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PsychoCiety

Schön Operiert Teil III

Unser Sexualtrieb, der besonders auf Schönheit und Jugend reagiert, konnte jedoch immer nur kurzfristig und scheinheilig gezähmt werden. Nach und nach ist deshalb auch die weltliche Macht eingestiegen in dieses Geschäft der Imagination des Guten durch das Schöne und heute haben wir einen ästhetisch global gleichgeschalteten Werbemarkt, der uns täglich und überall mit der uniformen Perfektion von Schönheit überschwemmt. Die sexuelle Seite unseres Schönheitsempfindens ist mittlerweile offensichtlich. Das ist immerhin ehrlich, auch wenn es uns Menschen mit unserer Banalität und unseren tierischen Instinkten konfrontiert, denen wir so gerne enthoben wären.

Und hier kommen wir zu einer weiteren Tatsache, die zu der Widersprüchlichkeit beim Thema natürliche versus künstliche Schönheit beiträgt: Schönheit ist Macht, vor allem eben sexuelle Macht – und diese wollte die Gesellschaft besonders den Frauen lange vorenthalten.

Die längste Zeit in unserer Kulturhistorie hatten Frauen keine Macht, waren das schwache, das schöne, das abgewertete Geschlecht, das es zu domestizieren und verwalten galt. Es gab in all den Jahrhunderten unserer Geschichtsschreibung nur sehr wenige Frauen, die wirklich Einfluss nehmen konnten auf das Weltgeschehen, die überhaupt in den Büchern über die Wichtigen der Welt vermerkt sind. Jenseits des kleinen Clubs hochwohlgeborener und tatkräftiger Königinnen, werden es noch weniger: Jeanne d´ Arc, Madame Pompadour, Sahra Bernard, Lou Andreas- Salomé. Sie alle waren schön. Ihre Schönheit hat ihnen geholfen ihre Mission zu verfolgen, ihre übrigen Talente sichtbar zu machen, angehört zu werden, von denen, die immer schon und immer noch den größten Teil des Weltgeschehens bestimmen: Männer. Diese Ausnahmefrauen haben ihr Äußeres verwendet, um etwas zu bewirken und sei es auch nur die Tatsache klar zu machen, dass Frauen als begabte, starke Menschen vorhanden sind. 

Vor hundert Jahren noch waren es allein ein paar Künstlerinnen, Schauspielerinnen, Exzentrikerinnen, die sich als Frauen einen Namen machten. Immer an der Grenze  gesellschaftlicher und juristischer Verurteilung war ihre Schönheit oft ihr Schutz: Sie hatten (verliebte) Bewunderer, die sie unterstützt haben, gegen alle Verleumdungen und die dauernde Bestrebung Frauen weiterhin ihre Selbstbestimmung zu verwehren. 

Vor fünfzig Jahren gab es immer noch nicht viele Frauen, die ein halbwegs freies, bemerkenswertes Leben führten, jenseits von Kindererziehung und Haushalt: Ein paar Lehrerinnen, Ärztinnen oder Pharmazeutinnen. Ihre Intelligenz mussten sie oft doppelt unter Beweis stellen, es gab große Sorgen in ihren Familien, dass sie nie einen Mann finden würden – das immer noch höchste Ziel für Frauen dieser Zeit. 

Auch Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer und Elfriede Jelinek waren einmal schöne, junge Frauen. Das hat ihnen Türen geöffnet, die sie dann später aus den Angeln gehoben haben, um den Weg frei zu machen für alle Frauen. Schönheit hat den Frauen geholfen für ihre Gleichberechtigung zu kämpfen, denn die Sehnsüchte, die sie auslöst, war immer schon die Achillesferse der (mächtigen) Männer. Ihnen wegen vorhandener Schönheit Intelligenz abzusprechen ist selbst heute noch ein probates Mittel, um die Macht der Schönheit zu brechen. (Auf schöne Männer reagieren Frauen übrigens mit derselben schwärmerischen Sehnsucht und Liebesphantasien. Schon Guy de Maupassant hat mit seinem Bestseller `Bel Ami´ gezeigt, dass auch Männer ihr Äußeres für Aufstieg und Absicherung verwenden können. Nur gibt es immer noch viel zu wenige Frauen in wirklichen Machpositionen damit diese Strategie über Einzelfälle hinaus relevant wäre. Immerhin hat eine neue Studie aus Israel gerade bewiesen, dass die zu 85% mit Frauen besetzten Personalabteilungen von Firmen bevorzugt attraktive männliche Bewerber zu Gesprächen einladen – während die attraktive Bewerberinnen, aus Angst vor Konkurrenz, gerade nicht einladen wurden.)

