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Buch

Suite française

Suite francaise - Erschütterndes Zeitzeugnis

Dass die Leser ein gedrucktes Exemplar von "Suite française" überhaupt in den Händen halten können, grenzt fast schon an ein Wunder, betrachtet man die Geschichte dieses Werkes. Irène Némirovsky wollte mit ihrer "Suite française" einen monumentalen, 1000-seitigen Roman schaffen, der in fünf, weitestgehend voneinander unabhängige, Teile gegliedert ist. Sie konnte jedoch nur die ersten beiden Teile fertig stellen, bevor sie 1942 verhaftet wurde und im Konzentrationslager Birkenau starb.

Ihren beiden Töchtern gelang es zu fliehen. Es begann eine Odyssee von Versteck zu Versteck ? immer dabei ein Koffer mit den letzten Manuskripten von Irène Némirovsky. Sowohl beide Mädchen als auch der Koffer inklusive seinem Inhalt überlebten den Krieg. Erst Jahrzehnte später, in den 90er Jahren beschäftigten sich die Kinder Némirovskys mit den Manuskripten und stellten zu ihrer Überraschung fest, dass es sich dabei nicht lediglich um Notizen, sondern um zwei vollständige Romane handelte. So wurde die Suite française 2004, 62 Jahre nach Irène Némirovskys Tod, schließlich veröffentlicht.

1. Teil: Sturm im Juni

Der Weg zum gedruckten Buch

Dass die Leser ein gedrucktes Exemplar der Suite française überhaupt in den Händen halten können, grenzt fast schon an ein Wunder, wenn man die Geschichte dieses Werkes betrachtet. Irène Némirovsky wollte mit ihrer Suite française einen monumentalen, 1000-seitigen Roman schaffen, der in fünf weitestgehend voneinander unabhängige Teile gegliedert ist. Sie konnte jedoch nur die ersten beiden Teile fertig stellen, bevor sie 1942 verhaftet wurde und im Konzentrationslager Birkenau starb.

Ihren beiden Töchtern gelang es zu fliehen. Es begann eine Odyssee von Versteck zu Versteck ? immer dabei ein Koffer mit den letzten Manuskripten von Irène Némirovsky. Sowohl beide Mädchen als auch der Koffer inklusive seinem Inhalt überlebten den Krieg. Erst Jahrzehnte später, in den 90er Jahren beschäftigten sich die Kinder Némirovskys mit den Manuskripten und stellten zu ihrer Überraschung fest, dass es sich dabei nicht lediglich um Notizen, sondern um zwei vollständige Romane handelte. So wurde die Suite française 2004, 62 Jahre nach Irène Némirovskys Tod, schließlich veröffentlicht.

1. Teil: Sturm im Juni

Paris scheint nicht mehr sicher. Adel, Bürger, Künstler und Arbeiter fliehen vor dem bevorstehenden Einmarsch der deutschen Truppen, mit dem Auto, dem Zug oder zu Fuß. Die Straßen sind verstopft, Autofahrer kommen kaum schneller voran als Fußgänger, Benzin und Nahrung werden knapp. Es geht nicht mehr darum, Haltung und Würde zu bewahren, es geht darum, zu überleben, wie allmählich sowohl Arm als auch Reich erkennen müssen.

Zwar schildert Irène Némirovsky sehr bedrückend die Schrecken des Krieges, doch geht es ihr vorrangig nicht darum, Solidarität und Mitgefühl mit den bedrohten Franzosen zu zeigen, sondern sie in dieser Grenzsituation zu demaskieren und ihr skrupelloses Verhalten am Beispiel einiger Einzelschicksale aufzuzeigen. Gegenseitige Hilfe gibt es kaum, jeder ist sich selbst der Nächste, auf seinen eigenen Vorteil bedacht. So wird gestohlen, gelogen, werden die Augen verschlossen vor dem Leid der Anderen. Würdevoll und mitmenschlich verhält sich einzig ein älteres Ehepaar ? bezeichnenderweise die beiden gesellschaftlich am Niedrigstehendsten der geschilderten Personen.

2. Teil: Dolce

Im zweiten Teil steht ein französisches Dorf während der deutschen Besatzung im Vordergrund. Männer und Söhne sind im Krieg, die Ehefrauen und Mütter führen nun alleine Höfe und Geschäfte. Es gibt kaum ein Haus, in dem nicht ein deutscher Soldat untergebracht ist, die Bewohner müssen sich miteinander arrangieren. Dabei reichen die Emotionen von offen getragener Abneigung über Gleichgültigkeit bis hin zur Sympathie, vom Hass gegen alles Deutsche bis hin zur Liebe zu einem einzelnen Menschen, vom Widerstand gegen den Feind bis hin zur Kollaboration.

Némirovsky erzählt von den Zwängen, die der Krieg schafft, die Aufgabe von persönlichen Bestrebungen zugunsten der Gemeinschaft und zugunsten des eigenen Landes, und von dem Widerstand, der sich in einzelnen Personen dagegen regt:

?Alle, die Deutschen, die Franzosen, die Gaullisten sind sich in einem Punkt einig: man muß mit den anderen leben, denken, lieben, bezogen auf einen Staat, ein Land, eine Partei. O mein Gott! Ich will nicht! Zwar bin ich nur eine unnütze arme Frau, die nichts weiß, aber ich will frei sein!?

