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Film

The Best Exotic Marigold Hotel: Neu(lich) in Indien

Jung sterben wollen die wenigsten, altern auch kaum mehr. Ein Gegenmodell könnte 'Reifen auf Indisch' sein. Der bezaubernde Film "The Best Exotic Marigold Hotel", ab 15.3. im Kino, bietet erste Eindrücke.

Ab 15. März im Kino

"Das Älterwerden ist die einzige Alternative zu einem frühen Tod." (Otto Schuster)

Evelyn (Judi Dench) hat ihren Mann verloren und sitzt nun auf dessen Schulden. Douglas (Bill Nighy) und Jean (Penelope Wilton) haben ihr Vermögen erfolglos in die Internetfirma ihrer Tochter investiert. Muriel (Maggie Smith) wartet auf eine neue Hüfte. Norman (Ronald Pickup) fehlt Glück bei den Frauen, Madge (Celia Imre) bei den Männern. Und Graham (Tom Wilkinson) trauert schon ewig seiner Jugendliebe nach. Zu allem Überfluß sind jene Herrschaften nicht nur vom Leben gezeichnet, sondern auch noch in einem Alter, in dem man es ihnen ansieht. Die Sieben zählen nämlich zu den Best-, eher schon Silver-Agers. Ihre drohenden 'Goldenen Zeiten' wollen sie erst gar nicht abwarten, fliegen stattdessen nach Jaipur, wo ein Hotel günstigen Luxus für "the elderly and beautiful" anbietet. Wenn schon Lebensherbst, dann wenigstens mondän.

Dass es die angejahrten Briten ausgerechnet ins ehemalige Kolonialgebiet Groß-Britanniens verschlägt, ist mehr als eine nette historische Replik, akzentuiert vielmehr, wie sehr sich die Zeiten politisch wie privat geändert haben. Evelyn und die anderen haben unabhängig voneinander aufgrund ihres Alters bzw. mit ihrem Ruhestand an gesellschaftlicher Bedeutung eingebüßt, sind nun eine gering beachtete Randnotiz im sozialen Leben. Daran muß etwas geändert werden und sei es mit einem Umzug auf den Subkontinent. Nur ist Indien eben nicht England – zum Glück für alle.


"Alte Leute sind gefährlich, sie haben keine Angst vor der Zukunft." (George Bernhard Shaw)


Die charmante Tragikomödie "The Best Exotic Marigold Hotel" ist ein filmisches Kleinod. Ein seltenes zudem. Schließlich hält das Gegenwartskino nur wenig Hauptrollen für ältere Darsteller bereit, schon gar nicht sieben, und thematisiert dann auch noch altersspezifische Themen. Überraschenderweise gibt es ein Leben jenseits von Jugend-, Lifestyle- oder Prestigewahn, das weder in Rollatoren-Siechtum enden muß, noch durch noble Altersweisheit auffällt, dafür entspannte Gelassenheit bringen kann. Wenn solche dann noch mit prächtig versnobtem Sarkasmus gepaart ist und diesem unwiderstehlichen Understatement, das wirklich nur Briten in Vollendung beherrschen, hat menschliche Bejahrtheit plötzlich ungeheuer an Attraktivität gewonnen. Mal ehrlich: "Live fast, die young" ist definitiv eine Ausrede für Daseinsdilettanten!

Sobald in kurz hingetupften, den individuellen Charakter präzise herausarbeitenden Sequenzen die Protagonisten vorgestellt worden sind, liegt man diesem hinreißenden All(Old)-Star-Ensemble bereits zu Füßen. Göttlich, wie Maggie Smith, die das pikierte Schauen wie keine andere versteht, mit ihrer mokanten Bissigkeit ganze Krankenhäuser aufmischt; köstlich, wie Ronald Pickup als lässiger Belami 30 Jahre jüngere Frauen bezirzen will; berührend, wie sich Judi Dench mit melancholischer Grandezza durch den telefonischen Beratungsdschungel kämpft; unverschämt wunderbar, wie Celia Imre das Enkelhüten zugunsten des Männerfangs aufgibt. Man muß sie einfach mögen, wie sie um Haltung kämpfen, ohne deswegen ihre Hoffnungen begraben zu müssen.

