Seite empfehlen
Drucken
PsychoCiety

Schmeckt MINT Frauen und Männern gleich gut?

Naturwissenschaft, Mathematik und Technik: Ist die Befähigung dazu anerzogen oder angeboren? Oder einfach nur eine Frage des Gesellschaftssystems?

© Privat
Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Folgendes habe ich letzte Wochen in der "Presse" gefunden: An den Eliteuniversitäten der USA stellen Frauen in der Mathematik 8,3 Prozent der Professorenschaft, in der Chemie 12,1, in der Physik 6,6.

Das Problem ist so alt wie bekannt, in Harvard etwa hielt man 2005 eine Konferenz darüber ab, Universitätspräsident Summer persönlich eröffnete sie mit der Bemerkung, Frauen fehle nun einmal die „innere Befähigung“ für Naturwissenschaft, Mathematik und Technik. Der Saal wurde laut und leerte sich, bald darauf musste Summer seinen Sessel räumen.


Damit war Macht demonstriert, aber das Problem nicht gelöst: Haben Frauen andere Fähigkeiten, und wenn, sind sie angeboren oder anerzogen, „Nature or Nurture“?

Dass die Geschlechter sich auch im Gehirn bzw. dessen Denkweise unterscheiden, ist etwa bei der Orientierung im Raum offenkundig: Männer setzen auf abstrakte Geometrie, Frauen auf konkrete Anordnung, sie erkunden einen neuen Markt systematisch, und sie erinnern sich auf einem vertrauten exakt daran, wo sie letztes Mal gut eingekauft haben. Männer hingegen steuern im Kaufhaus schnurgerade ihre Reviere an – die Heimwerkerabteilung oder die für elektronisches Spielzeug –, sie enteilen auch wieder auf kürzestem Weg. Beides ist vermutlich Erbe der Jäger und Sammler: Die Männer jagen, sie brauchen rasch grobe Orientierung – dort links hinten steht das Wild! – und später den kürzesten Weg zurück; die Frauen sammeln, sie müssen Neuland Schritt für Schritt erforschen und sich später exakt daran erinnern, wo welche Frucht reift.

Nature vs. Nurture

Diese Differenz in der Wahrnehmung des Raums ist unumstritten – und sie wird mit einer unterschiedlichen Befähigung für manche Wissenschaften in Verbindung gebracht: Mathematik, Physik und Chemie etwa haben eine enge Beziehung zum Raum – Strukturen, Formeln, Diagramme: alles, was sich mit Kreide auf eine Tafel malen lässt –, viele Entdeckungen in diesen Fächern sind dem abstrakten Raumbezug von Männern zu danken. Das wurde oft bestätigt, gelöst ist das Problem von „Nature vs. Nurture“ damit allerdings auch nicht. Ist es überhaupt lösbar, oder ist es gar ein Scheinproblem?

So scharf ist die Grenze zwischen Natur und Erziehung nicht, wie sie die Streiter auf beiden Seiten gern hätten: Die kulturspezifische Arbeitsteilung der Jäger und Sammler könnte sich genetisch verfestigt haben; und dass der Sohn eines Naturforschers auch Naturforscher (oft in einem anderen Fach) wird, muss nichts mit den Genen zu tun haben. Aber wie soll man es klären, wie kann man „Nature“ und „Nurture“ analytisch trennen? Man bräuchte Vergleichsgruppen, die genetisch identisch sind, aber andere Sozial- und Erziehungsssysteme haben.

Feldversuch in Indien

Auf der Suche danach ist Soziologe Moshe Hoffman (UC San Diego) in Nordostindien fündig geworden. Dort gibt es zwei Stämme, die genetisch eng verwandt sind und in ähnlichen Umwelten leben. Aber sozial sind sie anders organisiert: Die einen, die Kari, leben patrilinear, bei ihnen besitzen Frauen kein Land, und der älteste Sohn erbt alles; bei den anderen, den Khasi, ist es umgekehrt, hier erbt die jüngste Tochter, Männer besitzen kein Land, Männer müssen ihren Verdienst an die Frauen aushändigen.

Das schlägt auf die Bildung durch, bei den Matrilinearen gehen Töchter und Söhne gleich lange zur Schule, bei den Patrilienaren die Söhne drei Jahre länger.