Anhang

Zusätzlich zu den beiden vollendeten Teilen enthält Suite française Notizen von Irène Némirovsky zu diesem Romanprojekt, die interessante und bedrückende Einblicke in ihre Arbeit und die schwierigen Umstände geben. Außerdem finden sich im Anhang zahlreiche Briefe von Irène Némirovsky und ihrer Angehörigen. Besonders erschütternd sind die vergeblichen Versuche ihres Mannes und ihres Verlegers, nach Némirovskys Verhaftung deren Aufenthaltsort zu erfahren.

Fast scheint es so als hätte Irène Némirovsky geahnt, dass Suite française erst in ferner Zukunft veröffentlich werden wird. So schreibt sie in ihren Skizzen zum Werk: ?Nie vergessen, dass der Krieg einmal zu Ende ist und der ganze historische Teil verblassen wird. Versuchen, soviel wie möglich zu beschreiben, Debatten?, die noch im Jahre 1952 oder 2052 die Leute interessieren können.? Aus heutiger Sicht, der von Némirovsky erwähnten fernen Zukunft, ist dieses Vorhaben in jeder Hinsicht gelungen. Suite française ist ein erschütterndes und berührendes Werk, das sowohl ein höchst interessantes, historisches Zeitzeugnis darstellt, als auch viele Fragen aufwirft, die auch heute noch so oder in ähnlicher Form aktuell sind. Eine sich in vielfacher Hinsicht lohnende Lektüre!

 

Paris scheint nicht mehr sicher. Adel, Bürger, Künstler und Arbeiter fliehen vor dem bevorstehenden Einmarsch der deutschen Truppen, mit dem Auto, dem Zug oder zu Fuß. Die Straßen sind verstopft, Autofahrer kommen kaum schneller voran als Fußgänger, Benzin und Nahrung werden knapp. Es geht nicht mehr darum, Haltung und Würde zu bewahren, es geht darum, zu überleben - wie allmählich sowohl arm als auch reich erkennen müssen.

Zwar schildert Irène Némirovsky sehr bedrückend die Schrecken des Krieges, doch geht es ihr vorrangig nicht darum, Solidarität und Mitgefühl mit den bedrohten Franzosen zu zeigen, sondern sie in dieser Grenzsituation zu demaskieren und ihr skrupelloses Verhalten am Beispiel einiger Einzelschicksale aufzuzeigen. Gegenseitige Hilfe gibt es kaum, jeder ist sich selbst der Nächste, auf seinen eigenen Vorteil bedacht. So wird gestohlen, gelogen, werden die Augen verschlossen vor dem Leid der Anderen. Würdevoll und mitmenschlich verhält sich einzig ein älteres Ehepaar ? bezeichnenderweise die beiden gesellschaftlich am Niedrigstehendsten der geschilderten Personen.

2. Teil: Dolce

Im zweiten Teil steht ein französisches Dorf während der deutschen Besatzung im Vordergrund. Männer und Söhne sind im Krieg, die Ehefrauen und Mütter führen nun alleine Höfe und Geschäfte. Es gibt kaum ein Haus, in dem nicht ein deutscher Soldat untergebracht ist, die Bewohner müssen sich miteinander arrangieren. Dabei reichen die Emotionen von offen getragener Abneigung über Gleichgültigkeit bis hin zur Sympathie, vom Hass gegen alles Deutsche bis hin zur Liebe zu einem einzelnen Menschen, vom Widerstand gegen den Feind bis hin zur Kollaboration.

Némirovsky erzählt von den Zwängen, die der Krieg schafft, die Aufgabe von persönlichen Bestrebungen zugunsten der Gemeinschaft und zugunsten des eigenen Landes, und von dem Widerstand, der sich in einzelnen Personen dagegen regt:

?Alle, die Deutschen, die Franzosen, die Gaullisten sind sich in einem Punkt einig: Man muß mit den anderen leben, denken, lieben, bezogen auf einen Staat, ein Land, eine Partei. O mein Gott! Ich will nicht! Zwar bin ich nur eine unnütze arme Frau, die nichts weiß, aber ich will frei sein!?

Anhang

Zusätzlich zu den beiden vollendeten Teilen enthält Suite française Notizen von Irène Némirovsky zu diesem Romanprojekt, die interessante und bedrückende Einblicke in ihre Arbeit und die schwierigen Umstände geben. Außerdem finden sich im Anhang zahlreiche Briefe von Irène Némirovsky und ihrer Angehörigen. Besonders erschütternd sind die vergeblichen Versuche ihres Mannes und ihres Verlegers, nach Némirovskys Verhaftung deren Aufenthaltsort zu erfahren.

Fast scheint es so, als hätte Irène Némirovsky geahnt, dass Suite française erst in ferner Zukunft veröffentlich werden wird. So schreibt sie in ihren Skizzen zum Werk: ?Nie vergessen, dass der Krieg einmal zu Ende ist und der ganze historische Teil verblassen wird. Versuchen, soviel wie möglich zu beschreiben, Debatten?, die noch im Jahre 1952 oder 2052 die Leute interessieren können.? Aus heutiger Sicht, der von Némirovsky erwähnten fernen Zukunft, ist dieses Vorhaben in jeder Hinsicht gelungen. Suite française ist ein erschütterndes und berührendes Werk, das sowohl ein höchst interessantes, historisches Zeitzeugnis darstellt, als auch viele Fragen aufwirft, die auch heute noch so oder in ähnlicher Form aktuell sind. Eine sich in vielfacher Hinsicht lohnende Lektüre!

Angelika Zippl

 

 

Irène Némirovsky

Suite française

512 Seiten

10 Euro

btb

 

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