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Film

Splice

?Un-Menschlich?

Bild: Central Film Verleih GmbH

Der Wunsch des Menschen, humanoide Kreaturen zu schaffen, hat Tradition. In der Vergangenheit konnte sich manch überambitionierter Wissenschaftler für seine Taten noch mit fehlgeleitetem Genie herausreden, doch moderne Biogenetiker müssen schon mit medizinischem Erkenntnisgewinn argumentieren. Ihr (cineastisches) Schicksal läßt sich damit freilich nicht abwenden: Zuletzt wird sich das künstliche Geschöpf gegen seinen Schöpfer wenden.

 

Etwas Neues

Elsa (Sarah Polley) und Clive (Adrien Brody), privat wie beruflich ein Paar, sind die Stars im Forschungslabor eines kanadischen Pharmaunternehmens. Unlängst schufen sie einen Hybriden aus der Verbindung divergenter tierischer Gene. Die Präsentation von zweien dieser Organismen vor der Presse gerät zum spektakulär blutigen Fiasko, hat sich doch einer der beiden plötzlich auf eine sehr seltene Fähigkeit besonnnen, die man bisher nur von wenigen Fischen bzw. Muscheln her kannte: eine natürliche Geschlechtsumwandlung. Selbst ein derartiger Rückschlag kann Elsa und Clive nicht daran hindern, im Geheimen längst an einem weiteren Projekt zu arbeiten, einer Mensch-Tier-Chimäre. Tatsächlich ist ihnen Erfolg beschieden, allerdings ein überaus zweifelhafter.

Aus dem Versuch erwächst eine Art aufrechtstehender Nacktmull, anfangs ohne Arme, dafür mit eingeknickten Straußenbeinchen und einem langen, in einem gefährlichen Stachel endenden Schwanz. In Anlehnung an den Namen ihres Labors, nämlich ?N.E.R.D.? (!), nennen Elsa und Clive ?ihr Baby? Dren. Was zunächst noch mit einem bizarren Kindchenschema punkten kann, entwickelt sich in relativ kurzer Zeit zu einer ziemlich attraktiven jungen Frau, solange man über gewisse optische Ungereimtheiten hinwegsehen kann: ein reptilienhafter Zug um die weit auseinander stehenden Augen, kreuzförmige Pupillen, zugespitzte Zunge, fehlendes Haupthaar. Als Dren, zu groß, zu unberechenbar und zu auffällig geworden, nicht mehr heimlich im Labor leben kann, bringt das Forscherpaar sie auf eine abgelegene Farm nahe Torontos. Der Weg hinaus in die Welt nimmt alsbald Kurs Richtung Katastrophe.

Etwas Bekanntes

Die Erschaffung von Dren ist kein Sündenfall. ?Splice? verweigert sich der Diskussion um Moral, zeigt vielmehr ein Umfeld, in dem jene mittlerweile an Bedeutung verloren hat. Ob man etwas kann, ist die entscheidende Frage, nicht, ob man etwas darf. Folglich lässt sich die Naivität, mit der Elsa und Clive ihrem animalischen Homunculus begegnen, nicht allein auf Genrekonventionen zurückführen, sondern entspringt ganz einfach menschlicher Hybris. Das dürfte zwar ein altbekanntes Phänomen sein, beunruhigt aber in seiner Kompromisslosigkeit, wenn selbst der Tod eines nahestehenden Menschen zu keinerlei Umdenken mehr führt. Freilich haben sich große ?mad scientists? allemal über tollkühnen Forschungsdrang, kaum über soziale Kompetenzen definiert. Ethik ist etwas für Feiglinge.

Dabei lassen Clive und Elsa durchaus starke Gefühle zu, sowohl im Umgang miteinander als auch gegenüber Dren, der sie mit einer zwischen maßloser wissenschaftlicher Neugier und langsam wachsender Zuneigung oszilierenden Haltung begegnen. Weil Elsa aufgrund eines Kindheitstraumatas keinen eigenen Nachwuchs möchte, avanciert Dren zu einer Art Tochterersatz mit Haustier-Appeal. Sie soll zur zivilisierten Kreatur erzogen, besser: abgerichtet werden, bekommt etwa als Kleinkind eine Barbie in die viergliedrige Hand gedrückt, auch wenn sie sich nur mit schrillen Klick- und Schnatterlauten, bei Bedarf mit einem drohenden Knurren verständigen kann. Daß sie im Laufe ihrer Entwicklung raubtierhafte Neigungen und sowohl amphibische als auch avianoide Eigenschaften offenbart, wird noch hingenommen. Als sie aber sexuelle Reife erreicht, eskalieren die Konflikte.

