch die 3D-Technik hinwegtäuschen, zumal sie für ein Werk, das von Charakteren und kreativer Erzählweise lebt, überflüssig erscheint. Einzig die schwungvolle Westernparodie zu Anfang profitiert ein wenig von dem 3D-Effekt, während er für den späteren Verlauf des Geschehens nichts weiter als eine wirkungslose optische Spielerei bleibt, insofern sich ein bißchen dem Filmtitel anzugleichen beginnt. Im Gegensatz hierzu wird im exzellenten Vorfilm ?Day & Night? die 3D-Technik nicht nur ebenso sinnvoll wie künstlerisch eingesetzt, sondern darüberhinaus als Wahrnehmungsvariante reflektiert.
Gleichwohl hat ?Toy Story 3? seine Momente. Kaum haben die Spielsachen in der Tagesstätte realisiert, daß sie im falschen Raum gelandet sind, nämlich dem für die jüngsten Kinder, stürmen jene als Monsterhorde herein, und das große Massaker beginnt. Da hilft es auch wenig, daß Buzz noch schnell seinen Helm herunterklappt. Angesichts der zahllosen, vorsichtig ausgedrückt: recht rustikalen Kleinkinder, ist selbst die straff militärisch organisierte Kita-Mafia unter Lotso das geringere Übel. Unter ihnen befindet sich Ken, der sich natürlich in Barbie aus Woodys Truppe verliebt, sich nach einer kitischigen Schmachtromanze dann jedoch schnell auf dem Boden der Tatsachen wiederfindet. Die blonde Lady ist nämlich zutiefst empört über seinen Verrat an ihren Kameraden und rächt sich bitterböse mit einem spektakulären Gemetzel unter Kens Klamotten.


Neues Spiel, neues Glück

Woody und seine Gefährten sind weder für ihre Besitzer noch für sich selbst Superhelden, doch zeichnet sie etwas Besonderes aus: Sie empfinden sowohl für Andy als auch untereinander echte Freundschaft. Was das bedeuten kann, akzentuiert die vielleicht rührendste Szene des Films. Auf ihrer Flucht geraten alle in einen Müllwagen, von dort werden sie in eine Müllverbrennungsanlage geworfen. Während sie immer tiefer den Schuttberg hinunter- und damit immer näher dem Feuer entgegenrutschen, haben sie jegliche Hoffnung auf Rettung verloren. Ihr Schicksal scheint besiegelt. Da greift Buzz nach Jessie und sie wieder nach einem anderen, bis sich alle an den Plastik-, Stoff- und sonstigen Händen bzw. Pfoten halten. Wenn sie sterben, dann als Freunde. Wobei sie freilich nicht mit den grünen Mini-Aliens gerechnet haben und deren abgöttischer Verehrung von Greifkränen, besonders den richtig großen!
Zuletzt landen sie wieder glücklich bei Andy, wo sie sich entscheiden, doch lieber weitergegeben zu werden, als auf dem Dachboden für unbestimmte Zeit festzusitzen. Unerklärlicherweise beugt sich Andy diesem ihm indirekt beigebrachten Wunsch und verschenkt alle seine Spielsachen, sogar Woody, an die kleine sanfte Bonnie. Warum nur? Gerade die Werke von Pixar wirken doch so, als wären ihre Schöpfer im besten Sinne niemals ganz erwachsen geworden und hätten sich die grenzenlose Phantasie ihrer Kindertage bewahrt. Und eben diese Leute wollen ernsthaft behaupten, man soll seine Spielsachen weggeben, wenn man älter geworden ist? Hand aufs Herz: Wer hat nicht doch sein allerschönstes Spielzeug, sein allerliebstes Bärchen bis heute behalten? Eben. Manche Freunde läßt man niemals ziehen.
(Nathalie Mispagel, academicworld-Filmexpertin)

TOY STORY 3
In Disney Digital 3D
Regie: Lee Unkrich
startet in Deutschland am 29. Juli

 

Offizielle Filmseite: www.toy-story-3.de

© Walt Disney
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