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Film

PONYO

Poetische Wasserspiele: ?Ponyo ? Das große Abenteuer im Meer?

Bildmaterial © 2010 Wild Bunch / Universum Film

Im Märchenreich herrschte schon immer eine größere Faszination für ein Leben auf dem Festland als für eine unterseeische Existenz. Zu stark scheint der Wunsch nach dem Gehen und Greifen, nach Licht und Sonne zu sein, vor allem nach einer Form von Liebe, die es offenbar so nur unter Menschen gibt. In der westlichen wie fernöstlichen Mythologie herrscht hierüber Einigkeit.


Maritime Sehnsucht

Diesen Traum, ein aerobes Dasein zu führen, greift Hayao Miyazaki in seinem aktuellen Animationsfilm ?Ponyo ? Das große Abenteuer am Meer? auf, um von der Metamorphose eines Goldfisches zu erzählen. Brunhilde lebt zusammen mit unzähligen Geschwisterchen im Unterwasserreich ihres Vaters Fujimoto, eines Ozeanzauberers mit dem Aussehen eines alternden Rockstars und dem Outfit eines Dandys des 19. Jahrhunderts. Angezogen vom Licht läßt sich das neugierige Goldfischmädchen zur Wasseroberfläche tragen, wird versehentlich in ein weggeworfenes Glas eingekeilt, um dann vom fünfjährigen Sosuke gerettet zu werden. Der gibt ihr den Namen Ponyo und schleppt seinen sofort liebgewonnenen Fund fortan in einem Eimerchen mit sich herum. Als Fujimoto den kleinen Ausreißer ins Meer heimholt, ist längst ein inniges Freundschaftsband zwischen Fisch- und Menschenkind geknüpft.
Aus diesem Grund hegt Ponyo die Absicht, nicht nur zu Sosuke zurückzukehren, sondern in Menschengestalt bei ihm zu bleiben. Das hingegen versucht Fujimoto zu verhindern, der zwar selbst ein menschenähnliches Wesen ist, sich jedoch an magischen Experimenten versucht, damit eines Tages wieder die Meereswelt über die Erde herrschen kann. Als Ponyo schließlich erneut entwischt, bringt sie durch ihre wilde Flucht den Ozean derart in Aufruhr, daß ein gewaltiger Tsunami entsteht. Auf von ihren Geschwistern gebildeten Brandungswellen reitet sie, mit Hilfe der eigenen zauberischen Kräfte inzwischen zum Menschen mutiert, Sosuke entgegen.


Gefährliche Untiefen

In einer pittoresken, an die japanische Seto-Inlandsee erinnernde Landschaft, ist eine Kindergeschichte angesiedelt, die sowohl von Hans Christian Andersens ?Die kleine Meerjungfrau? inspiriert wurde als auch von der bis ins 8. Jahrhundert zurückreichenden ?Urashima Tarō?-Legende. Darin wird ein Fischer, weil er eine Schildkröte gerettet hat, ins unterseeische Schloß des Drachengottes eingeladen und darf dort mit dessen Tochter leben. Als er nach wenigen Tagen wieder in sein Dorf kommt, sind tatsächlich hunderte von Jahren vergangen. Auch Ponyo und Sosuke bewegen sich zwischen den Welten, zunächst spielerisch, dann notgedrungen, weil das Gleichgewicht zwischen Ozean und Land ins Wanken gerät. Dies geschieht nicht allein wegen Ponyos ungestümen Ausbruch aus ihrer nassen Ursprungsheimat und -form, sondern deutet sich schon früher an, vor allem durch den zerstörerischen, den Meeresboden bedeckenden Abfall aus der Menschenwelt. Als dann später der Tsunami wütet und das Festland zu großen Teilen überschwemmt wird, kommt diesem Naturereignis so etwas wie die reinigende Kraft einer biblischen Flut zu.
Dies kann in einem für Miyazaki typischen ökologischen Sinn verstanden werden, hat darüberhinaus aber auch eine soziale Bedeutung. Die Menschen der unter Wasser gesetzten Region rücken territorial wie emotional zusammen, sammeln sich auf Schiffen, um gemeinsam einem noch intakten, weil hoch genug gelegenen Hotel entgegenzusteuern. Doch nicht nur die Erdenbürger helfen einander; ebenfalls kommt es zu einer Annäherung mit den Aquawesen. Fujimoto hat nämlich inzwischen Kontakt zu Ponyos Mutter, einer wunderschönen Meeresgöttin aufgenommen, die weiß, wie Ökosystem und Weltenordnung wiederhergestellt werden können. Wenn sich Sosuke zu seiner Freundin Ponyo, in welcher Gestalt auch immer, bekennt, darf sie endgültig zum Menschen werden. Nur ihre Zauberkräfte müßte sie aufgeben. Doch das ist für das freche Goldfischmädchen, dessen Phantasie bunter als jede Hexerei blüht, sowieso keine Schwierigkeit.


