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Innovation

Technik social TV

"Werbeausblendung? Daran hat sich noch kein Hersteller von Set Top Boxen herangewagt"

Professor Karsten Morisse (Foto) von der University of Applied Science in Osnabrück forscht innerhalb der Fakultät für Engineering und Computer Science an Lösungen, die Fernsehen und Internet weiter vernetzen werden. Wir sprachen mit ihm über sein aktuelles Projekt und über die Zukunft des Fernsehens.

© Privat

Sie arbeiten an einer Lösung, die social tv ermöglichen soll. Was ist damit gemeint und was macht dies Ihrer Meinung nach so attraktiv?

Wir arbeiten in meiner Arbeitsgruppe an Empfehlungsdiensten für TV-Angebote auf Basis von Social Communities, und auf Basis algorithmischer Ansätze. Beispiele der Community-basierten Ansätze sind Twitter oder Facebook. Solche Empfehlungsdienste kennt man aus Online-Shops, wie beispielsweise Amazon.com. Dort werden einem Artikel auf Basis der früher getätigten Einkäufe und der Käufe anderer Nutzer empfohlen. Ähnliche Ideen stecken hinter den Empfehlungsdiensten für TV-Angebote. Im Satelliten-Fernsehen ist das Programmangebot heute nicht mehr überschaubar. Da ist der Hinweis eines Freundes durchaus hilfreich, eine Wunschsendung nicht zu verpassen. Die algorithmenbasierten Ansätze ermitteln Empfehlungen auf Grundlage eines Nutzerprofils. Darin sind die Interessen und die Sehgewohnheiten eines Nutzers abgelegt.

Und für den wird das Programm attraktiver.

Die Attraktivität liegt in der Tatsache, dass wir hier zwei Medien, TV und Internet in Form von Online-Communities miteinander verbinden, um einen Mehrwert aus unserer Sicht für die Nutzer zu schaffen. Die Nutzung von Online-Communities nimmt rasant zu und es werden immer mehr. Teilweise mit regionalem Bezug, vielfach überregional oder themenbezogen.

Wie funktioniert Ihre Software technisch?

Die Idee ist es etablierte Communities und den dort bereits exis-tierenden Freundeskreis zu nutzen, um einem oder mehreren meiner Freunde eine Empfehlung zu einem TV-Angebot zukommen zu lassen. Dazu kann man etwa eine Empfehlung auf die Pinnwand eines Freundes posten. Mit dieser Empfehlung auf der Pinnwand kann der Freund seinen Personal Video Recorder oder auch PVR automatisiert programmieren lassen. Natürlich hat er auch die Möglichkeit, Vorschläge anderer Freunde erst zu überprüfen, bevor sie in den Aufnahmeplaner gelangen. 

Ihre Lösung soll es ermöglichen, dass das gesamte Programmangebot gescannt wird und der User Aufzeichnungsorder geben kann für Themen, die ihn besonders interessieren. In wie weit unterscheidet sich Ihre Software von der bereits bestehenden Personal Video Recorder (PVR)?

Aus meiner Sicht ist die Entwicklung von Zusatzdiensten auf PVR bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Gerade im Bereich der Empfehlungsdienste gibt es noch eine Lücke. Die meisten heutigen Systeme erfordern eine pro-aktive Suche des Nutzers: Er oder sie muss aktiv nach interessanten Angeboten im Electronic Programm Guide suchen und das System aktiv programmieren. Dafür haben viele Nutzer keine Zeit.  Warum nicht eine Software nutzen, die meine Vorlieben kennt und all die Sendungen und Beiträge automatisiert aufzeichnet, die meinem sonstigen Sehverhalten ähnlich sind, welches aus der Vergangenheit bekannt ist?

An Ihrem Lehrstuhl sind auch Studierende in die Programmierung der Software eingebunden. Welchen Beitrag leisten diese im Moment für die Entwicklung?

