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Film

Real Steel: Herz im Stahl

Roboter, Automaten, Maschinenwesen, Cyborgs: Einst waren sie Science-Fiction, heute sind sie Realität und gleichzeitig wiederum Stoff für Technik-Phantasien über die Zukunft. Ob sie den Menschen ergänzen oder ersetzen werden, ist noch nicht entschieden. In „Real Steel“ haben sich die Metallgiganten jedenfalls bereits einen Platz im Boxbusiness gesichert; ab 10.11. im Kino.

Schrott als Entertainment

Ab 3.11 im Kino

Wer schon immer die Entwicklungen im Entertainmentsektor mit zynischer Wachsamkeit verfolgt hat, sieht sich nun bestätigt: In naher Zukunft ist die Unterhaltungskultur endgültig auf dem Spektakelniveau von Actioncomics und Computergames angelangt. Statt Menschen schlagen sich zweieinhalb Meter große, rund 900 kg schwere Hightech-Roboter im Ring, befriedigen damit angeblich den Wunsch der Zuschauer nach noch mehr Wucht und Wahnsinn, symbolisieren aber eigentlich eine degenerierte Zivilisation im Zerstörungsrausch. Bei den Fights wird außer Schrott nichts produziert, dieser jedoch mit jeder Menge Fun!

Menschen bleiben dabei metaphorisch wie tatsächlich auf der Strecke, explizit der ehemals erfolgreiche Profi-Boxer Charlie Kenton (Hugh Jackman), der mittlerweile als Promoter von selbstgebauten Altmetall-Robotern durch die Provinz tingelt. Während die umjubelten Stars unter den Kolossen Battle-Shows in riesigen Arenen bestreiten, bleiben für Charlie nur Untergrundkämpfe bzw. Auftritte bei Jahrmärkten und Volksfesten. Er ist so weit unten angekommen, dass selbst das Auftauchen seines elfjährigen Sohnes Max (Dakota Goyo) nach dem Tod der Mutter nichts als Belastung bedeutet. Einen Sommer lang müssen sie zusammenbleiben, dann kann Charlie sein Sorgerecht an die Tante abgeben. Dank Max` Sturheit tritt bald ein weiteres Mitglied diesem tristen Männerclub bei: Atom, ein längst ausrangierter, eher schmächtiger Roboter, der zur unerwarteten Hoffnung seiner neuen Besitzer avanciert.

Die Seele des Unbelebten

Alle, die wir vom amerikanischen Hollywoodkino sozialisiert sind, kennen und lieben sie: Loser, die entgegen aller Wahrscheinlichkeit eine letzte Chance bekommen. Hier sind mit Charlie, zu dem außer der netten Bailey (Evangeline Lilly) keiner mehr hält, und Max gleich zwei versammelt, die durch Atoms äußere Makel und Blessuren einen Ausdruck für ihre versehrten Seelen erhalten. Nie wird eindeutig geklärt, ob diese Maschinen irgendetwas fühlen oder eben nur ferngesteuerte Automaten sind. Blaue Augen leuchten aus Atoms metallener Gittervisage, Fehler im Material scheinen Nase und Mund zu formen, aber seine gesamten Reaktionen sind allein auf Befehle von außen bzw. seine programmierte Fähigkeit zur Nachahmung zurückzuführen.

Doch Max sieht mehr in ihm, weil er den für Menschen typischen Wunsch hegt, im unbelebten Gegenüber das Humane widergespiegelt zu finden. In der zärtlichsten Szene eines ansonsten der (technischen) Gewalt huldigenden Films läßt sich Max von Atom hochheben, um ihm direkt ins Gesicht zu blicken. Dort scheint er etwas Besonderes, vielleicht nur für ihn Sichtbares zu entdecken, das er als stilles Geheimnis zwischen ihnen bewahren wird. Viel später wird er Ähnliches mit seinem Vater erleben.

Atom mit seinem größten Fan ©DREAMWORKS

Die Größe von Seichtheit

Offenbar braucht es in einer von stählern merkantilem Druck dominierten Welt wiederum ein stählernes Wesen, um wahre Emotionen zu wecken. Ob dies eine Schreckensvision oder Wunschvorstellung ist, kann dahingestellt bleiben in einem Science-Fiction-/Actionmovie wie ?Real Steel?, das einmal mehr den kulturellen und kinomatographischen ?from rags to riches?-Topos variiert. Hinzu gesellen sich die schönsten Genre- und Machismo-Klischees ? echte Männer fahren nicht nur einen Monstertruck, sie wohnen sogar wochenlang in ihm! ?, gebündelt in einer zwar überraschungsfreien, dafür absolut mitreißenden Dramaturgie. Auch wenn Regisseur Shawn Levy bisher nur mit seichten Komödien aufgefallen ist (?Der rosarote Panther?, ?Nachts im Museum?), holt er aus dieser Geschichte das Bestmögliche heraus.

