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Buch

Overhoff: Benjamin Franklin

Spannendes Portrait einer ebenso großen wie spannenden Persönlichkeit

Franklin-Porträt von Joseph-Siffred Duplessis (Ölgemälde, um 1785).

Es gibt Väter, Gründungsväter und Überväter. Benjamin Franklin gehört wohl zu letzteren. Große Personen der Vergangenheit werden oft und gerne portraitiert - meist ohne allzu großen Genuss für den durchschnittlichen Leser. Die Biografie von Jürgen Overhoff jedoch ist anders. Spannender, amüsanter, gewitzter - wie es Benjamin Franklin Zeit seines Lebens selber war.

Benjamin Franklin wurde 1706 in Boston, Massachusetts als Sohn eines Kerzenmachers geboren. Bereits sehr früh zeigte sich die ungeheure Begabung und der Drang des jungen Benjamin Franklin, sich Wissen anzueignen. Da ihm aus finanziellen Gründen eine umfangreiche Schulbildung trotz seines Talentes stets verwehrt blieb, zeichnete sich Franklin durch eine gehörige Portion Disziplin aus und lehrte sich alles Nötige durch die Lektüre geliehener oder gekaufter Bücher selbst an. Diese Liebe zu Büchern prägte seinen weiteren Lebensweg vorher.

Buchdrucker

Alsbald wurde Franklin zum Buchdrucker ausgebildet und konnte aufgrund seines Fleißes und seines Instinktes schon früh eine eigene Buchdruckerei in Philadelphia eröffnen. Neben zahlreichen selbst verfassten Artikeln glänzte Franklin durch die Herausgabe einer eigenen Zeitung, der Pennsylvania Gazette. Schnell schaffte es der wissensbegierige Mann zu einem nicht zu unterschätzenden Wohlstand für einen "gewöhnlichen" Buchdrucker im Amerika des 18. Jahrhunderts. Sein Einfluss in der Politik der Kolonie stieg stetig an.

Wissenschaftler

Doch Franklins Ehrgeiz und Wissbegierigkeit führte in auch auf ganz anderes Terrain: Er wurde ein hervorragender und international anerkannter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Elektrizität. Legendär ist sein Versuch, mit einem Drachen, den er direkt in ein heraufziehendes Gewitter entsteigen ließ, die durch einen Blitz erzeugte Elektrizität abzuleiten und in einem eigens dafür entworfenem Behältnis einzufangen - ohne dabei mit seinem Leben zahlen zu müssen.

All diese Fakten kennt man, aber Autor Jürgen Overhoff erzählt diese mit einer derartigen Begeisterung, wie wohl Benjamin Franklin selbst an all seine Aufgaben herangegangen ist. Overhoff nennt nicht nur nüchterne geschichtliche Fakten, sondern garniert seine Biografie immer wieder mit bis ins Detail recherchierten Einlassungen, die dem Leser nicht den Mythos, sondern den Mensch Franklin näher bringen.

Kurioses

So erfährt der geneigte Leser, dass Franklin wohl der Erfinder des heutigen Ausdrucks der Batterie als Ort elektrochemischer Energiespeicherung ist, den er aus dem militärischen Begriff der Artilleriebatterie entlehnte. Oder dass Franklin, auf dem Weg von New York nach Philadelphia, wo er seine Ausbildung zum Buchdrucker fortsetzen wollte, aufgrund des Ausbleibens von Wind, mal eben selbst Hand anlegen und an seinen Zielort rudern musste. Franklin erfand nicht nur den Blitzableiter, sondern zudem ein neues Musikinstrument, eine Glasharmonika, er zeichnete die erste Karikatur Amerikas und setzte sich für die Gründung des ersten Krankenhauses ein.