Etwas Perverses

"Splice" ist ein Horror-Kammerspiel, das eher als Gentechnik-Thriller, denn als Monster-Movie durchgeht. Schon sein farblicher Grundton orientiert sich primär an der kühl-sterilen, bläulichen Illumination wissenschaftlicher Labore, die nur gelegentlich in die schattenhafte Düsternis des Grauens hinübergleitet. Während der Scheune-Sequenzen wiederum formiert sich Licht zu sanft-warmen Inseln. Schrecken und gentechnische Sensation lassen sich ästhetisch nicht mehr auseinanderhalten. Dass das Un-, gar Widernatürliche selbst vom Zuschauer bald als gegeben hingenommen wird, liegt nicht zuletzt am Creature-Design von Dren. In ihr fließen Gewohntes und Abartiges zu einem irritierend befremdlichen Körper zusammen, der gleichwohl bekannt vorkommt. Im Rahmen der soliden Genreproduktion "Splice", besitzt das ausreichend Gültigkeit, ist ansonsten aber kaum wegweisend. Zu schematisch verläuft die Story, als dass sie nachhaltig verunsichern könnte.

Obendrein neigt die symbolische Einbettung der Geschichte, wenn sie ins Verhältnis zur trotz allem schlichten Narration gesetzt wird, zu überspitzter Aufdringlichkeit. Die Metamorphose von Dren ist Evolution im Zeitraffer; vom Uterus-Wassertank bis zur problematischen Pubertätsphase wird ein quasi-menschlicher Reifungsprozess nachgezeichnet, der schließlich in der sexuellen Konfrontation gipfelt. Dass Clive sich von Dren verführen lässt, ist die ebenso folgerichtige wie desaströse Eskalation einer komplett pervertierten Entwicklung. Schon der Versuch, Dren als Semi-Familienmitglied aufzuziehen, kann weder ihrem menschlichen noch animalischen Erbe gerecht werden, geschweige denn das Verhängnis ihrer Schöpfung legitimieren. Aber sie wird sich auf tückische Weise rächen, indem sie sich in den biologischen Fortpflanzungsprozess des Menschen hineindrängt.

Etwas Tödliches

Nicht von ungefähr erinnern die Namen Elsa und Clive an Darsteller (Elsa Lancaster, Colin Clive) aus James Whales Horrorfilm-Klassiker "Bride of Frankenstein" (1935). Auch der verstörende Vorspann mit sich langsam aus organischen Substanzen hervorhebenden Credits läßt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich in "Splice" in verbotener Weise an menschlicher Physis vergangen wird. Ohne sich im grausamen Body Horror eines David Cronenberg oder eindeutigen Splattereffekten zu verlieren, legt Regisseur Vincenzo Natali ("Cube", "Cypher") seine inszenatorische Konzentration auf die geradlinig erzählte, ein wenig im B-Movie-Fahrwasser schwimmende Horrorstory. Die ist zwar nicht besonders innovativ, würde dafür jeden Freudianer zum Zittern bringen, beispielsweise, wenn Elsa Drens stachelbewehrtes Schwanzende kupiert: eine symbolische Kastration.

Kürzlich schrieb Francis Collins, ein führender amerikanischer Genetiker, im Fachblatt ?Nature?, dass das ?Versprechen einer Revolution für die Gesundheit des Menschen? durch die Gentechnik wahr bliebe. Dann fügte er folgendes hinzu, wobei er wahrscheinlich selbst nicht bemerkte, wie entlarvend doppeldeutig seine Aussage wirkt: "(...) dass Genforschung der obersten Regel aller Technologien folgt: Wir überschätzen ausnahmslos den kurzfristigen Einfluss einer neuen Technologie und unterschätzen ihre Langzeiteffekte." Als hätte Natali dergleichen gelesen, wandelt er solch positiv gemeinte Aussagen in "Splice" ins Gegenteil um, lässt den Menschen bewusst die Kontrolle über seine Zukunft aufgeben und offenen Auges ins Verderben marschieren. Was bedeutet schon Erfahrung, wenn es weitaus spannender ist, die gleichen Fehler immer wieder zu machen. Vorhang auf für ein "next best monster"!

 Nathalie Mispagel

 

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Sascha Lobo ist Autor, Blogger, Microblogger und Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und Markenkommunikation. Als freier Mitarbeiter engagiert er sich bei der Zentralen Intelligenz Agentur und ist verantwortlicher Redakteur des mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Weblogs «Riesenmaschine». Sein Debütroman “Strohfeuer” (September 2010 im Rowohlt Verlag erschienen) handelt von der Lebensgier in den Zeiten der New Economy.


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