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Film

THE KEEPING ROOM - Bis zur letzten Kugel

Der Western, wie wir ihn kennen, erlebt seit Jahren einen starken Wandel hin zum sogenannten feministischen Western. In Filmen wie TRUE GRIT steht die Frau als starke und auflehnende Kraft gegen die männerdominierte Gesellschaft im Vordergrund. Auch in THE KEEPING ROOM (Kaufstart: 17. März 2016) sind es zwei Schwestern und eine Sklavin, die sich gegen brutale Bürgerkriegssoldaten zur Wehr setzen müssen und dabei sogar zur Waffe greifen müssen. Aber woher kommt dieser filmische Wandel? Die feministische Filmbloggerin Sophie Charlotte Rieger a.k.a. die Filmlöwin hat die Antworten...

In THE KEEPING ROOM - BIS ZUR LETZTEN KUGEL erleben wir drei starke Frauen, die sich in einer männerdominierten Welt behaupten müssen. Siehst du in der Geschichte heute noch Parallelen zu unserer globalen Geschlechterpolitik?

Filmlöwin: THE KEEPING ROOM setzt sich sehr intensiv mit dem Problem sexueller Gewalt gegen Frauen auseinander und das existiert leider nach wie vor – auch bei uns in Deutschland. Gleichzeitig problematisiert der Film durch die Zusammenstellung der Figuren die Schwierigkeiten weiblicher Solidarität. Eine der Schwestern lehnt die Magd anfänglich ab, weil sie eine Sklavin ist. Feministische Grabenkämpfe an der eigenen Front sind meiner Meinung nach tatsächlich ein Grund dafür, dass bestimmte emanzipatorische Prozesse so langsam voranschreiten.

Von Jennifer Lawrence in SERENA über Hilary Swank in THE HOMESMAN bis hin zu Hailee Steinfeld in TRUE GRIT und THE KEEPING ROOM: In den letzten Jahren finden sich vermehrt Western, in denen Frauen eine tragende Rolle verkörpern. Was glaubst du, woran das liegt? Und warum vor allem das von männlichen Heldenfiguren beherrschte Genre des Western?

Filmlöwin: Ob es die weiblich besetzten GHOSTBUSTERS sind oder auch die Gerüchte um ein weibliches EXPENDABELES Spin-Off – Frauen erobern mehr und mehr Genres. Und so soll es ja auch sein. Einerseits ist diese Entwicklung gar nicht so neu, wie es scheint. SCHNELLER ALS DER TOD hat 1995 schon mit einer Westernheldin (Sharon Stone) gearbeitet. Andererseits geht insbesondere THE KEEPING ROOM einen entscheidenden Schritt weiter: Der Western war schon immer ein Spiegel gesellschaftlicher Prozesse. So wird z.B. John Fords THE SEARCHERS gerne in Hinblick auf die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 50er Jahre gelesen. Das Besondere an Western wie THE KEEPING ROOM ist nun, dass mit Hilfe eines männlich konnotierten Genres die Lebensrealität von Frauen thematisiert und problematisiert wird. Diese feministische Aneignung des Westerns ist definitiv eine junge Entwicklung.

Hauptdarstellerin Brit Marling bewegt sich oftmals nur unter dem Radar der Zuschauer, obwohl sie in ihrer Schauspielkarriere vor allem einprägsame Frauenrollen (THE EAST und ANOTHER EARTH) verkörperte. Ist das Thema für viele Filmschauende vielleicht zu spröde?

Filmlöwin: Das ist ja kein individuelles Problem von Brit Marling, sondern ein allgemeines Problem von Schauspielerinnen. Wie viele sogenannte „Charakterdarstellerinnen“ gibt es denn in der öffentlichen Wahrnehmung? Frauen stechen in Film und Fernsehen auch heute noch vor allem durch ihr Äußeres und/oder ihre Sexualisierung hervor. Der Künstlerbegriff hingegen ist nicht nur in Hinblick auf das Regiefach, sondern auch im Schauspiel noch immer stark männlich konnotiert. Von Jennifer Lawrence einmal abgesehen entfalten Schauspielerinnen selten einen vergleichbaren „Starkult“ wie ihre männlichen Kollegen und schon gar nicht auf Grund ihrer anspruchsvollen Rollen (was eben auch daran liegt, dass so wenig komplexe Frauenrollen geschrieben und inszeniert werden). Und ein Blick auf das DVD Cover von THE KEEPING ROOM genügt schon als Beispiel: Obwohl Augusta (Brit Marling) die zentrale Figur der Geschichte ist, wird Sam Worthington viel größer abgebildet.

Findest du, dass das Hobby oder der Beruf Film ein typisch männlicher Gegenstand ist?

Filmlöwin: Ich glaube nicht an eine objektive Unterscheidbarkeit von männlich und weiblich. Insofern kann es auch keinen männlichen Gegenstand geben, ebenso wenig, wie es einen weiblichen gibt. Aber wenn wir von sozialen, also soziokulturell geformten Geschlechterbildern sprechen, dann ist Film leider ganz sicher etwas, das vor allem der männlichen Sphäre zugeordnet wird. Das liegt vor allem am männlich konnotierten Künstlerbegriff. Ich stelle aber auch immer wieder bedauernd fest, dass die Filmblogosphäre ebenfalls stärker männlich als weiblich geprägt ist. Das liegt aber nicht daran, dass Film ein genuin männlicher Gegenstand ist, sondern an verschiedenen soziokulturellen Faktoren, die uns als geschlechtliche Menschen eben nicht nur darin formen, wie wir uns kleiden, verhalten, etc., sondern auch darin wie wir uns mit welchen Themen beschäftigen.