Studenten können im Rahmen von Abschlussarbeiten oder Projekten mitwirken. Beispielsweise erfolgt die Programmierung für einen Empfehlungsdienst auf Basis von Twitter im laufenden Wintersemester durch eine Projektgruppe von Studierenden. Die Studenten setzen dabei von einem mobilen Empfehlungsclient via Twitter bis zur serverseitigen Verwaltung von Empfehlungen die gesamte Prozesskette um.

In den USA werden seit Mitte Oktober die ersten Sony Fernseher mit Set-Top-Boxen der neuen Google TV Software verkauft, die jeder Hersteller in seine Geräte integrieren kann und mit der sich Angebote im Kabel TV und im Internet finden lassen. Wie nah ist dieses Produkt an dem Ihrigen?

Google TV bietet eine Vielzahl von Diensten. Und natürlich wird Google als Suchmaschinenexperte auch das Thema "Auswahl TV-Angebot" adressieren. Es bleibt abzuwarten, wie sich dieser Dienst durchsetzen wird. Der Gegenwind ist für Google jetzt schon erkennbar. Etliche amerikanische Sendergruppen, wie ABC, CBS, FOX oder NBC, haben den Dienst aus ihrem Online-Angebot ausgeschlossen. Obwohl der Dienst in Deutschland erst für 2011 angekündigt ist, regen sich jetzt bereits die ersten Stimmen des Widerstandes. Unser Dienst adressiert die Auswahl von Inhalten aus dem TV-Angebot. Wir verknüpfen zwar TV und Internet, aber dies läuft mehr im Hintergrund zum Nutzen des Anwenders.

Damit düfte Ihr Angebot natürlich weniger als Bedrohung wahr- genommen werden in einer Branche, die sich stark wandeln wird. Wie wird sich Ihrer Meinung nach das Mediennutzungsverhalten in Bezug auf das Fernsehen in Zukunft verändern und welche Auswirkungen hat dies auf die bestehende Sender und ihre Formate?

Neben technischen Neuerungen, wie beispielsweise 3D-TV, werden Fernsehen und Internet zukünftig weiter zusammenwachsen. Diese Vermutung wird von mehreren Faktoren getragen: Viele Nutzer verbringen heute mehr Zeit vorm Rechner als vor dem Fernseher. Auch im Internet können TV-Inhalte geschaut werden. Zum einen gibt es Anbieter wie beispielsweise Zattoo, die TV Inhalte über das Internet übertragen. Andererseits sorgen aber die Senderanstalten selbst für die Nutzung des Mediums auf vielfältige Weise: Einige Sender bieten mit ihren Mediatheken bereits den Content aus der Konserve an. In Nachrichtensendungen wird regelmäßig für weiterführende Informationen auf das Netz verwiesen. Durch interaktives oder hybrides Fernsehen wird das zukünftig direkt per Knopfdruck auf der Fernbedienung möglich sein. Allerdings bin ich bei dieser Form der interaktiven Dienste ein wenig verhalten in meiner Begeisterung. Fernsehen wird sicherlich primär ein "lay-back medium" bleiben. Man sitzt auf der Couch im Wohnzimmer und lässt sich berieseln. Aber es wird kaum noch einen Unterschied machen, ob man klassisches Live-Fernsehen oder Videos aus der Konserve bezieht. Auf Fernsehgeräten oder Set Top Boxen gibt es mittlerweile zudem genauso Applikationen wie auf Rechnern oder mobilen Endgeräten, die auf Inhalte aus dem Internet zugreifen.

© 2011 Sony Europe Limited

Mit Elementen des interaktiven Fernsehens wurde schon vor vielen Jahren experimentiert, ohne dass es zu wirklich nennenswerten Erfolgen kam.

Das stimmt. Die Ideen des interaktiven Fernsehens gab es mit Multimedia Home Plattform, kurz MHP, bereits vor zehn Jahren. Der damalige Betrieb ist aber über den Einsatz im Rahmen verschiedener Prototypen nie wirklich hinweg gekommen, obwohl die technischen Voraussetzungen nicht so schlecht waren. Allerdings gab es nur sehr wenige MHP-fähige Set Top Boxen, so dass diese Entwicklung letztendlich zum Erliegen gekommen ist.

