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Gesellschaft

Schwabylon - Die vergessene Stadt

Es war als urbanes Experiment geplant, als Freizeitstadt in der Stadt, als Ort der Begegnung und Entspannung: 365 Tage Sommer, zwölf Monate Urlaub, sieben Tage Weekend, 24 Stunden Spaß, die vollkommene Freizeit...

Es gab alles, wirklich alles: Angelehnt an die Prinzipien der alten Griechen wurde ein zentraler Platz geschaffen: die Agora. Hier fanden Aktionen und Auktionen statt. Umrahmt von kleinen Boutiquen und Kiosken konnten Vorträge gehalten oder Konzerte veranstaltet werden.  

Der Marktplatz war der Ort zum Sehen und Gesehen werden. Wie in einem Basar wuselte es überall. Natürlich durfte das klassische Vergnügungszentrum nicht fehlen. Mit der Spielhalle 'Las Vegas', Kinos und einer Diskothek war alles für die leichte, bisweilen auch seichte Unterhaltung geboten.

Wer auf dem Markt nicht fand was er suchte, konnte in der Shoppingmeile sein Glück versuchen. Ein gemütlicher Bummel, vorbei am Mini-Zoo, einem Reisebüro und Modeboutiquen, nahm schon mal den ganzen Tag in Anspruch.

Ein großes Areal wurde natürlich den lukullischen Genüssen gewidmet, denn was bringt der ganze Spaß, wenn nebenbei der Magen knurrt. Die Fressgasse bot alles, was das Herz begehrte, inklusive drei Spezialitäten-Restaurants.

Ausgiebige Entspannung fand man in der Schwimmhalle und im Fitness-Club. Die durchgehende Klimatisierung machte es möglich, einen tropischen Garten und zwei Schwimmareale ohne große Trennwände zu allen anderen Bereichen anzulegen. So konnte man während einer ausgedehnten Runde im Whirlpool den anderen Leuten beim Eislaufen zusehen.

Das Eislaufareal war nämlich in direkter Nachbarschaft zu finden und galt als eine der schönsten Anlagen der Welt. Praktischerweise ließ es sich in kürzester Zeit in eine Boxkampf-Arena, einen Ballsaal, einen Tennisplatz oder einen brodelnden Hexenkessel für Pop-Konzerte verwandeln.

Sogar kleine und große Wehwehchen waren hier gut aufgehoben. Im Gesundheitszentrum fand man von der Fußpflege bis hin zur Chirurgie alles, um gesund zu bleiben oder zu werden.

Hedonistisch-kommerzielle Zentren dieser Art, waren in den siebziger Jahren noch nicht alltäglich und eine wirkliche Neuerung in der urbanen Architektur. "Das Schwabylon in München war für mich mit seinem Anspruch auf eine integrale Erlebniswelt für Freizeit, Spiel, sportlicher Ertüchtigung, Kultur und Einkaufen, Neuland" sagt dazu Justus Dahinden.

Wie gesagt, es gab alles... nur keine Treppen. Die Besucher wurden über Rollrampen und Rampenstrassen zu den einzelnen Ebenen geleitet.


Seiner Zeit voraus

Leicht könnte man vergessen, dass hier von einem Gebäude die Rede ist, das 1973 erbaut wurde. Wahrscheinlich hat selbst der Architekt Herr Dr. Justus Dahinden nicht geglaubt, wie realitätsnah seine Zukunftsvision wirklich war. Jedenfalls können wir heute von solch einer Freizeitstadt nur träumen.

Wo dieses Schwabylon ist? Nun, es war einmal und zwar an der Leopoldstrasse 194, bis es wieder abgerissen wurde. Das schnöde Geld war mal wieder Schuld am Untergang eines Kunstwerkes, denn leider waren die Erwartungen der Finanziers, ein gewisser Augsburger Landmaschinenhändler Otto Schnitzenbaumer, der auch noch in den Skandal um die hessische Landesbank Helaba verstrickt war, nicht so gut durchdacht wie die Planung der Freizeitstadt.

Leider war das Schwabylon seiner Zeit so weit voraus, dass sich die Münchener ein paar Jahre nach dem Auszug der Ladenmieter und dem jahrelangen Leerstand, geradezu enthusiastisch zeigten, als ein Schweizer Versicherungskonzern ankündigte einen schmucklosen Verwaltungssitz auf dem Gelände zu errichten. Das Schwabylon stand plötzlich für alles schlechte, was sich in den siebziger Jahren in Schwabing abspielte. Drogen, Prostitution und Messerstechereien waren in der Anlage demnach an der Tagesordnung. Ganz im Münchener Stil wurde der leerstehende Teil des Gebäudes abgerissen, der Verwaltungssitz erbaut, die Mieter in den Apartments ausgetauscht und schon hatte München einen langweiligen Platz mehr in seiner Mitte.