Die Kulturgeschichte von der erhabenen Schönheit wirft also immer noch ihren lange Schatten auf unsere Meinung über die Schönheit. Heute, wo das Thema Schönheit sich hauptsächlich um sexuelle Attraktivität, Begehren und begehrt sein wollen, um Selbsterhebung und Besitz dreht, suchen wir immer noch nach etwas Höherem oder Tieferem in der Schönheit.

Wir wollen sie nicht einfach dem schnöden Sex und Mammon überlassen. Denn dann droht die Gefahr, dass wir zu ihren triebgesteuerten Sklaven werden (und zwar Männer und Frauen gleicher Maßen): Im modernen Medienzeitalter der westlichen Konsumkultur ist die Schönheit zur Tyrannei geworden mit ihren Maßtabellen, ihrer genauen Definition von Minimalgewicht, Symmetrie und Idealgrößen, sie unterwirft uns einer offiziell definierten Perfektion, die jede kleine Abweichung (bis hin zu Knieumfang, Schamlippenlänge und Ohrengröße) als großen Fehler erscheinen lässt, die Unsicherheit und Unglück verursacht und den Wunsch das zu korrigieren.

Darüber hinaus hat sich das Schönheitsideal geändert, es ist heute androgyner und unweiblicher: Es ist somit viel schwieriger geworden noch als schön zu gelten, sich selbst als schön zu akzeptieren, mit all den uniformen Models vor der vielleicht etwas großen eigenen Nase. Und natürlich steht hinter diesem Prinzip eine Industrie, die jedes Jahr wächst und unglaubliche Gewinne zu verzeichnen hat. Je schlechter und unschöner wir uns fühlen, umso mehr verdienen andere daran. Dabei handelt es sich um viele völlig sinnlose Produkte und manche schädigen den Körper sogar dauerhafter, als es ein operativer Eingriff.

Doch der laute Aufschrei der Feministinnen gegen den Schönheitswahn ist bisher, im Gegensatz zu vielen lobenswerten anderen Forderungen zum Thema Gleichberechtigung, folgenlos verhallt. Während sie angeblich mangelnde Intelligenz und ein domestiziertes Naturell der Frauen als biologische Unwahrheiten anprangerten und somit auf der Seite der Wahrheit standen, verhält es sich beim Thema Schönheit genau umgekehrt: Unser Schönheitsempfinden ist eine biologische Tatsache und diese  Wahrheit zu leugnen, versetzt den Feminismus in eben solch eine dogmatische Position, die sich um die Wahrheit wenig schert und nur auf althergebrachte Forderungen pocht.

Ob die Feministinnen damit zur Freiheit und Wahrhaftigkeit der Menschen beitragen oder nicht, scheint sie wenig zu kümmern. Dabei fesseln sie die Frauen an ein Ideal, dass ihren Möglichkeiten völlig widerspricht. „Eine emanzipierte Frau ist in der Lage, sich von vorgefundenen Werten und Vorstellungen über ihre Rolle zu distanzieren", hat Margarete Mitscherlich behauptet.

Vielleicht muss sie sich in diesem Fall aber gerade von der gängigen Meinung der Feministinnen distanzieren, um einen selbstbestimmten Weg zu gehen. Wäre die Welt nicht viel schöner, wenn beides zusammen spielen würde, ohne dass weibliche Durchsetzungsstärke und Kampfgeist durch Schönheit (künstlich oder natürlich) in Verruf geriete? Das Rad lässt sich ohnehin nicht mehr zurück hinter die moderne Mediengesellschaft drehen und wer hat eigentlich je bewiesen, dass ein verschönerter Körper prinzipiell einer schönen Seele widerspricht?

Und hier kommen wir zu einem weiteren wichtigen Aspekt: Wozu brauchen wir eigentlich all die Schönheit? Erwiesener Maßen sind schöne Menschen zwar erfolgreicher, aber deshalb noch lange nicht glücklicher. Was ließe sich von dieser Tatsache für das Thema Schönheit und SchönheitsOPs folgern? Denn letztendlich träumen wir – Kulturhistorie hin oder her – aus biologischen, psychologischen Gründen von einer wahren, tiefen Liebe, die über dieses profane Äußere hinausgeht: Selbst schöne  Menschen wollen um ihrer selbst Willen geliebt werden,  (hässliche Menschen übrigens auch).

Und in der Tat: Wir können schöne Menschen schön finden, ohne sie zu begehren und den eigenen Wünschen unterzuordnen. Frau kann andere Frauen ästhetisch bewundern, wir können Kinder schön finden oder Tiere ohne jede sexuelle Lust: Das interesselose oder vielmehr sexlose Wohlgefallen existiert also. Was sagt das über unsere Psyche und ihren Entwicklungsstand aus? Lässt sich der Neid oder die Fixierung auf Schönheit auf ein gesundes, selbstbestimmtes Maß eindämmen?

