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Gesellschaft

Survivalspezialist Joe Vogel

Johannes "Joe" Vogel, Jahrgang 1984, studiert Biologie in Karlsruhe. Aber eher nebenberuflich. Denn der Survivalexperte ist nicht nur regelmäßig weltweit auf Expedition, sondern hat mit "Tierische Notnahrung" auch ein Outdoor-Standardwerk mit Kultcharakter veröffentlicht. David Lins unterhielt sich mit ihm.

Johannes Vogel, Survivalexperte und Biologiestudent

Fünf Tage vor dem nächsten Ersten, kein Geld mehr auf dem Konto und nichts mehr im Kühlschrank. Ein Problem? 
Prinzipiell nein. Selbst im Winter lässt sich draußen genügend tierische und pflanzliche Nahrung auftreiben, die - mit der richtigen Zubereitung - ziemlich lecker sein kann. Wichtig ist nur, dass man weiß, wo man wann etwas findet. Es lässt sich von Muscheln, Wasserinsekten, Würmern, Nagern über Knollen und Wurzeln fast alles auftreiben. 
 
Welche Tiere dürfte man denn überhaupt theoretisch töten und essen?

Das ist teilweise sehr stark von der Umgebung und den Tiergruppen abhängig. Während die meisten Kleintiere wie Heuschrecken, Würmer, Asseln und Käfer ohne rechtliche Bedenken gesammelt und getötet werden dürfen, muss man etwas Sachverstand mitbringen, wenn man beispielsweise Muscheln oder kleine Nagetiere fangen möchte. Auf dem eigenen Gelände stört sich niemand daran, wenn eine Wühlmaus- oder Rattenfalle aufgestellt wird. Problematisch wird es jedoch, wenn man eine Spitzmaus nicht von einer Schermaus unterscheiden kann. Die Spitzmaus ist nämlich streng geschützt. Ähnlich verhält es sich mit Muscheln. Die einheimischen Muschelarten sind allesamt unter Naturschutz gestellt. Es gibt jedoch eine große Anzahl von sogenannten Neozooen. Das sind Tiere, die aus anderen Klimazonen eingeschleppt wurden und sich hier meist explosionsartig vermehren. Ich kenne kaum einen Naturschutzwart, der sich nicht darüber freut, wenn man kilogrammweise "Dreiecksmuscheln" oder "Wollhandkrabben" aus dem Baggersee erntet. 
 
Und praktisch? Gibt es Tiere, die man besser nicht essen sollte? Aus gesundheitlichen Gründen ... aber auch geschmacklichen ...

Da gibt es eine ganze Reihe von Tiergruppen. Einige Käfer haben Wehrdrüsen und produzieren übelriechende Sekrete. Manche tropische Arten können auch richtig giftig sein. Außerdem sollte man die Wehrhaftigkeit einiger Tiere nicht unterschätzen.

Wirklich gefährlich sind im Grunde alle Säugetiere, insbesondere diejenigen, die Fleisch fressen. Hier gibt es eine große Anzahl hochinfektiöser Erreger wie Trichinen, Tollwut, Tularämie oder Hantaviren. Infektionen können nur mit dem richtigen Handhaben und der nötigen Obacht vermieden werden.

Geschmacklich am unteren Rand angesiedelt sind meines Erachtens Regenwürmer, die mir persönlich überhaupt nicht schmecken. Weil diese aber sehr häufig sind, kommt man öfter als geplant in Verlegenheit, ein Regenwurmragout zu kochen. 
 
Gibt es denn auch überraschende Köstlichkeiten? 
Die meisten Tiere, die normalerweise als Nahrung vernachlässigt werden schmecken hervorragend. Zu meinen Lieblingstieren in diser Hinsicht zählen Spinnen und Heuschrecken. Geröstet schmecken sie fabelhaft.

Ein weiterer Leckerbissen sind Weichtiere aus dem Meer. Oktopusse und Napf- und Kegelschnecken sind unglaublich delikat. Von den Säugetieren finde ich geschmacklich Nagetiere wie Ratten und Meerschweinchen sehr ansprechend. Man muss einfach mal den Mut haben etwas neues auszuprobieren. Meist wird man positiv überrascht. 
 

Verpflegung beim Workshop

 

Seit wann interessiert dich das Thema Survival? Gibt es Vorbilder oder einfach Menschen, die dich in dieser Hinsicht besonders fasziniert haben? 
Da mein Vater Gärtner ist, hatte ich schon immer einen starken Bezug zum Leben mit der Natur. Zum Survival selbst bin ich mit etwa elf gekommen. Zu dieser Zeit hatte ich meinen Fischereischein abgelegt und war quasi Tag und Nacht am Wasser.

Während man so wartet, beginnt man das ein oder andere auszuprobieren. Dann begann ich in den umgebenen Wäldern umherzustreifen. Zuerst völlig ziellos, später um kleine Projekte zu bearbeiten.

Mich haben als Kind besonders die Dokumentationen des Australiers Malcolm Douglas fasziniert. Ich fand es wichtig und spannend, das Wissen indigener Kulturen zu sammeln und am Leben zu erhalten. Nach der 12. Klasse, also noch vor dem Abitur, habe ich mein angespartes Führerscheingeld genommen und bin zwei Monate nach Australien geflogen. Dort war ich zusammen mit Malcolm filmen und habe viele Aboriginals kennengelernt. Das war eine Zeit, die mein späteres Leben und Wirken sehr geprägt hat. 
 
