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Film

„The Descendants“: Verwandtschaft und Verhältnisse

Es ist die Spezialität von Regisseur Alexander Payne, Menschen voller Sehnsüchte und Schwächen in Lebenskrisen mit fein-ironischem Humor zu betrachten. In seinem aktuellen Film „The Descendants“, ab 26.1. im Kino, werden jene Schwierigkeiten verhandelt, die selbst eine ’normale’ Familienexistenz bereithalten kann.

 

Im Zweifel

Eigentlich lebt Matt King (George Clooney) als privilegierter, alteingesessener Hawaiianer im Tropenparadies. Doch auch dort auf der abgelegensten Inselgruppe der Welt wird man weder von Alltagsproblemen noch Daseinsunglück verschont. Kürzlich erlitt Matts Frau, mit der er ohnehin eine inzwischen laue Ehe führte, einen schweren Speed-Boat-Unfall und liegt seither im Koma.

Jetzt trägt Matt, ein erfolgreicher Anwalt, die Verantwortung für beide Töchter. Während sein Verhältnis zur 10-jährigen Scottie (Amara Miller) bald von schrulliger Kameradschaft geprägt ist, muß er sich der 17-jährigen, rebellischen Alexandra (Shailene Woodley) erst langsam wieder annähern. 

Als Matt erfährt, daß seine Frau vor ihrem Unfall eine Affäre hatte, gehen seine letzten Gewißheiten verloren. Kurzentschlossen macht er sich samt Töchtern sowie Alexandras Freund Sid (Nick Krause) auf, um jenen unbekannten Nebenbuhler zu finden.

Derweil plagen ihn weitere Sorgen, muß er doch eine Entscheidung zusammen mit mehreren Cousins fällen, ob das höchst wertvolle, seit Generationen im Familienbesitz befindliche Land an Investoren verkauft werden soll. Seine kleine familiäre Welt ist am Zerbrechen, sein emotionales und gesellschaftliches Verantwortungsgefühl gerät ins Wanken, sein Selbstverständnis als Mann fordert Neudefinition: Matt King befindet sich ohne jeden Zweifel am existenziellen Scheideweg.

In Panik

Man sieht es schon an der Art, wie Matt die Straße hinunterrennt, daß sein Leben die Balance eingebüßt hat. Erfüllt von jäher Panik taumelt er in kurios rasanter Weise zu nahen Freunden, um sich bei ihnen den eben gehörten Verdacht bestätigen zu lassen: Ja, seine Frau hatte einen Liebhaber! Das Warum allerdings muß für Matt wie für den Zuschauer im Dunkeln bleiben, liegt doch Matts Frau, die es hätte vielleicht erklären können, längst im Sterben.

Indem sie als Gegenüber für eine erforderliche Auseinandersetzung wegfällt, dient sie nurmehr als Katalysator kommender Ereignisse. Und eben dieser dramaturgische Kunstgriff – schon begründet in der ausgezeichneten Literaturvorlage von Kaui Hart Hemmings – macht „The Descendants“ zu einer besonderen Story. 

Die Klarheit der Konflikte steht diametral zu deren Korrelat. Insofern können die Probleme nicht gelöst und aus der Welt geschafft werden, sondern harren der Verarbeitung, um später in ihrer ’bewältigten Form’ als Grundlage für ein neues, reifes Zusammenleben zu dienen. Das ist eine sehr erwachsene, deshalb aufregende Weise, mit Krisen umzugehen, auch wenn deren Umsetzung durchaus ihre Tücken hat.

Zu schön, wie sich das Inselhopping von Matt und Anfang zwecks Aufstöbern des Lovers zu einem dezent verschrobenen Familienausflug entwickelt, der so manchen Beteiligten in einem anderen Licht zeigt. Gerade der schon peinlich lässige Sid erweist sich als vertrauenswürdiger Freund, der mehr vom Leben und Loslassen versteht als erwartet.


academicworld-Kinoexperte

Nathalie Mispagel lebt in Hassloch bei Frankfurt und studierte Jura, Allgemeine und Vergleichende Literatur- sowie Filmwissenschaft. Sie promovierte in Komparatistik und hat mit "New York in der europäischen Dichtung des 20. Jahrhunderts" (erschienen bei Königshausen & Neumann) jüngst ihr erstes Buch veröffentlicht.