Dabei ist die Story schematisch, die Entwicklungslinie vorhersehbar, die Charaktere sind eindimensional, die Konflikte konfektioniert, die Gefühle flüchtig. Doch die Summe solcher Oberflächlichkeiten erweist sich dank der spannenden, klaren Instinkt für den affektiven Moment beweisenden Inszenierung als ein fesselndes Stück Unterhaltungskino, völlig überzogen und trotzdem überwältigend. Schon allein die Roboter überzeugen. Während in den Boxsequenzen das Motion-Capture-Verfahren zum Einsatz kommt, werden beim direkten interaktiven Kontakt Animatronics verwendet, die mit den menschlichen Schauspielern, unter denen Hugh Jackman mit einer starken, physisch vibrierenden Performance herausragt, perfekt harmonisieren.

Anstatt dem Zuschauer also nur Special Effects um die Ohren zu hauen, bis er sich freiwillig ergibt, generiert ?Real Steel? einen feinen Rhythmus zwischen heftigsten, von harten Beats umhämmerten Boxkämpfen und privaten Szenen zu freundlichem Danny Elfman-Soundtrack, zwischen einem außer Kontrolle geratenen Business und den letzten Mensch(lich)en darin.

Futuristischer Kapitalismus

Tatsächlich könnte ?Real Steel? als bitterer Kommentar auf eine Zukunft gelesen werden, in der unzweifelhaft an die gegenwärtige Box- bzw. Wrestlingszene erinnernde Sportveranstaltungen längst zu ultrabrutalen Happenings verkommen sind. Einmal muß Charlies Trümmer-Roboter auf einem State Fair gegen einen echten Stier antreten. Der Kampf erweist sich als derart roh und unbarmherzig, das Publikum in seiner Sucht nach Lustbarkeit als völlig gewissenlos, sodass die Perversionen unserer Gesellschaft kurzzeitig offenliegen. Dereinst gab es Gladiatorenblutbäder, inzwischen wird sich an Stierkämpfen delektiert, morgen werden Stahlwesen zertrümmert. Alles im Namen der Kurzweil... und natürlich des Geldes.

Auch ?Real Steel? schaut hinter die Kulissen des Hightech-Boxgeschäfts, das von großen Deals und noch größeren Wetten bestimmt wird, insofern einen futuristischen Kapitalismus in nuce abbildet. Aber als reiner Eventfilm hält er sich mit Kritik zurück, legitimiert das System vielmehr, in dem er es als Möglichkeit darstellt, Charlie und Max wiederzuvereinen. Gerade der für sein Alter viel zu gewitzte Max hat das Zeug zum cleveren Geschäftsmann und vermag mit beharrlichem Glauben an die Champion-Qualitäten Atoms seinem chaotisch-draufgängerischen Vater einen Weg zurück an die Spitze des Business zu ebnen. Hier will, ja braucht keiner mehr zum alten Eisen zu gehören!

Charlie beim Training mit Atom ©DREAMWORKS

Auflehnung gegenüber den Mächtigen

?Real Steel? basiert auf der Short Story ?Steel? (1957) von Richard Matheson, hat sich allerdings bis auf die Roboterkämpfe vom Original, einer pessimistisch-traurigen Zukunftsballade auf soziale Verlierer, weit entfernt. Während Matheson über desolate, von (Selbst-)Ausbeutung geprägte Lebensbedingungen schrieb, rückt John Gatkins` Drehbuch eine von Americana-Flair umwehte Vater-/Sohn-Story sowie beider Aufstieg in den Fokus. Mit Mauro Fiore ist zudem ein versierter Kameramann gefunden, der schon in anderen Großproduktionen wie ?Die Insel? (2005) oder ?Avatar? (2009) bewies, dass er trotz epischer Bilder nie die Hingabe an den Augenblick vermissen läßt. Aufregend schwungvoll und zugleich wohlwollend hält er fest, wie Charlie Atom im Morgengrauen das Boxen beibringt, oder er bannt jene Sekunden voll unergründlichen Zaubers, wenn Atom sich das erste Mal im Spiegel sieht, vielleicht erkennt.

Längst liegen schon sämtliche Sympathien auf ihrer Seite, als Charlie und Max beschließen, Atom in einen alles entscheidenden Kampf gegen Zeus, den unbesiegten Triumphator der World Series, zu schicken. Konstruiert von einem erfolgsversessenen Japaner und gemanagt von einer Russin steht der gewaltige Roboter für die Übermacht von Hightech und Finanzen, während der handgemachte Atom, im Englischen beinahe wie ?Adam? intoniert, die Underdogs repräsentiert. Gewissermaßen lehnt sich der erste Mensch gegen Gott auf, hat ähnlich schlechte Chancen wie Prometheus, jedoch einen entscheidenden Vorteil: Vielleicht fehlt ihm ein eigenes Herz in seiner eisernen Hülle, dafür schlagen zwei andere bedingungslos für ihn. Das allein ist Sieg genug.


(von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

Real Steel

Regie: Shawn Levy
Darsteller: Hugh Jackman, Dakota Goyo, Evangeline Lilly
Kinostart: 3. November 2011

Im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany




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