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Film

Schottischer Trotzkopf

Den Pixar Animation Studios verdankt das Kino so wunderbare Figuren wie Flik, die heldenhafte Ameise, Rémy, die kochende Ratte, WALL-E, den Roboter mit Aufräumzwang oder Carl Fredricksen, der samt Häuslein in ein neues Leben abhebt. Jetzt versucht eine widerspenstige Maid, sich diesem Ensemble einzureihen: "Merida - Legende der Highlands", ab 2.8. auf der Leinwand.

Schottischer Trotzkopf
Merida muss Heldenmut beweisen. ©2012 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

Zauberspruch mit Folgen

"Once upon a time in Scotland ...", oder wie auch immer diese Sagas beginnen. Jedenfalls lebte im schottischen Hochland einst eine Königstochter, Merida genannt. Anstatt sich auf ihre Zukunft als Ehefrau eines Lords vorzubereiten, frönt sie der Kunst des Bogenschießens, tollt durch die Wälder und lässt dabei ihre wilde rote Lockenpracht wallen. Das mag den heiter-debilen Papa Fergus erfreuen, Königin Elinor jedoch fordert mehr staatstragende Ernsthaftigkeit. Als Merida diese während der Highland Games, auf denen ihr zukünftiger Gatte ermittelt werden soll, erneut vermissen lässt, kommt es zum Eklat. Merida läuft fort, trifft zufällig auf eine Hexe, äußert einen ungenau formulierten Wunsch - und schon ist ihre Mutter in einen Bären verwandelt.

Heutzutage, im grammatikalischen Inferno aus Werbeslogans, SMS-Kürzeln und Medienphrasen, würde ein solches Missgeschick wenig wundern. Im mittelalterlichen Schottland hingegen hat Sprache noch magische Bedeutung. Wer da allzu vage um ’Veränderung’ für ein strenges Familienmitglied bittet, braucht sich nicht zu beschweren, wenn er schließlich einen zu groß geratenen Teddy mit pfiffiger Mimik am Hals hat. Zu allem Überfluss ist der König ausgesprochen schlecht auf diese Tiere zu sprechen, hat ihm doch vor Jahren ein besonders bösartiges Exemplar ein Bein abgerissen.

Schottischer Trotzkopf
Bei Königs in der guten Stube. ©2012 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

Bilder zwischen Naturalismus und Romantik

Apropos Sprache: Was genau befähigt einen Künstler, Storys wie "Merida" zu schreiben? Nimmt man die Pressekommentare vom Regie- und Drehbuchteam Mark Andrews, Brenda Chapman und Steve Purcell ernst, sind es offenbar die Existenz eigener Kinder sowie ein touristischer Hang zu Schottland. Genauso wirkt die Geschichte auch, nämlich infantil und folkloristisch. Der verhängnisvoll platte Grundkonflikt , 'Ich will anderes als meine Eltern, aber sofort!', läßt auch nicht die Spur von Originalität erkennen, erschöpft sich in faden innerfamiliären Scharmützeln und pubertärer Pseudo-Auflehnung. Zuhause wird gemotzt, draußen mit dem Pferd ausgelassen herumgeritten oder mal auf Klippen geklettert. Wow, was für ein Revolutionsgeist!

Immerhin ist das Umfeld, in dem (beinahe) rebelliert wird, eine besonders hübsch animiertes. Da stört selbst die 3D-Technik nicht. Mit naturalistischer Genauigkeit, über der ein Hauch romantischer Landschaftsmalerei liegt, werden die schottischen Highlands präsentiert, mal kühl und klar, mal düster und nebelumflossen. Geheimnisvolle, in sattes Grün-Blau getauchte Wälder, ein weiter, wolkenbelebter Himmel über rauen Bergen und tiefe, stille Seen zeigen ein urwüchsig-pittoreskes Land, das wie gemacht zu sein scheint für mythische Legenden. 