Welche technischen Entwicklungen verfolgen Sie im Endgerätemarkt im Moment sehr aufmerksam? 

Spannend sind die Entwicklungen um das 3D-Fernsehen zu beobachten. Es gibt heute bereits mehr Geräte im Markt als noch vor einiger Zeit prognostiziert wurde. Sicherlich störend ist noch die erforderliche Nutzung einer Brille um in den Genuss der 3D-Inhalte zu kommen. Zudem ist das Angebot an Inhalten noch sehr spärlich. Aber die ersten Sender gehen mit Ihren Angeboten bereits früher an den Start als ursprünglich geplant.

Wenn es immer leichter wird, gezielt sein Programm zu sehen und dabei nicht mehr mit Werbung konfrontiert zu werden, welche Erlösquellen bleiben den privaten Anbietern in Zukunft?

Natürlich ist es technisch möglich, die Werbung auszublenden. Daran hat sich aber bislang noch kein Hersteller von Set Top Boxen herangewagt. Rein technisch betrachtet lässt sich die Erlösquelle der privaten Anbieter schon seit einiger Zeit nachhaltig beeinflussen. Aber andererseits kann ja Werbung auch durchaus interessant und informativ sein. Es wird neue Geschäftsmodelle geben müssen. Denkbar ist vielleicht eine Mischung aus zielgerichteter, individualisierter Werbeeinblendungen auf Basis des TV-Konsumverhaltens. Prognosen halte ich diesbezüglich aber für schwierig. Sehen Sie, in der Vergangenheit wurden gerade im Bereich des TV-Konsums sehr häufig optimistische Entwicklungen prognostiziert, die dann so nicht eingetreten sind. Man denke beispielsweise an die Entwicklungen im Bereich des interaktiven Fernsehens oder auch des Bezahlfernsehens, welches in Deutschland schon immer sehr schwierig war. 

Viele Anbieter, beispielsweise Apple mit seiner TV Box, sehen derzeit die Zukunft des Fernsehens im Verkauf von Inhalten. Diese Anbieter haben oft einen rein technischen Hintergrund ohne Bezug zu Inhalten, sind beispielsweise Telekommunikationsanbieter oder Produzenten von Spielekonsolen. Droht ein Wirrwarr an Abspielstationen und -systemen, die alle mit eigenen Contentanbietern kooperieren und so etwa die Vision einer vollumfänglichen Filmbibliothek aushebeln?

Ja, diese Gefahr besteht sicherlich. Die Anbieter versuchen sich durch innovative Features gegenseitig abzugrenzen. Dabei bleibt der Kunde im Dickicht des vielfältigen Angebots stecken. Erforderlich ist hier ein abgestimmtes Vorgehen der Anbieter. Fernsehen sollte die modernsten Technologien nutzen, aber es muss auch weiterhin ein wirklich einfach zu bedienendes Medium bleiben, welches dem Zuschauer zur Beherrschung nicht alles abverlangt.

Welche inhaltlichen und terminlichen Ziele haben Sie sich für Ihr Projekt im kommenden Jahr gesetzt?

Unser Projekt wird derzeitig vom BMWI gefördert. Diese Förderung dauert noch bis Sommer 2011. Bis dahin wollen wir einen stabilen Prototypen entwickeln, der die beiden Ansätze für Empfehlungsdienste implementiert hat. Wir werden das gesamte Szenario bereits auf der kommenden CeBIT präsentieren. Da wird man Empfehlungen in Facebook oder Twitter, auch per mobilem Endgerät, veröffentlichen können, die dann automatisch den PVR eines Freundes programmieren.

Planen Sie ein Spin-off mit Ihrer Lösung?

Nein, bislang ist keine Ausgründung geplant. Wir sind aber im Gespräch mit verschiedenen Unternehmen, um die von uns entwickelte Technologie zu adaptieren.

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