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Film

Spitzen-Kräfte

Ballett ist die eleganteste Verbindung von Ästhetik und Athletik. Und die härteste. Der US-amerikanische Dokumentarfilm „First Position“ versucht, beiden Aspekten gerecht zu werden, erliegt letztendlich jedoch der Faszination für künstlerische Perfektion. Ab 4.7. im Kino.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

„First Position“, ab 4.7. im Kino

Ein Sport für Eliten

Als rezipierte Kunstform steht Ballett allen offen, als gelebte Kunstform bildet sie einen eigenen, in sich geschlossenen Kosmos. Um dort Einblick zu nehmen, bietet sich kaum etwas besseres an als ein Nachwuchs-Ballett-Wettbewerb. Zu den größten und renommiertesten zählt der seit 1999 veranstaltete ’Youth America Grand Prix’. Jährlich nehmen weltweit rund 5000 Tänzer und Tänzerinnen zwischen 9 und 19 Jahren teil, präsentieren sich einer internationalen Jury, die neben zahlreichen Auszeichnungen auch begehrte Stipendien für die allerbesten Schulen sowie Verträge mit den wichtigsten Kompagnien vergibt. Wer hier positiv auffällt, hat die Chance auf eine Weltkarriere.

Darauf hoffen Aran Bell (11 Jahre), Miko Fogarty (12), Michaela DePrince (14), Joan Sebastian Zamora (16) und Rebecca Houseknecht (17), allesamt hoch- bis höchsttalentierte Ballett-Zöglinge. „First Position“ begleitet sie bei ihrer Vorbereitung auf den Wettbewerb, während der Vorentscheidungen und schließlich beim wegweisenden Finale in New York. Ihr noch junges Leben haben die fünf ausschließlich dem Tanz gewidmet. Und das ihrer Familien gleich mit, denn ohne deren vorbehaltlose Unterstützung ist eine extrem teure, zeitintensive, in jeder Hinsicht strapaziöse Ballettausbildung nicht möglich. Ballett ist ein Elitensport, geprägt von permanenter Auslese.

Nur die Besten erfahren Aufmerksamkeit

Eine dieser Selektionsmechanismen stellt der ’Youth America Grand Prix’ dar, um den sich im Dokumentarfilm „First Position“ alles dreht. Er ist der Heilige Gral oder das Goldene Kalb – je nachdem, wie man zu solchen Veranstaltungen steht. Regisseurin Bess Kargman steht ihnen offenbar positiv gegenüber. Kritische Stimmen von außen, die Perfektions-Suche, vielleicht schon -Sucht hinterfragen, hat sie gar nicht erst eingefangen. Stattdessen konzentriert sie sich kommentarlos auf ihre Protagonisten und deren Umfeld, läßt neben den Tänzern nur Eltern, Trainer sowie Preisrichter zu Wort kommen und präsentiert in einzelnen Sequenzen immer wieder das phantastische Können der Eleven.

Auch wenn der Film den Ernst einer angestrebten Ballett-Karriere nicht wegwischt, werden Probleme wie Finanzierung von Trainern, Choreographen, Kostümen und Equipment, die große Verletzungsgefahr, die physische Qual durch strenges Training, die seelische Belastung durch pausenlosen Druck, die beträchtliche (Selbst-)Kritik oder die Isolation eher angerissen, denn vertieft. Ebenso finden typische Vorurteile, etwa die überstrebsame Ballett-Mutter, bestenfalls am Rande Erwähnung. Dabei steht mit Mikos Mama ein Paradebeispiel im Ring. Am liebsten würde sie auch noch ihren 10jährigen Sohn Jules zu einem Ballett-Star machen, doch der verweigert sich mit unbefangenem Grinsen und einem herrlich entspannten Mangel an Talent solchen Ambitionen. Er ist die Ausnahme unter den ansonsten ausnahmslos ’Begnadeten’.