Dramaturgie ohne Esprit

Doch dann dient die Umgebung nur als netter, vegetationsreicher Hintergrund für ein ausgesprochen seichtes Märchen, das sich zwischen Disney-Routine und Gebrüder-Grimm-Anleihen mühsam zum vorhersehbaren Happy-End schleppt. Die Dramaturgie funktioniert nie wirklich, lässt Identitätssuche und Abenteuerphantasie ebenso uninspiriert nebeneinander herlaufen wie Tochter und Mama-Bär während ihrer Flucht. Die führt aus der Burg in den Wald, später zurück in die Burg, zuletzt wieder hinaus in den Wald ... besser lässt sich die Eintönigkeit des Plots nicht charakterisieren.

Schottischer Trotzkopf
Mutter und Tochter sind sie nicht immer grün.

Wie die Geschichte langweilt deren eindimensionales Personal. Außer der eigensinnigen Merida und der klugen Elinor besitzt offenbar niemand jenes berühmte Fünkchen Verstand. Vielmehr sind sämtliche Hof- und Clanmitglieder geistig derart tiefgelegt, dass man sich ernsthaft Sorgen um den Fortbestand ihrer chaotischen Sippe machen muss. Angesichts solcher Protagonisten versteht sich eine visuell wie narrativ dürftige Gagqualität beinahe von selbst.

Schottland entlang der Klischees

Diesem Niveau angepasst hat sich der kulturell-historische Anstrich des Films, bei dem alles Schottische auf Stereotypen reduziert ist, ob Kilts mit Tartan-Motiv, Würgereiz dank Haggis, rustikale Trinkgelage, Baumstammweitwurf oder Tribal-Symbolik. Hierzu passend wird in Patrick Doyles Ethno-Score eifrig gefiedelt und geflötet, inklusive Dudelsack-Klängen sowie Folksongs. Den letzten Schliff erhält solche Authentizität à la Hollywood durch wohlkalkuliertes Voicecasting: Neben der Engländerin Emma Thompson als Elinor erweisen sich renommierte schottische Schauspieler wie Kelly Macdonald, Billy Connolly, Robbie Coltrane oder Craig Ferguson als akustischer Glücksfall. 

Deutsche Zuschauer hingegen werden mit Nora Tschirner als Merida konfrontiert, die dank uncharismatischer Stimmperformance und aufgesetzter Trotzattitüde dieser sowieso recht einfallslosen Gestalt den passenden Ton verleiht. Einen nichtssagenden nämlich. Gewollt?

Schottischer Trotzkopf
Immerhin kommt Merida ohne Prinzip zum Happyend - fast schon fortschrittlich.

(Kein) Charme jenseits von Konventionen

Im Prinzip wäre "Merida" nur ein weiteres massenkompatibles Produkt für den sicheren Box-Office-Dollar, wenn, ja wenn es nicht von Pixar käme. Ein Studio jedoch, das mit "Toy Story", "Findet Nemo" oder "Ratatouille" Animationsgeschichte geschrieben hat, lässt für seinen 13. abendfüllenden Film definitiv anderes erwarten als konventionelles Entertainment. Wo sind die liebenswerten, herrlich schrulligen Figuren geblieben, wo die ungewöhnlichen, schlauen Storys mit ihren emotionalen Nuancen, wo die gewitzten Einfälle, wo die unvergesslich charmanten Impressionen? Da kann die CGI-Technik von "Merida" noch so perfekt sein, kein einziges Bild aus diesem Film nimmt es etwa mit jenem zart-poetischen Anblick aus "Oben" auf: ein von Luftballons in den Himmel getragenes Haus.

Allein der obligatorische Vorfilm "La Luna" läßt jene Magie ahnen, auch wenn er mit dem Mond ein längst poetisiertes Motiv aufgreift. Trotzdem weiß Regisseur und Autor Enrico Casarosa noch Neues über den Erdtrabanten zu erzählen, explizit, wie er denn seine Gestalt verändert. Dergleichen erhofft man sich auch für Pixar. Dass dieses Studio zukünftig wieder in voll(mondhaft)er Kreativität erstrahlt. Und cineastische Träume auf erwachsen spielerische Weise illuminiert.

Nathalie Mispagel


MERIDA - LEGENDE DER HIGHLANDS

Regie: Mark Andrews und Brenda Chapman
Deutscher Kinostart: 02. August 2012 

Im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

  




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