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Fernweh

Spanisch-Deutsches Gipfeltreffen der anderen Art

Spanien und Deutschland. Zwei große europäische Nationen, die auf ihre Art und Weise einzigartig sind, und verglichen zueinander in vielen Punkten von einem anderen Kontinent zu sein scheinen. Eine Gegenüberstellung und Konfrontation beider Länder, geschildert von einem Hispano-Germanen.

Alle Bilder: ©david niblack/imagebase.net


Impressionen


Die Sonnenstrahlen eines warmen Junitages brennen bereits in den frühen Morgenstunden auf Spaniens Hauptstadt. Motorengeräusche, Hupen, Gedrängel, laute Stimmen und die Akustik des Menschenstroms lassen die Metropole rund um die Gran Via zum pulsierenden Leben erwachen. Man könnte meinen, man befände sich in New York, Manhattan. Aber nein, das ist Europa, das Zentrum Madrids elektrisiert und repräsentiert die Mentalität des Landes. Man trifft auf Stolz, Offenheit, Internationalität, Vielseitigkeit und natürlich dieses südländische Temperament, von dem wir Nordländer so gerne ein Stückchen mitnehmen würden. Wir sind mitten in Spanien, der Nation, die so reich an Landschaft und Kultur ist wie kaum ein zweiter Fleck Erde auf der europäischen Landkarte. Auch für mich als Deutschspanier mit zwei Pässen immer wieder faszinierend. Und immer wieder mit der Frage verbunden: Was macht ihn eigentlich aus, den Unterschied zwischen beiden Heimatländern, oder ist er gar nicht so groß wie man glaubt?

Bei meinem letzten Besuch Madrids im Dezember 2012 wurde mir der wohl grundlegendste Unterschied beider Nationen verdeutlicht: Der Anblick von Bars, Cafes und Restaurants in jeder Straße, die bis auf den letzten Platz mit glücklichen Leuten aller Altersklassen voll waren, erstaunte mich. Eigentlich nichts Bemerkenswertes. Doch in Anbetracht der aktuellen Finanzkrise, den hohen Schulden und der horrenden Arbeitslosigkeit könnte man meinen, es wäre eine etwas trübere Stimmung an der Tagesordnung und weniger Motivation zu Konsum und Spaß vorhanden.  Doch Geld für ein geselliges Zusammensein bei einem Bier und ein paar Oliven scheint in jeder noch so aussichtslosen Lebenslage vorhanden zu sein. Für Deutsche ist diese Einstellung mit Sicherheit äußerst suspekt. Den Moment, das Jetzt und Heute zu genießen, egal was morgen ist, fällt ihnen schwer.

Leichtlebigkeit

Vermeintliche Muster


Jedem sind die klassischen Meinungsbilder der Deutschen gegenüber den Spaniern bekannt: Frühestens um 10 Uhr beginnt in der Regel der Arbeitstag, gefolgt von einer obligatorischen, mindestens eine Stunde anhaltenden Siesta zur Mittagszeit. Pünktlichkeit und Organisation werden sowieso nicht allzu großgeschrieben und Strebsamkeit beziehungsweise Zuverlässigkeit sind Fremdwörter. Überhaupt ist dem Spanier der Tratsch mit dem Kioskverkäufer oder ein Käffchen um die Ecke bei Weitem wichtiger als das Einhalten von Terminen und Fristen. Und das einzige was dieses Land zu bieten hat sind Flamencoaufführungen, Stierkämpfe, Sonne, Strand und viel Fiesta.

Sehnsüchte

Selbstverständlich denkt nicht jeder so. Doch ein gewisser Hang zu eben genannten Mustern ist in der Regel im Unterton stets rauszuhören. Die Frage ist nur, weshalb ist das so? Die aktuell ungünstige Wirtschaftslage kann nicht allein Grund dafür sein.

Genauso kurios ist es auch, dass Spanier in der Regel den Durchschnitts-Deutschen auf genau umgekehrte Art und Weise beschreiben: Humorlos, kalt, arbeitsobsessiv, strebsam, ernst und grau. 

„Siempre trabajar! Trabajo, Trabajo, Trabajo! Immer arbeiten! Arbeit, Arbeit, Arbeit!“. Das fiel einem alten klassischen spanischen Mann als erstes ein, als er bei einem Tratsch vor einigen Jahren im Dörfchen Vejer de la Frontera von mir erfuhr, dass ich aus Deutschland komme.

„Ah, Alemania, Cerveza!“ Dass viele Iberer das (zweifellos wunderbare) Bier als erstes mit unserem kulturell und historisch so reichen Land assoziieren, braucht keinen Kommentar. Und viel mehr als Wälder, Oktoberfest, Autobahnen ohne Tempolimit und Kälte scheint es auch nicht zu geben.