Du veranstaltest mittlerweile auch Workshops. Wer nimmt daran teil? 
Die Gruppen sind meist sehr heterogen. Eine große Anzahl von Kursteilnehmern sind Studenten. Außerdem buchen meine Kurse häufig Ausbilder der Bundeswehr, aber auch Hausfrauen, Arbeiter, Akademiker, Manager. Es scheint, dass sich sehr unterschiedliche Menschen aus allen Schichten für das einfache Leben und Überleben in der Natur interessieren. 
 
Du nimmst Mäuse aus, isst Kreuzspinnen und übst das Ausnehmen mit überfahrenen Tieren. Wenn man sich dein Buch ansieht, so kommt man ziemlich schnell auf den Gedanken, dass du wohl komplett "schmerzfrei" zu sein scheinst ...
Ich glaube, wenn man Essen "nüchtern" betrachtet, kann man alles im Kopf in Proteine, Kohlenhydrate und Fette aufteilen. Von welchem Tier das letztendlich kommt, ist so gesehen egal. Als angehender Biologe habe ich außerdem die Einstellung, dass es keine "niederen" Tiere gibt. Wenn ich Schweinesteaks essen kann, was spricht dann gegen Mäuserippchen? Hummer sind eigentlich nur "bessere Asseln" und die sind auch nicht weit von Insekten entfernt. Es ist also alles eine Kopfsache. Und wer mal wirklich gehungert hat, weiß, wie verführerisch geröstete Käferlarven duften können. 

Deine Reisen scheinen ziemliche Grenzerfahrungen zu sein und auch bei der besten Vorbereitung bleibt ein Restrisiko. Wie gehst du selbst damit um, und wie vermittelst du das deinen Eltern und deiner Freundin?
Das ist tatsächlich nicht einfach. Gewissermaßen ist es besonders schwierig, die Risiken mit denen zu kommunizieren, die zu Hause warten und nicht wissen, ob ich heil zurückkehre.

Das mag auch damit zu tun haben, dass man vor Survivaltouren immer auch mit der Gefahr kokettiert, dass die Expedition lebensgefährlich ist. Wichtig ist für mich jedoch, dass ich gut vorbereitet bin und wenn ich im Team unterwegs bin, einen zuverlässigen Reisepartner habe. Alle potentiellen Risiken müssen bedacht und Strategien zur Vermeidung und Bewältigung konstruiert worden sein. Die Vorbereitung nimmt bei Survivalexpeditionen weit mehr Zeit in Anspruch als die Durchführung. Trotzdem schlägt Murphy gerne zu. Aber genau das macht das Projekt zu einer Herausforderung. Aus diesem Grund verzichte ich meistens auch auf Satellitentelefon oder Notfallbeacon. In einem Notfall, der so schlimm ist, dass Hilfe von Außen notwendig wäre, kann ein Rettungstrupp, der nach zehn oder 15 Stunden eintrifft, auch nichts mehr bewirken.   

Joe in Australien

Du bist in Australien auf einen Taipan, die giftigste Schlange der Welt, getreten. Wie passiert denn so etwas? 
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Ziemlich am Ende einer 500 Kilometer Expedition durch das Outback sind wir Spätnachmittags in die blutrote Sonne gelaufen. Ich neige auf harten Touren nach einigen Tagen Mangelernährung zu einem schnellen "Runner's High".

An dem Tag waren wir schon über 45 Kilometer marschiert und ich habe die Schlange schlicht und einfach übersehen. Blöderweise ist es sehr verlockend, an extrem heißen Tagen die Gamaschen und schweren Stiefel gegen kurze Hosen und Sandalen zu tauschen. So gesehen war es großes Glück, dass diese Begegnung nicht tödlich endete. Die Schlange hat schlicht und einfach daneben gebissen.

Mit diesen faszinierenden Tieren habe ich aber auch besonderes Glück. 2001 wurde ich in Griechenland in den Knöchel gebissen. 2008 hat mein Übereifer einen wunderschönen malayischen Krait zu filmen dazu geführt, dass er mir in den Fuß gebissen hat - diesmal hatte ich aber Tropenstiefel an. 
 
Wie sind deine weiteren Pläne, welche Expeditionen sind geplant? 
Viele, zu viele für meine knappe Zeit. Zunächst steht eine Durchquerung der Wüste Negev in Israel an. Dann ist ein großes Projekt in Gambia, Afrika in Planung. Außerdem möchte ich mein Survivalkönnen auf einer besonderen Tour auf dem Rhein austesten. Von Stein in der Schweiz möchte ich einige hundert Kilometer flussabwärts schwimmen - neben einem Neoprenanzug und Kammeramaterial ohne nennenswerte Ausrüstung.
Ich hoffe, dass ich diese Projekte irgendwo zwischen Diplom und Promotion unterbringen kann. 
 

Weiterlesen & Weitersurfen

www.vivalranger.com
Webseite von Johannes mit Expeditionsblogs und Survivalshop.
Wer mehr erleben will: Hier kann man auch direkt Workshops buchen.

Das Buch

Tierische Notnahrung Überleben in der Natur, Pietsch Verlag; 14,90 Euro.

Wir verlosen fünf Exemplare: E-Mail mit Adresse an hunger@unicompact.de!

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