Fortsetzung der Biographie

Das Buch "unterwegs verloren" von Ruth Klüger ist eine Geschichte der Verdrängung. Eine Geschichte, immer wieder durchbrochen von den Gespenstern der Erinnerung an Amerika, an Deutschland, an Wien oder an die hohe See - denn die Autorin ist heimatlos. Noch viel mehr: sie ist eine außergewöhnliche Frau und eine außergewöhnliche Jüdin.
Das Werk ist eine Fortsetzung des Erstlingswerk "weiter leben" von Ruth Klüger- in dem sie autobiographisch über die Leiden ihrer Kindheit in dem von Nazis besetzten Wien und den KZs Theresienstadt, Auschwitz und Groß-Rosen berichtet. In "unterwegs verloren" erzählt sie nun, wie sie mit der ständigen Erinnerung gereift ist, wie die Menschen, die ihr bis zum heutigen Tage begegnet sind, auf sie reagierten und wie sie zu der Frau geworden ist, die sie mit ihren mittlerweile 79 Jahren ist.
Wendepunkte eines Lebens
Die Überlegungen zu ihrer Identität, die das Buch aufwirft, beginnen bei der Frage, ob es richtig ist, ihre tätowierte Lagernummer zu verstecken und enden bei der Suche nach dem Sinn, ihre Autobiographie auf deutsch und nicht in der ihr mehr vertrauten englischen Sprache zu verfassen.
Ruth Klüger schreibt von den zahlreichen Wendepunkten ihres Lebens. Ihre Rückkehr nach Deutschland nach vielen Jahren in Amerika, der Erfolg ihres Erstlingswerks, der Bruch mit dem langjährigen Freund Martin Walser - Ereignisse, die sie bewegten und prägten. Oder aber die Erfahrungen, die sich durch alle Lebensjahre wie ein roter Faden ziehen: die Distanz zum Rest ihrer Familie - sei es die eigene Mutter oder die beiden Söhne - und die Feindlichkeiten von Studenten und Professoren in aller Landen, bei denen die Autorin nie sicher ist, ob sie sich gegen Frauen oder gegen Juden im Allgemeinen richten. Klüger wägt ab, sie zweifelt und kommentiert und bleibt trotz allem Feministin und Jüdin.
Mit Wiener Schnoddrigkeit und Lyrik zum Gefühl
Die vielen aneinander gereihten Alltagssorgen und -anekdoten im Buch sind lange nicht so gefühlskalt, wie man es sich vorstellen könnte. Die Autorin spickt jede ihrer Erzählungen mit ihrem unverwechselbaren Schreibstil, der von ihr selbst so genannten Wiener Schnoddrigkeit, und kleinen nachdenklichen Gedichten. Hier lagern all die wirklichen Emotionen und Erkenntnisse - man muss sie nur entdecken, wenn man sich lang genug mit den kleinen Lyriken auseinandersetzt, Erkenntnisse wie diejenige, dass man vor seinen Erinnerungen, vor sich selbst, nicht fliehen kann.
Und so kommt Ruth Klüger am Ende selbst zu dem Schluss: "Was unterwegs verloren geht, bist immer du selbst, und der nächste Ankunftsort besteht, wie die vorigen, aus dem Jetzt und Damals, es gibt keinen neuen Anfang, nur Fortsetzungen auf einem Weg, der zusehends schmaler wird."
Klüger nimmt ihren Leser mit auf eine Reise durch sehr viele Jahre, Erlebnisse und Gedanken. Nicht immer versteht man alle Überlegungen auf Anhieb. Dennoch weiß der Leser stets, wo er sich befindet. Die Erkenntnisse jeder Situation werden von der Autorin unbemerkt für den Rest der Geschichte konserviert, um zum passenden Zeitpunkt hervorgezogen zu werden.
Keine Fortsetzung der Kriegsgräuel
Ein Buch, das darauf aufmerksam macht, warum man damals rechts und nicht links entlang gegangen ist und warum es so sein musste, damit man zu dem Punkt kommt, an dem man heute ist. Ein Buch, auf der einen Seite voller Zweifel und auf der anderen mit voller Überzeugung, dass alles so richtig war, wie es nun einmal war.
Interessant zu lesen, ja - aber wer eine Fortsetzung der Beschreibungen von Kriegsgräuel erwartet hat, wird enttäuscht werden. Vielmehr geht es um die Gräuel der alltäglichen Psychologie, natürlich nicht ohne Verbindung zum Krieg. Allerdings eher nachzuvollziehen für ein Publikum, das wie die Autorin bereits in die Jahre gekommen ist.
236 Seiten
dtv-Verlag (2010)
9.80 Euro



