Handelt es sich tatsächlich um zwei große Nationen, die unterschiedlicher kaum sein könnten?


Mutmaßung


Viele Punkte könnte man wohl finden, mit denen sich diese Frage bestätigen lassen könnte. Doch überraschenderweise lassen sich die gegenseitigen Meinungsbilder zumindest teilweise widerlegen.

Denn, wer hätte das gedacht, auch in Deutschland scheint die Sonne und der Sommer ist keine Legende, von der Großeltern ihren Enkeln erzählen. Es gibt sogar Menschen, für die der Job keine Obsession ist, die den Lebensmittelpunkt darstellt. Und als ob das nicht genug wäre, gibt es auch in der wirtschaftlich so gesunden Nation Arbeitslose, Armut und soziale Brennpunkte.

Ein bisschen spanische Verhältnisse? Moment. Da war doch was.

Fleißige Menschen, innovative Fortschritte, kalte Winter, grüne Gebirge. Willkommen in Spanien!

Das Zentrum Madrids in der Abendsonne


Mentalitäten


Die aktuellen Berichte aus dem krisengeschüttelten Land sprechen eine deutliche Sprache: 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, Staatsschulden und keine Hoffnung in Sicht. Man könnte meinen, ein Land versinkt im Schatten. Umfragen weisen jedoch das Gegenteil auf: In Spanien leben die mit am glücklichsten Kinder, während Deutschland weit abgeschlagen platziert ist. Man könnte daraus schließen: Wer braucht schon viel Geld und die allerbeste Bildung, wenn man Millionär in Sonnenstunden und Zufriedenheit sein kann. Wie gesagt, man könnte.

Ich denke, dass Traditionen, Gewohnheiten, Abläufe und Gesellschaftsordnung die entscheidende Rolle spielen, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, inwieweit beziehungsweise inwiefern sich Menschen aus verschiedenen Länder unterscheiden.

Meine spanische Familie kommt aus dem Norden der iberischen Halbinsel, der Region Asturien. Ein von grüner, bergiger Landschaft geprägter Küstenstreifen am Atlantik, der vermutlich auf den ersten Blick nicht wirklich spanisch wirkt. Jeden Sommer versammelt sich hier die gesamte Familie, um den Monat August gemeinsam zu verbringen. Eine Gewohnheit, die in Spanien weit verbreitet ist. Sommerurlaub zuhause. Verständlich, dass bei den klimatischen und landschaftlichen Gegebenheiten das Fernweh nicht so akut verbreitet ist wie in Deutschland. Doch auch der familiäre Zusammenhalt spielt hier eine wichtige Rolle. Überhaupt ist das Konzept der Familie im katholischen Spanien ein anderes. Man braucht keinen kalendarischen Ansatz wie beispielsweise Weihnachten oder den Geburtstag der Großmutter, um schließlich mehr oder weniger gerne ein Zusammenkommen zu realisieren. Für Iberer ist Familie Alltag, Rückhalt, Sicherheit, Geborgenheit und Basis der sozialen Zufriedenheit.


Tradition prägt


Ein normales gemeinsames Mittagessen mit bis zu drei Generationen übergreifenden Familienmitgliedern wird zelebriert wie eine Kommunion oder ein Geburtstag. Das „Wir“-Gefühl spiegelt auch die patriotische Einstellung des Landes deutlich wieder:


Vergangenen Sommer verbrachte ich einige Tage in Malaga, Andalusien. Bei der Einfahrt vom Flughafen in die Stadt wurde ich von einem Meer an spanischen Flaggen und Fahnen empfangen. Die weniger schönen Neubauten am Rande der Stadt zeigten sich in rot-gelb-rot. Auch wenn man knapp einen Monat davor den EM-Titel gewonnen hatte war schlicht Patriotismus Grund für das stolze Präsentieren der Landesfarben. „Mia san mia“-Gefühle auf Landesebene.


Ein Bild, was man in Deutschland bisher nur von der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land kennt. Aufgrund der Geschichte fällt es den Menschen hierzulande noch recht schwer, offen und überzeugt stolz auf sein Land zu sein. Mit Sicherheit ist hierbei auch die allgemein nüchterne Art Grund dafür.


Traditionen werden in beiden Ländern gepflegt. Doch werden sie anders ausgelebt. Ich erinnere mich an die Weihnachtszeit in Madrid vergangenen Jahres. In einer kleinen Kneipe im Zentrum der Stadt wurde ein Flamencoabend annonciert, es war einer der Weihnachts-Feiertage. Hierzulande kennen wir das Weihnachtsfest als ein ruhiges, schönes, besinnliches. Leise Lieder, friedliche Atmosphäre und Besinnlichkeit bestimmen die Stimmung dieser Tage.


