In seinem Roman "Der Besuch des Leibarztes" beschreibt Per Olov Enquist wie ein deutscher Arzt in Dänemark die Aufklärung einführte.
"Am 5. April 1768 wurde Johann Friedrich Struensee als Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. angestellt und vier Jahre später hingerichtet." So nüchtern beginnt Enquist seinen historischen Roman. Im Anschluss an die lapidar hingeworfenen Fakten entfaltet sich jedoch ein stilistisches Meisterwerk. Die Protagonisten: Der dänische König, ein unsicherer Teenager, der von seinem Hofstaat in jungen Jahren in den Wahnsinn getrieben wurde. Ein romantisches, junges Mädchen als Königin, welche erst im Laufe die Freude an Macht und Erotik erkennt. Und ein deutscher Arzt, dem die Macht im Königshaus unverhofft in die Hände fällt.
Eine Revolution vom Schreibtisch aus ...
Auf einem Streifzug in Europa wird dem 18jährigen Christian, König von Dänemark, der intelligente Arzt Johann Struensee vorgestellt. Der im Geiste sehr kindliche Machthaber fasst Vertrauen zu seinem Leibarzt, überträgt ihm immer mehr Kompetenzen, bis alle Entscheidungen schließlich von Struensee allein getroffen werden. Den Arzt selbst, ein Altruist in Enquists Darstellung, begeistert die in Europa gerade erst aufkommende Aufklärung. Plötzlich allmächtig geworden, versucht er durch das Erlassen von Dekreten nicht nur die Körper der Menschen zu heilen, sondern auch deren Seele.
Natürlich kann die Geschichte nicht gut ausgehen: Struensees Schreibtisch-Revolution entsteht im politischen Elfenbeinturm, das Wohlsein der Bürger bleibt hinter seinen hohen Idealen zurück. Und dann ist da auch noch Königin Caroline Mathilde, die sich in den Kopf gesetzt hat, eine Affäre mit dem Arzt zu beginnen und ein Kind mit ihm zeugt.
... und der Versuch einer literarischen Rekonstruktion
Enquists Buch besticht durch seine märchenhafte Sprache, auch wenn seine Detailverliebtheit bisweilen dem Buch seinen Schwung nimmt. Doch um Spannung scheint es dem Autor nicht zu gehen. Vielmehr präsentiert er eine Analyse, eine literarische Rekonstruktion der Ereignisse. Zugleich überzeugt Enquists satirischer Blick auf die Verhältnisse am dänischen Hof: Meisterhaft schildert er die Grausamkeit und den Irrsinn des Mittelalters mit seinen halben Kindern als Regenten und einem Hofstaat, der im Hintergrund die Strippen zieht. Trotzdem benötigt der Leser gewisse Zeit, um sich einzulesen, sich einzustellen auf den bedächtigen Ton der Erzählung mit ihren zahlreichen Rück- und Vorblendungen, ihren Wiederholungen. Dann aber wirkt die Poesie.
Angelina Schmid
Per Olov Enquist
Der Besuch des Leibarztes
371Seiten
9,95 Euro



