Politiker und Diplomat

Benjamin Franklin bei seiner Arbeit als Buchdrucker. Gemälde von Charles E. Mills

Franklin war ein gefragter und geachteter Diplomat, zunächst in England und nach Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges in Frankreich. Seine Mitbürger in den Kolonien setzten seit jeher die größten Hoffnungen in Franklins diplomatisches Geschick. So ist es wohl ihm zu verdanken, dass Frankreich 1778 auf Seite der nun Vereinigten Staaten gegen Großbritannien in den Krieg zog - und das Kriegspendel eindeutig zu Gunsten der USA auszuschlagen begann. Bereits 70jährig legte Franklin dabei fast übermenschlich anmutenden Elan und Geschick an den Tag. Der Friedensvertrag mit England und Frankreich - der Vertrag von Paris 1783 - ist zum Großteil der Verdienst des Buchdruckers aus Philadelphia.

Wer wusste schon, dass Franklin auch Trendsetter war? Aufgrund einer Reizung der Kopfhaut konnte er in Paris für eine Weile nicht die damals üblichen Perücken tragen und trug stattdessen eine Pelzmütze - was die französischen Damen so toll fanden, dass sie sich selbst dieses überaus trendige Accessoire zulegten. Bei seiner Rückkehr nach Amerika 1785 zollten ihm zahlreiche großer Persönlichkeiten Tribut - und nicht minder viele vermissten den Amerikaner bereits bei seinem Abschied.

Gründungsvater

Franklin war einer von fünf Autoren der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, Gemälde von John Trumbull (1819)

Da Franklins Leben so ungeheuer spannend und reich gefüllt bis zum Ende war, wohnte er auch noch dem amerikanischen Verfassungskonvent in Philadelphia bei. Somit ist Benjamin Franklin der einzige Amerikaner, der allen wichtigen Ereignissen und Dokumenten der USA des 18. Jahrhunderts beiwohnte, sie mitbestimmte und mit seinem Namen firmierte: Der Unabhängigkeitserklärung von 1776, dem amerikanisch-französischen Beistandpakt von 1778, dem Friedensvertrag von Paris 1783 und der amerikanischen Verfassung 1787.

Am 17. April 1790 starb Benjamin Franklin im Alter von 84 Jahren. Die Stadt Philadelphia trauerte um ihren außergewöhnlichen Mitbürger. 20.000 Menschen verabschiedeten sich von dem großen Politiker, Diplomat und Wissenschaftler. Er wurde in Philadelphia bestattet. Bereits im Alter von 23 Jahren hatte er eine Grabinschrift für sich entworfen, die sowohl Franklins unvergleichlichen Intellekt, seine allseits geschätzte Bescheidenheit und seinen Humor aufs treffendste wiedergibt:

"Hier ruht der Körper des Buchdruckers Benjamin Franklin, den Würmern zur Nahrung wie der Deckel eines alten Buches, dessen Inhalt herausgerissen, ohne Titel und Vergoldung. Jedoch das Werk selbst ist nicht verloren gegangen, sondern wird, wie er glaubt, neu erscheinen in neuer und feinerer Ausgabe, durchgesehen und verbessert vom Verfasser."

Großartig

Jürgen Overhoffs Benjamin Franklin: Erfinder, Freigeist, Staatenlenker ist ein äußerst informatives und zugleich - selten genug bei der Darstellung historischer Größen - höchst unterhaltsames Buch. Overhoff gelingt, was nur wenigen Historikern gelingt: Die Aura einer ganz großen Persönlichkeit einzufangen und sie auch jenen zu transportieren, die sich noch nicht eingehender mit der Person beschäftigt haben. Overhoff hat eine gute Recherche betrieben, der Leser wird über die wichtigsten Wege, Entscheidungen und Personen in Franklins Leben informiert.

Aber das Buch ist mehr: Es offenbart durch kleine, eingelassene Geschichten, die manchen Gelehrten wenig wichtig erscheinen mögen, welche Person, welcher Mensch Benjamin Franklin war. Man wird las Leser in die Zeit der amerikanischen Revolution versetzt und mag teilweise gar nicht glauben, dass die Geschichte dieses beeindruckenden Mannes, keine Fiktion ist. Mit jeder Seite beginnt man sich mehr für diesen übergroßen Gründungsvater der Vereinigten Staaten von Amerika zu interessieren - und ihn dadurch besser zu verstehen.

Florian Jetzlsperger

 

Jürgen Overhoff

Benjamin Franklin: Erfinder, Freigeist, Staatenlenker

314 Seiten

24,90 Euro

Klett-Cotta

 




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