"Heute würde das Schwabylon unter Denkmalschutz stehen" sagt der Architekt des Schwabylons Justus Dahinden. Zum Scheitern des Projekts ergänzt er: "Leider ist die Finanzierung nicht realistisch genug abgelaufen; eine große Zahl von zu wenig marktgängigen Verkaufsflächen und Ausstellungshallen mit kaum Rendite hat es dem privaten Bauherrn und Geldgeben schwer gemacht, die nötige Anlaufzeit allein durchzustehen."

In letzter Zeit erfährt das Schwabylon jedoch wieder mehr Wertschätzung, vor allem bei Architekturbegeisterten, aber auch bei den Münchnern selbst. So wurde von der Gruppe "die urbanauten", im Zuge der "vierten architekturwoche" eine sehr realitätsnahe - und vom Publikum vielbeachtete - Bautafel installiert, auf der ein "Originaltreuer Nachbau des Schwabylon an der Münchner Freiheit" angekündigt wird.

Urban-Stil mitten in München

Manche behaupten, das Schwabylon wäre im 70er Jahre Pop-Art-Stil erbaut worden. Stimmt, soweit man in der Architektur von Pop-Art sprechen kann. Allerdings gibt es für dieses Gebäude eine bessere Bezeichnung: der von Le Corbusier begründete "Urban-Stil", der die gesamte Architektur an den Bedürfnissen der städtischen Bevölkerung orientiert.

Konsum und Freizeit prägten bereits damals die sozialen Strukturen und standen damit im Gegensatz zur bis dato herrschenden grauen Einheitsarchitektur. Dahinden hingegen konzipierte die Einheit von Architektur und Funktion. So soll ein Freizeit-Palast auch viel Frei-Raum bieten.

Wie in vielen Bauten zuvor, fließen auch hier etliche Elemente aus Dahindens ungewöhnlichem Formenrepertoire ein: schräge Wände, dem Alltag entrückte Raumfolgen, expressive Übersteigerung der Form, Lichtführung, Verwendung von Symbolik und archetypischen Formen. Nicht zuletzt schuf der Architekt, wahrscheinlich eher unbewusst, eines der ersten behindertengerechten Gebäude seiner Zeit, denn Stolpersteine wie Treppen oder Rolltreppen waren ja nicht vorhanden.

Bleibt nur noch zu sagen, dass der Abriss im Nachhinein eine kleine, künstlerische Katastrophe ist und beim Architekten ebenso wie bei allen anderen, die sich noch daran erinnern, tiefes Bedauern auslöst. Leider gab es 1985 keinen Denkmalschutz für 70er Jahre Bauten und so wurde München nicht nur einer Sightseeing-Attraktion beraubt, sondern auch einer Oase der Lust und des Spaßes - genau das, was man heutzutage in groß angelegten Projekten wie zum Beispiel der Erdinger Therme wieder neu erschafft.

Fazit: Nicht nur mit uns in Erinnerungen schwelgen,  liebe Architekturstudenten, sondern in Anlehnung an bereits Geleistetes eine neue Freizeitwelt kreieren.


Über den Architekten:

Die Karrieresprünge des Justus Dahinden (geb. 1925 in Zürich)


Bereits an Dahindens Briefkopf lässt sich schon das umtriebige Wesen des Architekten ablesen: PROFESSOR DR. SC. TECH. JUSTUS DAHINDEN DIPL. ARCHITEKT SIA IAA HFAIA. Wobei hinter dem Professorentitel noch eine Zahl stehen sollte: Vier internationale Professuren "honoris causa", aus Argentinien, Bulgarien, Georgien und der Slowakei ehren den ordentlichen Professor der TU Wien.

1999 wurde er zum 'Man Of The Year' des American Biographical Institute gewählt. Alle weiteren Auszeichnungen aufzuzählen würde leider den Rahmen sprengen. Neben all den Honorierungen und baulichen Projekten, blieb Professor Dahinden sogar noch die Zeit sechs Bücher zu veröffentlichen.

Dahinden hat mehrere Spektakuläre Gebäude entworfen, die er meist in seinen etwas eigenen organischen und vor allem funktionalen Stil erbauen ließ. Neben Wohnparks, Siedlungen, Shoppingzentren und Hotels, entwarf Dahinden auch Kirchen in Europa und Afrika. Zu den aufregensten seiner Bauwerke gehört das Ferrohaus in Zürich, das einer antiken Pyramide nachempfunden ist.


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Sascha Lobo, der rote Blogger

21 Fragen an: Sascha Lobo

Sascha Lobo ist Autor, Blogger, Microblogger und Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und Markenkommunikation. Als freier Mitarbeiter engagiert er sich bei der Zentralen Intelligenz Agentur und ist verantwortlicher Redakteur des mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Weblogs «Riesenmaschine». Sein Debütroman “Strohfeuer” (September 2010 im Rowohlt Verlag erschienen) handelt von der Lebensgier in den Zeiten der New Economy.


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