"Im Alter bereut man vor allem die Sünden, die man nicht begangen hat." (William Somerset Maugham)

Angesichts solch geballter Schauspielklasse mag es verständlich sein, daß Ol Parkers klug-sensibles Drehbuch, basierend auf dem Roman "These Foolish Things" von Deborah Moggach, sich explizit auf die Hauptprotagonisten konzentriert und dabei manche Nebenfigur zum Stichwortgeber degradiert. Aber das fällt wenig ins Gewicht, sind doch die Dialoge mit einem herrlich ironischen, trockenen Witz angereichert und die Konflikte der sieben Wahl-Inder höchst glaubwürdig konstruiert. Die drehen sich vordergründig um finanzielle wie gesundheitliche Probleme und um ausgesprochen stilvoll inszenierten, potent(iell)en Alterssex, aber in Wirklichkeit geht es um die klassischen, ewig gleichen Lebensfragen. Wie gehe ich mit Erfahrungen, mit dem Neuen um und integriere sie in mein Dasein? Also, wie wachse ich in Würde an mir und der Welt? Und wenn das mit der Würde mal nicht klappt: Wie schließe ich trotzdem Frieden mit mir?

Beim ersten Anblick des 'Best Exotic Marigold Hotels' treten derartige persönliche Überlegungen allerdings zurück. Der überambitionierte, junge Besitzer Sonny Kapoor (Dev Patel) hat im Internet nämlich nicht den gegenwärtigen, bestenfalls mit Shabby-Chic zu umschreibenden Zustand des Hotels präsentiert, sondern seine Phantasien von dessen großartiger Zukunft. Wirklichkeit und Wahrheit sind in Indien absolut verhandelbare Größen.

Tatsächlich müssen die britischen Gäste sich nicht nur mit einem elektrisierend fremden Land arrangieren ? vor allem Muriel ist schockiert, daß sie jetzt von Indern (!) umringt ist ?, sondern auch mit einer anderen Mentalität. Das stellt die ohnehin verzwickte Ehe von Douglas und Jean auf eine schwere Probe. Während Bill Nighy als personifizierte Gehemmtheit brilliert und sich mit stocksteifem Elan in den Genuß subtropischer Unvollkommenheit stürzt, verwehrt die kunstvoll säuerliche, notorisch unzufriedene Penelope Wilton ("Obviously, one?s read one?s Kipling") jeglichen Wandel. Ihre Vorstellung von Wonne ist ein 1. Klasse-Flugticket Richtung Heimat.


"Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden." (Franz Kafka)


Leichthändig und mit verhaltenem Tempo stupst John Maddens Regie die Story an, kultiviert warmherzige Menschlichkeit, akzeptiert menschliche Schwäche, zelebriert schrullige Beschaulichkeit: Alter ist keine Zumutung, sondern ein Triumph des Durchhaltevermögens. Gleichwohl meint Alter auch Trauer, eingefangen in Grahams schmerzliche Erinnerungen. Einst verliebte er sich in Indien unsterblich in einen jungen Mann, doch beider Zuneigung mußte den gesellschaftlichen Konventionen geopfert werden. Jetzt, viele, allzu viele Jahre später, will Graham Manoj, den er nie vergessen konnte, wiedersehen. So zart, wie von dieser tabuisierten Liebe erzählt wird, so bedächtig ist Tom Wilkinsons Spiel, das die tiefen Emotionen kaum an die Oberfläche zu tragen wagt.

Und über allem strahlt die Sonne Rajasthans. Freude und Leid werden von Ben Davis' magischer Kamera in die goldenen Farben der Exotik getaucht, in Wärme und Helligkeit, in Buntheit und Glanz, in indisches Chaos und südasiatische Freundlichkeit, umwoben von folkloristisch angehauchter Musik. Das ist vielleicht ein Klischee, aber eines voller Schönheit. Auch der Blog von Evelyn, mit dem sie das Indien-Abenteuer in der Voice-over begleitet, mag aus altbekannten Lebensweisheiten bestehen, was sie freilich nicht weniger wahr macht. Manchmal muß man eben buchstäblich um die halbe Welt reisen, um bei sich anzukommen... zumindest halbwegs.

Sonny würde sagen: "Everything will be all right in the end. So, if it is not all right, it is not yet the end."

The Best Exotic Marigold Hotel

Regie: John Madden
Darsteller: Judi Dench, Bill Nighy, Maggie Smith
Kinostart: 15. März 2012

Im Verleih von 20th Century Fox

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

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