Seite empfehlen
Drucken
KARRIERE

Tim Cole: Das Internet war nur der Anfang...

Unternehmen 2020: Das Internet war nur der Anfang...

Unternehmen nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung noch nicht richtig. © IBM

Ein Artikel von Tim Cole 

Die Geschichte des deutschen Mittelstands wurde von starken Unternehmerpersönlichkeiten geschrieben: Männer und Frauen mit Ideen und Visionen, mit dem Mut zur Innovation und dem Geschäftssinn, das Beste daraus zu machen. Sie waren Einzelgänger, die unbeirrbar ihren Weg gingen und am Ende viel Erfolg hatten. Sie sind bis heute Vorbilder geblieben. 

 

Doch die Zeiten ändern sich. Ein Robert Bosch oder Karl Benz, ein Max Grundig oder Hermann Bahlsen hätten heute vermutlich mit einem kleinen Laden kaum noch eine Chance, auf eigene Faust zum Erfolg zu kommen. Sie wären heute wahrscheinlich die ersten, die Internet, moderne Kommunikation und Netzwerkeffekte für sich nutzen würden. Denn das zeichnet inzwischen den weitsichtigen Unternehmer aus: Er lässt den Wandel für sich arbeiten. Solche Weitsicht ist heute mehr gefragt denn je. Der Mittelstand, die tragende Säule unserer Volkswirtschaft, droht eine der wichtigsten Weichenstellungen der Neuzeit zu verpassen: Der Übergang von einer analogen zur digitalen Wirtschaft - einer Wirtschaft, in der es weniger auf unternehmerische Einzelleistung und mehr auf Vernetzung, auf Kommunikation und Kollaboration ankommt. Darauf sind die meisten Unternehmer und Manager auch heute noch, mehr als zehn Jahre nach dem Beginn der Internet-Revolution, noch nicht ausreichend gerüstet.

Auch wenn Ausnahmen die Regel bestätigen, so muss man leider feststellen, dass die Mehrzahl der mittelständische Unternehmen die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht ausreichend nutzen, um ihr Geschäft voranzutreiben und ihre Zukunft zu sichern. Gleichgültig ob Produktionsbetriebe, Handels- oder Dienstleistungsunternehmen: Die meisten nutzen Informationstechnologie und Vernetzung längst nicht offensiv genug. Natürlich stehen überall in den Büros, in Lagerhäusern und Fabriken PCs, natürlich verfügen auch kleine und mittlere Unternehmen über Server und Datennetze zur Informationsübermittlung und -verarbeitung. Sie beschränken sich aber weitgehend auf die Automatisierung klassischer Abläufe und Verwaltungprozesse, zum Beispiel im Rechnungswesen, in der Warenwirtschaft, in der Produktionssteuerung oder in Konstruktion und Planung.

Es stimmt zwar, dass viele Unternehmen in den letzten Jahren auch erste, meist zaghafte Schritte Richtung eBusiness unternommen oder mit Hilfe mehr oder weniger funktionsfähiger Webshops den Einstieg in den eCommerce gewagt haben, manchmal sogar mit einer Anbindung an bestehende Warenwirtschaftssysteme. Insgesamt aber bleiben Digitalisierung und Vernetzung in den meisten mittelständischen Unternehmen Stückwerk - digitale Inseln inmitten analoger, arbeitsintensiver und deshalb heute schon inneffizienter Geschäftsprozesse. Und dabei stehen wir mit der Digitalisierung ja eigentlich erst am Anfang!

Auf die Vernetzung der digitalen Inseln kommt es an. © Stebra, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Aufgabe der nächsten Jahre lautet deshalb ganz klar: Brücken bauen, um die verschiedenen digitalen Inseln miteinander zu verbinden. Das ist leichter gesagt als getan. Bislang mussten die schmalen Brücken, die es bereits gibt, mühsam über technisch teilweise hochkomplexe Schnittstellen hergestellt werden. Nun weiß aber jeder Informationstechniker, wie schwierig es ist, Eingriffe in laufende Systeme vorzunehmen. "Never change a running system!", lautet denn auch das erste Gebot aller IT. Jede kleinste Veränderungen wirkt sich auf andere Systeme aus, wenn also ein Glied in der Kette verändert wird, müssen alle anderen angepasst und ebenfalls verändert werden.

So viel zum Thema Flexibilisierung in der IT. In der Praxis ist es häufig aufwändiger, eine neue Software mit den bestehenden Systemen zu integrieren, als die ursprünglich anvisierte Prozessunterstützung zu entwickeln.  Wenigstens ist in der IT-Branche selbst langsam ein Umdenken zu erkennen, mit einer neuen Hinwendung zur Modularisierung und Wiederverwendbarkeit von System- und Softwareeinheiten. Dazu später mehr.

Doch die Technik ist nicht das Problem. Die wahren Defizite liegen im vernetzten Denken. Sie stellen die eigentliche Ursache für den zögerlichen Einsatz von Informationstechnologie und Internet in mittelständischen (und übrigens auch in vielen großen) Unternehmen dar. In diesem Buch wollen wir die These wagen, dass mit intensiverer Nutzung heutiger Technologien eine viel stärkere Verzahnung aller Geschäftsprozesse in einem Unternehmen und zwischen verschiedenen Unternehmen möglich wäre, wenn Unternehmer und Manager ihre Fähigkeit, vernetzt zu denken, entwickeln und verbessern würden.

Das Unternehmen von morgen wird ganz anders sein als heute. Digitalisierung und Vernetzung zwingen Unternehmen dazu,  sich anzupassen. Tun sie es nicht, droht Europa seine Führerschaft in Technologie und Entwicklung zu verlieren. Aber die Bereitschaft, in neue Technik zu investieren und neue Geschäftsprozesse zu etablieren, ist nicht erst seit der Wirtschaftskrise begrenzt. Wenn der Mittelstand die nächste Stufe der Internet-Revolution verschläft, werden die ?Drittweltländer? an uns vorbei ziehen.

Tim Cole ist der "Wanderprediger des deutschen Internet", wie ihn die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnete, war einer der ersten Journalisten und Buchautoren, die erkannt und beschrieben haben, wie groß der Einfluss digitaler Technik auf die Wirtschaft und insbesondere auf mittelständische Unternehmen sein wird. Im März 2010 erschien sein Buch "Unternehmen 2020 - Das Internet war erst der Anfang", in dem er sich kritisch mit dem Umgang des Internet in der Unternehmenspraxis auseinandersetzt.

medien perspektiven