Die leidenschaftliche Cineastin schreibt seit zwei Jahren für academicworld.net.


Im Wandel

Denn vom Loslassen handelt „The Descendants“, vom Entbehren eines trotz allem geliebten Partners, vom Entgleiten der Kontrolle, vom Verlust durch Schicksalsschläge, aber auch von jener bittersüßen Freiheit des Wandels. Das ist tragisch und komisch, lächerlich und skurril zugleich und macht den Film zu einem sehr lebensnahen, emotional glaubwürdigen Drama, alles vor dem gegenwartsbezogenen Hintergrund einer komplizierten Landeshistorie. 

Sollte nämlich Matts Familie den unberührten Grundbesitz an der Küste von Kauai verkaufen, würde sie das Band zu ihren hawaiianischen Vorfahren endgültig kappen. Als ’hapa-haole’, eine Mischung aus Einheimischen und Weißen, besitzt Matt eine diffizile kulturelle Identität, die für ihn erst während seiner persönlichen wie familiären Misere an Bedeutung gewinnt. Sobald er sich auf die zukünftige Rolle als alleinerziehender Vater vorbereiten muß, beginnt er gleichzeitig, sich als Teil einer langen Ahnenreihe und Nachfahre zu begreifen.

Alexander Paynes Blick auf Matts Situation ist analytisch scharf, aber tolerant, gelegentlich leicht spöttisch, doch stets verständnisvoll; fast möchte man meinen: weitherzig.
Und George Clooney nutzt die Chance dieser seiner ersten ’Altersrolle’ – ein bald verwitweter Gatte und überforderter Familienvater in der (Midlife-) Crisis – für eine ebenso zurückhaltende wie subtile Vorstellung von Verunsicherung, schafft es mühelos, mal empfindsam, mal freundlich-absurd zu wirken. 


Im Rhythmus

Faßbar ausgearbeitete, nie übercharakterisierte Nebenfiguren wie Matts barscher Schwiegervater (Robert Forster) oder die betrogene Ehefrau des Liebhabers (Judy Greer) flankieren die Story einer Mensch-/Mann-Werdung im Kontext kultureller Traditionen, machen sie zur plausiblen Alltagswirklichkeit. Dass sie auf einer Trauminsel spielt, ist da schnell vergessen, aber nicht, dass es sich hierbei um Hawaii handelt.

Neben der authentischen Geschichtsdarstellung stimmt einfach jedes milieugebundene Detail, ob die ’echten’ Haiwaiihemden, das Barfußgehen oder der auf landestypische Musik bauende Soundtrack. Letzterer trifft ebenso wie die Inszenierung den richtigen Ton und Rhythmus.

Auch Matt und seine Töchter finden irgendwann zu einem guten Rhythmus zurück, werden als Bewohner der nördlichen Spitze des polynesischen Dreiecks selbst zu einem harmonischen Familientrio. Dann braucht es nur noch Eis beim Fernsehen und eine große Hausdecke für unauffälliges Lebensglück. (Nathalie Mispagel)

 

 

The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten 

Regie: ALEXANDER PAYNE
Darsteller: GEORGE CLOONEY, SHAILENE WOODLEY, BEAU BRIDGES, ROBERT FORSTER, JUDY GREER

Kinostart: 26.1.2012

 

 


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Dominik Graf wurde 1952 in München geboren, wo er die Hochschule für Fernsehen und Film besuchte. Als Kino- und TV-Regisseur ist er unter anderem für zahlreiche Folgen der Kriminalserien “Tatort” und “Polizeiruf” bekannt. 2011 gewann er zum neunten Mal den Adolf-Grimme-Preis und ist damit der am häufigsten ausgezeichnete Träger des begehrten Fernsehpreises. Seit 2004 ist Dominik Graf Professor für Spielfilmregie an der Internationalen Filmschule Köln und wurde 2005 zum Honorarprofessor ernannt.


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