Neugierig auf das „Flamenco navideño“, das „weihnachtliche Flamenco“, schaute ich mir die Vorstellung an und merkte ein Weiteres Mal, wie sehr sich Menschen und Kulturen doch unterscheiden können. Mit lauten, fröhlichen und ausgelassenen Liedern feierte man die Geburt Christi, geführt von einer etwa fünf-köpfigen Band, ausgestattet mit Gitarre, einem Hocker und einem Gläschen Rotwein. Die alte Großmutter, die jugendliche Enkelin und das Neugeborene, jede Altersklasse war vertreten und sang lautstark mit. Eine Art voller Glück und Freude, Ereignisse hemmungslos zu zelebrieren, wie man es hier an solchen Tagen nicht kennt.


Zwei verschiedene Art und Weisen Momente und Situationen zu leben. Doch nicht alles was glänzt, ist golden.

Große Nationen ©TiM Caspary/pixelio.de


Wer zuletzt lacht


Auf Grund der momentan akut schlechten wirtschaftlichen Lage Spaniens entsteht mehr und mehr eine Zusammenarbeit beider Länder, was in Anbetracht der Gegenüberstellung beider Kulturen fast schon an Ironie grenzt: Gut ausgebildete, junge Spanier finden im eigenen Land keine Arbeit. Deutschland sucht Fachkräfte aller Art. Jawohl, es handelt sich um eine klassische Win-Win Situation, Vernunft hilft Leichtlebigkeit und Leichtlebigkeit hilft Vernunft. Leichtlebigkeit, weil die spanische Regierung es durch Leichtsinn verpasst hat, solide zu handeln. Vernunft, weil es Deutschland geschafft hat, wirtschaftlich sehr gesund und solide zu arbeiten.

Meine Cousine, eine 25-jährige Medizin-Studentin aus Valencia absolvierte letzten Sommer in München einen Deutsch-Kurs. Nicht selten sagt sie, es könnte sein, dass sie später einmal nach Deutschland kommen müsse, um Arbeit zu finden. Mit diesen Gedanken ist sie bei weitem nicht die einzige. Spaniens motivierte, arbeitswillige Jugend trägt ein schweres Erbe.

Für viele ist allein der Gedanke, das geliebte Heimatland zu verlassen, und in das ferne Deutschland zu gehen, alles andere als leicht. Es kommt zu einem Kulturschock, auch wenn Europa mit der Zeit immer vernetzter und ähnlicher geworden ist. Es ist einfach nicht dasselbe, in Bochum bei fünf Grad und Regen zu arbeiten ohne die Sprache perfekt zu beherrschen, als in der milden Heimat sein täglich Brot zu verdienen.

Diese Überwindung, Familie und Freunde hinter sich zu lassen, ist  auch durch eine sehr starke Heimatverbundenheit begründet. Spanier fühlen sich zuhause schlicht am wohlsten, was auch daran liegt, dass sie ihre Sprache so sehr benötigen wie die Luft zum Atmen. Sprache als Sicherheit, Stütze und Waffe. Es ist kein Mythos, dass man nur selten auf Spanier trifft, die eine weitere Fremdsprache wie Englisch oder Deutsch gerne und fließend sprechen. Bedingt durch die Bandbreite an Fassetten, welche die spanische Sprache bietet, kommt einem Muttersprachler mit geringen Fremdsprachenkenntnissen jede andere Form der Kommunikation wie ein enges Gefängnis vor.

Durchsagen auf einem Flug mit IBERIA auf Englisch kann man auch nur dann entschlüsseln, wenn man die Version auf Spanisch verstanden hat.


Ein Fazit


Es ist schwierig, ein Land mehr, und das andere weniger zu mögen, wenn man beide in seinem Herzen trägt. Ich kann von großem Glück sprechen, beide Nationalitäten zu kennen und leben zu dürfen.

Mit der Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese zwei Seiten wiederum ein sich perfekt ergänzendes Ganzes ergeben. Auf der einen Seite Deutschland: Eine moderne, vielseitige und starke Weltmacht mit Menschen, die zwar gerne Sicherheit und Ordnung haben, jedoch keineswegs die guten Seiten des Lebens missen wollen. Auf der anderen Seite Spanien: Das lebensfrohe, mit seiner Kultur inspirierende Land, welches trotz aktueller Engpässe, mit seiner Mentalität das Wichtigste vorlebt: Glück und Lebensfreude.




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