Ozeanische Emotionen

Wieder einmal hat das überaus renommierte ?Studio Ghibli? unter Regisseur Hayao Miyazaki ein gänzlich aus handgezeichneten Einzelbildern konzipiertes, findig-detailreiches Anime geschaffen, dessen visuelle Qualität sich aus der klaren, ebenso farbintensiven wie hellen Einfachheit ergibt. Auf schillernde Pop-Art-Weise wirkt diese flüssige Ästhetik zugleich künstlerisch extravagant und kindlich naiv, frisch und sanft. Sie kombiniert eine in definierten Blau-/Grüntönen bewegte Seewelt voller bizarrer Kreaturen mit den wasserfarbenartig hingetuschten Gestaden an Land. Zwar kann die vielversprechende graphische Magie aus der Eröffnungssequenz, wenn Fujimoto mit einem seltsamen U-Boot durch sein Reich schwebt, nicht über den gesamten Film gerettet werden, dennoch besticht die Darstellung einer personalisierten Natur immer wieder mit Einfallsreichtum. Allein Ponyo, die ein rothaariges Kinderköpfchen auf einem wurmartigen Körper mit Flossenansatz trägt, ist nicht nur vom Charakter her eigenwillig.
Im Gegensatz zu Miyazakis stärksten Filmen, explizit ?Prinzessin Mononoke? (1997) und ?Das wandelnde Schloß? (2004), läßt ?Ponyo ? Das große Abenteuer am Meer? (2008) sowohl den inhaltlichen Anspruch als auch die dramaturgische Vielschichtigkeit missen, ist stattdessen inszenatorisch eher locker gesponnen und vornehmlich einer kindlichen Vorstellungs- bzw. Betrachtungswelt verpflichtet. In dieser kann echte Freundschaft Brücken schaffen, bedenkenlos die Identität gewechselt werden oder ´mal eben eine Familie kurzfristig verloren gehen und dennoch alsbald wieder in Geborgenheit zusammenfinden. Das ist optisch zwar ansprechend, auf der Konfliktebene hingegen recht schlicht, gelegentlich gar bieder dargeboten, auch wenn Klischees, beispielsweise ein Gut-/Böse-Schema, vermieden werden.


Auftauchende Ideale

Gleichwohl überraschen einige der erzählerischen Impulse. So ist Sosuke mit den Damen aus dem Altersheim, in dem seine Mutter arbeitet, gut bekannt. Die teils netten, teils wohlig mürrischen gehbehinderten Seniorinnen gelangen im Zuge der Ereignisse ebenfalls in Fujimotos Reich, wo sie wieder ihre Lauffähigkeit und damit ihre einstige Lebensfreude erlangen. Das ist mehr als ein Kommentar zur überalterten Gesellschaft, das ist die charmante Umdeutung der ?Urashima Tarō?-Legende. Jugend per Zauber-Spa! Ebenso subtil wird auf Richard Wagners Oper ?Die Walküre? verwiesen, und zwar nicht allein wegen Ponyos ursprünglichem Namen, sondern auch durch inhaltliche Anspielungen, etwa die (in der Oper freilich als Strafe gedachte) Menschwerdung Brunhildes.
Solche Referenzen sind Ausdruck von Miyazakis variablem filmischen Universum, das sich stets im kulturellen wie künstlerischen Austausch befindet. Mythos fließt in Realität, Ost in West, Magie in Alchemie, Tradition in Moderne, ohne daß sie sich in konturloser Trivialität verlieren würden. Stattdessen entsteht ein komplexer Raum, dessen Formen und Gestalten zwar eine veränderliche Größe sind, der jedoch mit ethischer wie spiritueller Unbedingtheit von der Natur als belebtem Wesen erzählt. Das eben ist Poesie.



(Nathalie Mispagel)

 

Ponyo - Das große Abenteuer am Meer

 

Kinostart: 16. September 2010

Regie: Hayao Miyazaki
Japan, 2007

Verleiher: Universum Film GmbH

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