Umgekehrt findet die egoistische Erfüllung der eigenen Sehnsüchte durch Schönheit immer nur zeitweise Befriedigung. Schönheit allein reicht nicht. Fassaden kippen leicht – oder altern (und mit dem Alter müssen wir uns sowieso irgendwann auseinander setzen, denn selbst durch die besten OPs kann man dieses menschliche Drama immer nur etwas nach hinten verschieben). Somit ist nicht die Schönheit unmoralisch oder neurotisch, sondern unser Begehren, sowohl für die Schönheit, die wir für uns selbst gerne hätten, als auch für die, die wir am anderen gerne besitzen wollen.

Wird der andere Mittel zum Zweck für die eigenen Bedürfnisse, ist das (schön oder nicht) auf jeden Fall immer neurotisch, also unreif und infantil, leidverursachend, für sich und andere. (Mit einer reinen Profitgier scheitern nicht zuletzt auch die Schönheitschirurgen selbst: Behandeln sie den Körper der Patienten nur als Bauernopfer der eigenen Wohlstandsehnsucht, folgen sie ebenso zweifelhaften egoistischen, neurotischen Bestrebungen, wie die Menschen, die hoffen ihre psychischen Probleme würden durch solche OPs gelöst und ihr Leben wäre danach nur noch wunderbar.)

Wollen wir also selber schön sein, um einen anderen an uns zu binden, uns selbst materiell abzusichern, wollen wir einen schönen Menschen an unserer Seite haben, um unser unsicheres Wertgefühl zu stabilisieren, scheitern wir automatisch an dieser Scheinbindung und das endet dann meistens vom Scheidungsrichter. Denn neben unserer Empfindung für Schönheit, die sich gut für neurotische Strategien missbrauchen lässt, existiert die weit stärkere Sehnsucht nach einer wirklichen Bindung, einer tragenden Verbindung mit anderen – und dabei wird die Schönheit plötzlich zweitrangig.

Der Mensch ist eben nur auf den ersten Blick attraktiv und auf den zweiten dann vielleicht völlig alltagsuntauglich. (Das gilt übrigens für alle Neurosen, sind sie nun hinter einer schönen Fassade versteckt oder nicht.) Der Umgang mit der Schönheit ist also in erster Linie kein allgemein moralischer mehr, sondern ein persönlicher, der im eigenen Reifegrad der Psyche gründet. Hier können wir ihn entwickeln ohne gegen Windmühlen zu kämpfen und unrealistischen Forderungen anheim zu fallen.

Die übermäßige Konzentration auf die äußere, sexuelle Schönheit ist somit nicht nur aus unserer Kulturgeschichte heraus verwerflich, sondern auch psychologisch ungesund. Sie ist eine typische moderne Kompensation von Lieblosigkeit und mangelnder aufrichtiger Zuwendung, eine narzisstische Störung und als solche leider heutzutage weit verbreitet. Wir versuchen mit Schönheit, quasi „billig“, auf dem schnellen, einfachen Weg emotionale Bindungen zu „kaufen“, die unser emotionales und existentielles Überleben sichern sollen – und das ist zum Scheitern verurteilt. Und trotzdem treten wir natürlich immer durch den Körper mit der Seele des anderen in Kontakt. Die schöne Seele (oder der reife Charakter) ist sich aber des Bösen bewusst, also auch des Egoismus und des Eigennutzes, der durch Schönheit verführt wird. In der Psychologie ist das Böse: Unreifes Verhalten, bedingt durch infantile Muster, erlernt durch eine lieblose Umgebung der Kindheit. Die Suche nach Schönheit ist in ihrer unreifen Form (so z.B. auch bei Teenagern zu beobachten) ist eine Sucht nach Selbsterhebung, um eine tiefe innere Unsicherheit zu kompensieren. In einer reifen Form aber kann das Empfinden von Schönheit (eigener und fremder) mit einem gesunden Selbstbild und Selbstwertgefühl einhergehen. Manchmal kann der Eingriff in das Äußere das Innere sogar reifen lassen, das Selbstbild positiv und nachhaltig beeinflussen. Genau diesen feinen, aber entscheidenden Unterschied zu definieren,  haben wir uns in diesem Buch zur Aufgabe gemacht: Wo hört gesundes Schönheitsempfinden, der natürliche Wille zu Selbstverbesserung auf, und wo fängt eine neurotische Kompensation durch Schönheit, ein überzogener Anspruch  an? Wir werden versuchen diese Line deutlich zu ziehen, denn wir sind davon überzeugt, dass die Schönheitschirurgie Segen sein kann und nicht automatisch immer Fluch ist.

 

 

 




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Die Berufseinsteigerfrage, Bewerbung & Berufseinstieg:

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