Nach welchen Kriterien Bess Kargman ihre Hauptdarsteller ausgewählt hat, bleibt übrigens dahingestellt. Sie sind alle Amerikaner bzw. leben in den U.S.A., und sie werden jeder auf seine Weise am Ende Erfolge feiern. Weil in „First Position“ nur die Besten Aufmerksamkeit erfahren (man möchte fast despektierlich fragen: Aufmerksamkeit verdienen?), betreibt der Film selbst eine Form von Auslese und rechtfertigt indirekt die gnadenlose Competition-Mentalität. Er huldigt Ehrgeiz, Selbstaufopferung, Enthusiasmus, er rühmt Perfektion, er verklärt den Sieg über die Konkurrenz zum Lebenstraum. Hierfür bedient sich die emotionalisierende Doku aufbautechnisch gar der klassischen Spannungsdramaturgie eines Spielfilms mit entsprechend packendem Soundtrack.

Die Ursache aller Leidenschaft bleibt im Dunkeln

So betrachtet hat „First Position“ die Mentalität der Szene übernommen, die er portraitiert. Wie sämtliche Profisportarten (und die kapitalistische Gesellschaft) ist auch Ballett ein stetiger Leistungswettbewerb, getränkt von ’Blut, Schweiß, Tränen’. Beim Ballett braucht es zusätzlich noch Talent, um an die Spitze zu gelangen. Davon besitzt etwa der pfiffige Aran zur Genüge, ebenfalls echte Freude am Tanz. Woher der 11-Jährige aber diese spezielle Kraft hernimmt, ungefähr fünf Stunden am Tag zu trainieren, zu Aufführungen zu reisen, Schmerzen zu erleiden, unter ständiger Beobachtung zu stehen, überhaupt sein Leben einer rigiden Disziplin unterzuordnen, wird unbeantwortet gelassen.

Bess Kargman bringt die Protagonisten vor der Kamera zwar zum unbefangenen Reden, entlockt ihnen jedoch wenig Essentielles. Was die Kinder bzw. Jugendlichen wirklich im Innersten antreibt, was diese grandiose, im wahrsten Sinne des Wortes ’Leiden’-schaft ausgelöst hat, läßt sich nur ahnen. So erinnert sich Michaela, eine Kriegswaise aus Sierra Leone, noch heute an das Photo einer Tänzerin, das sie einst von einem glücklicheren Leben träumen ließ. Joan wiederum, der zwecks besserer Trainingsbedingungen in den U.S.A. sein kolumbianisches Heimatdorf verlassen hat, könnte die Begeisterung von seiner Mutter übernommen haben, einer nach eigenen Worten ’gescheiterten Ballerina’.

Ballett als befreite Konzentration

Weil „First Position“ die äußeren Bedingungen des Ballettsports intensiv beobachtet, gelingen dem Film aussagekräftige Bilder vom Alltag der Ballettschüler. Wer diese jungen Menschen darüberhinaus sind, läßt der Film außen vor und verifiziert insofern den deutschen Untertitel: „Ballett ist ihr Leben“. Der mag banal klingen, trifft möglicherweise aber den Kern aller Tanzbegeisterung. Tatsächlich verfügen Aran und die anderen über eine Konzentration ihrer körperlichen wie geistigen Kräfte, die Gleichaltrige, ja selbst die meisten Erwachsenen nicht einmal annähernd besitzen. Ihr außergewöhnliches Talent hat ihnen einen ebenso außergewöhnlichen Weg gewiesen, eine Liebe entfacht und eine Chance eröffnet, dem Dasein Sinn zu verleihen. Das macht sie stark und reif, auch wenn sie an Jahren noch unglaublich jung sein mögen.

Akzentuiert wird das in der schönsten Szene des Films. Als Joan nach Kolumbien reist, um die Eltern zu besuchen, ist er einmal im Hinterhof seines Heims zu sehen. Ohne passendes Schuhwerk und in ’artfremder’ Umgebung beginnt er zu tanzen. Plötzlich fügt sich alles zusammen: Nur ein Ballett-Tänzer kann sich so bewegen, derart kraftvoll und leichtfüßig, graziös und frei. Wie ein der irdischen Gebundenheit enthobener, vom Geist der Selbstbestimmung beflügelter Körper. 

First Position

Regie: Bess Kargman
98 Min, USA 2011

Kinostart: 4.7.2013

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