Aber wie lange auch immer sie gehen, eines bekommen sie in ihren Kulturen nie zu Gesicht: Puzzles. Hoffman hat eines angefertigt – das Bild eines Pferdes in vier Teile zerschnitten –, 1279 Testpersonen gingen ans Werk, unter Zeitdruck, für Geschwindigkeit gab es Geld. Bei den Patrilinearen zeigte sich das bekannte Bild: Männer brauchten 42,5 Sekunden, Frauen 57,2. Aber bei den Matrilinearen waren beide fast gleich rasch – Männer: 32,1, Frauen: 35,4 –, und beide waren rascher als die Männer der Patrilinearen.

„In der matrilinearen Gesellschaft verschwindet die Kluft zwischen den Geschlechtern“, schließt Hoffman.  Es ist allerdings nicht klar, an welchem Detail der Kultur das liegt, den Anteil der längeren Bildung veranschlagt der Forscher auf ein Drittel. "Bildung und eine frauenfreundliche Gesellschaft" sehen die Forscher aber auf jeden Fall als Voraussetzungen dafür, dass auch die weibliche Hälfte der Bevölkerung bei Aufgaben, die ihnen scheinbar "nicht liegen", besser abschneiden. Allerdings bleibt dann noch die Frage offen, ob eine egalitäre Gesellschaft reichen würde - oder, wie im Fall der Khasi, die Macht in weiblichen Händen sein muss.

 

 

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch "Gestatten: Ich - Die Entdeckung des Selbstbewusstseins" ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme - und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

Serie: 21 Fragen

Menschen des 21. Jahrhunderts:
Giovanni di Lorenzo, der sanfte Intellektuelle

21 Fragen an:

Der deutsch-italienische Journalist ist Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit”, Mitherausgeber des „Berliner Tagesspiegel” und Moderator der Talkshow „3 nach 9” bei Radio Bremen.


Die Berufseinsteigerfrage

Wie komme ich auf den Radar von Headhuntern und anderen Arbeitgebern?

Die Berufseinsteigerfrage:

„Ich bin seit zwei Jahren als Chemiker bei einem großen Pharmaunternehmen in einer leitenden Position tätig. Ich suche eine neue Herausforderung in den nächsten zwei bis drei Jahren, möchte aber die potenziellen Arbeitgeber auf mich zukommen lassen und nicht selbst blindwütig Bewerbungen schreiben. Was halten Sie davon, sich über Fachbeiträge zu bestimmten Branchenthemen oder über die Teilnahme an Diskussionen eine gewisse öffentliche Reputation aufzubauen, die mich über das Internet leicht auffindbar machen? Oder, anders gefragt, wie bekomme ich am besten ein öffentliches Profil als Experte, um Headhunter und neue Arbeitgeber auf mich aufmerksam zu machen? Ich rede jetzt nicht von einem anbiederndem XING-Profil, sondern von etwas mit Klasse.“ Patrick S. (30), Frankfurt


Serie: Netzperlen

Diese Woche: People of Walmart

Netzperlen:

Wenn man sich in den USA amüsieren will, geht man einfach in den Walmart. Warum es dieser Discounter hierzulande einfach nicht geschafft hat und nach nur wenigen Jahren wieder das Deutschlandgeschäft beendet hat - angesichts dieser Bilder kann man nur den Kopf schütteln. Wir würden sogar Eintritt za...


Serie: Studenten fragen Professoren

Warum hat der bayerische Dialekt so viele Gemeinsamkeiten mit der englischen Sprache?

Studenten fragen Professoren: Alltagsfragen

Frage: Warum hat der bayerische Dialekt so viele Gemeinsamkeiten mit der englischen Sprache?Antwort: Die Wurzeln bairisch-englischer Gemeinsamkeiten rühren daher, dass das Deutsche und das Englische relativ eng verwandte Sprachen sind und dem gleichen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie angehören. Das merken Sie am Wortschatz: Hand – hand, Maus – mouse, Buch – book. Oft geschieht es jedoch, dass ein Wort im Schriftdeutschen ausstirbt, aber im Dialekt weiterlebt. So englisch "foam", bairisch "Foam", was "Schaum" bedeutet – schriftdeutsch kaum mehr erkennbar in "abgefeimt". Oder das englische Wort "bone", das seine bairische Entsprechung in "Boa" hat und ein anderes Wort für "Knochen" ist. Manchmal setzen das Bairisch...