THE KEEPING ROOM (Kaufstart: 17. März 2016)

Findet deiner Meinung nach die Emanzipation der Frau vor und hinter der Kamera bereits statt oder stecken wir diesbezüglich noch in den Kinderschuhen?

Filmlöwin: Da findet definitiv ein Prozess statt. Zum Beispiel der schon erwähnte Einzug von weiblichen Figuren in zuvor männlich dominierte Genres. Auch die Bemühungen von Pro Quote Regie tragen in Hinblick auf die deutsche Film- und Fernsehlandschaft immer mehr Früchte. Was aber meiner Meinung noch immer viel zu kurz kommt, ist der immense Einfluss, den Mainstreammedien auf unsere Gesellschaft ausüben können. Es reicht nicht aus, mehr Frauen auf die Regiestühle zu setzen, wenn diese durch Produzent/innen, Sendeanstalten und Redakteur/innen veranlasst werden sexistische Geschichten zu erzählen! Gleichberechtigung jenseits der Leinwand kann nur Hand in Hand mit Gleichberechtigung auf der Leinwand erreicht werden!

Wie siehst du die zukünftige Entwicklung in der Darstellung von Sexismus und Diskriminierung gegenüber Frauen-Figuren in Filmen – werden die Frauen „stärker“?

Filmlöwin: Ich nehme auf der Seite der Filmemacher/innen ein gesteigertes Interesse an Frauenfiguren und ihren Geschichten wahr, leider oft in Verbindung mit einer gewissen Hilflosigkeit: Immer wieder treten Drehbuchautor/innen an mich heran und holen meinen Rat bezüglich ihrer Geschichten und Figurenzeichnung ein, wollen wissen, wie sie eine Storyline gleichberechtigter gestalten, wie Figuren jenseits der gängigen Stereotype konzipiert werden können. Es ist erstaunlich und manchmal auch bedrückend, wie schwer es vielen Menschen fällt, Geschichten ohne Rückgriff auf sexistische Muster zu erzählen! Aber die Lösungsansätze sind ja schon da: Wenn eine „feministische Skriptberatung“ oder auch Methoden wie das Besetzungstool „Neropa“ mehr genutzt würden, könnte das eine Menge bewirken!

Wie entstand dein Blog Filmlöwin.de und welche Absichten stehen bis heute dahinter?

Filmlöwin: Ich habe schon immer gerne über Gender-Themen geschrieben, aber das war von Anfang an schwierig. Irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr, mich von Leser/innen beschimpfen zu lassen oder um meine Themen zu kämpfen. Du glaubst ja gar nicht, auf welch große Gegenwehr feministische Texte stoßen und welch absurde Maßstäbe manchmal auch von Seiten der Redaktion angelegt werden. Aber warum ist es im 21. Jahrhundert immer noch notwendig, sich als Feministin so klein wie möglich zu machen, um niemanden zu verschrecken? Ich sehe das einfach nicht ein. Es ist also noch jede Menge Aufklärungsarbeit notwendig, bei der ich selbst über Themen, Herangehensweise und Kommentar-Kultur entscheiden möchte. Mir geht es aber nicht nur darum, für sexistische Strukturen in den Medien zu sensibilisieren, sondern vor allem auch darum, Regisseurinnen und andere Filmfrauen eine Öffentlichkeit zu geben, die ihnen oftmals fehlt. Filme von und über Frauen haben häufig kleinere Budgets, was auch immer weniger Budget für Marketing bedeutet. Infolgedessen sind sie weniger sichtbar als männlich dominierte und dirigierte Blockbuster. Die FILMLÖWIN soll diese Lücke schließen

Wenn ihr Blut geleckt habt, könnt ihr den Film bei uns gewinnen! Wir verlosen 3x DVDs und 3x Blu-rays. Schickt uns eine Mail an gewinn@academicoworld.net unter dem Betreff WESTERN und packt eure Adressdaten dazu, und schon könnt ihr gewinnen!

Academicworld bedankt sich bei der FILMLÖWIN für das Interview!




Die Berufseinsteigerfrage

Wie viel Show-Typ muss man sein, um Karriere zu machen?

Die Berufseinsteigerfrage, Bewerbung & Berufseinstieg:

Malte B. (26) aus Bonn schreibt uns: “Ich bin Ingenieur und arbeite in der Automobilindustrie. Bei aller Bescheidenheit bin ich meinen Traineekollegen fachlich weit überlegen. Ich habe bereits in den ersten Monaten technische Lösungsvorschläge erarbeitet, die direkt umgesetzt worden sind. Da bei uns Teamarbeit großgeschrieben wird, präsentieren wir unsere Arbeiten jedoch immer in der Gruppe. Da ich es unangenehm finde, im Mittelpunkt zu stehen, übernehmen die ‘Show-Typen’ die Präsentation meiner Arbeiten. Leider sammeln sie dann auch die Lorbeeren ein. Reicht nicht die fachliche Kompetenz, muss man auch ein ‘Show-Typ’ sein, um Karriere zu machen? Und wenn ja, wie wird man so?“


Serie: Netzperlen

Diese Woche: Notes of Berlin

Netzperlen:

In Berlin kommt alles zusammen: Verrückt- und Verruchtheit, Offenheit und Spießertum, Liebe und Hass - im deutschen Mekka für Kreative und Individualisten gibt es viel zu entdecken. Was für skurrile, poetische oder humorvolle Zettelchen und Botschaften überall in der Stadt versteckt sind, zeigt uns ...