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Film

Ondine

Fotos: © Concorde Film

Inmitten von Mythen: Ondine

Nixen, Meerjungfrauen, Sirenen, Undinen, Nymphen - Weibliche Wassergeister üben eine seltsame Faszination auf die Imagination aus. Als Fabelwesen stehen sie symbolisch für eine belebte, teils helfende, teils bedrohliche Natur, als Halb-Menschen aber auch für die Sehnsucht, nicht ewig an ein Element, an eine Identität gekettet zu sein.


Ins Netz gegangen

Manche Orte scheinen wie gemacht für Märchen, etwa die südwestliche Küste Irlands um die Beara-Halbinsel. Dort zwischen rauher See und kargem Land könnten sie wahr werden, hätten die harten Lebensbedingungen nicht längst den Glauben an Mirakel verdrängt. Wie bei Fischer Syracuse (Colin Farrell). Doch dann zieht er eines Tages eine junge verstörte Frau (Alicja Bachleda-Curus) mit seinem Netz aus dem Ozean. Sie nennt sich selbst Ondine, verweigert ansonsten weitere Auskünfte und scheut vor jeglichem Kontakt mit anderen Leuten zurück, was Syracuse zwar kaum versteht, dennoch akzeptiert. Da sie offenbar nirgendwo hin will, stellt er ihr das abgelegene Haus seiner verstorbenen Mutter als Unterschlupf auf Zeit zur Verfügung.

Als würde er ahnen, daß ihm etwas Wunderliches widerfahren ist, berichtet er Tochter Annie (Alison Barry) während ihrer quälend langen Dialysebehandlungen von seiner mysteriösen Begegnung, und zwar in Form einer Fabel. Das aufgeweckte Mädchen weiß sofort, um was für ein Wesen es sich bei der Fremden handelt: Ondine muß eine Selkie sein, eine jener Robbenfrauen aus der schottischen Mythologie, die an Land ihr Fell ablegen und Menschengestalt annehmen. Ganz selbstverständlich, wie das nur Kinder können, geht Annie davon aus, daß es neben der Realität noch eine andere Wirklichkeit gibt und daß sich beide Welten gelegentlich durchdringen. Syracuse hingegen kann sich nur langsam auf die Unergründlichkeit von Ondine einlassen, die wie eine frische Meeresbrise durch sein Dasein weht, mit fremdartigen Liedern offenbar Fische und Hummer anzulocken vermag und im Gegensatz zu seinem eigenen schweren Irisch mit leichtem Akzent spricht. Stammt sie tatsächlich aus einem fernen Reich? Einem jenseits der Wellen?


Im Wellengang des Alltags

Wer tagtäglich unter erschwerten Bedingungen seinen Lebensunterhalt verdienen muß, hat keine Zeit für Märchen, doch vielleicht einen Sinn. Jedenfalls könnte Syracuse, geschiedener Ex-Alkoholiker und Vater einer nierenkranken, im Rollstuhl sitzenden Tochter, durchaus ein wenig Glanz in seinem Leben vertragen, das er sich in ökonomischer wie emotionaler Bescheidenheit eingerichtet hat. Seelischen Beistand holt er sich beim gutmütigen Dorfpfarrer (Stephen Rea) während der Beichte, die er mangels anderer Gelegenheit vor Ort als Ersatz-AA-Treffen nutzt und die dann meist in ein lakonisches Zwiegespräch zweier distanziert Vertrauter mündet. Ernüchterung hingegen bringen die Begegnungen mit der alkoholabhängigen Ex-Frau Maura (Dervla Kirwan) und deren ebenfalls trinkfreudigem Freund Alex (Tony Curran). In jeder Hinsicht ist Syracuses Dasein heftigst auf dem Boden der Realität aufgeschlagen.

Nur die stimmungsvolle Kamera von Christopher Doyle läßt daran Zweifel aufkommen. Beinahe ein wenig verspielt und doch konzentriert fängt sie das Geschehen ein, schaut derweil durch Netze, Perlenvorhänge, gebogene Messingbettgestänge, als würde sie aus dem Stillen heraus beobachten. Oder als würde sich etwas zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit legen wie ein Zauber auf bisher Vertrautem. In dieser Traumrealität kreuzen sich mit Syracuse und Ondine die Wege zweier Figuren, die beide auf ein anderes Dasein ohne die Altlasten der Vergangenheit hoffen. Tatsächlich zählt der Wunsch, eine existenzielle Transformation durchzumachen, zu den klassischen Märchenmotiven - vielleicht, weil er im echten Alltag so schwierig zu konkretisieren ist bzw. weil er ohne die entsprechende Utopie nie zur Wahrheit werden kann. Nicht, was man sieht ist wahr, sondern was man glaubt.


Im Grenzbereich

Schon in seinen frühen Filmen (z. B. "Die Zeit der Wölfe", "Mona Lisa", "The Crying Game"), die heute zu Klassikern des New British Cinema zählen, hat Regisseur Neil Jordan die Grenzen zwischen Tatsächlichem und Möglichem, Realem und Irrealem ausgelotet, dabei beiden das Recht auf Wahrhaftigkeit eingeräumt. In "Ondine" erzählt er nun im moderat fließenden Duktus von der Macht der Märchen und traut ihr dann doch nicht so ganz über den Weg. Zu schnell weicht der nuanciert spröde Fantasy-Touch einem banalen, recht spannungslosen Drama um unglückselige Beziehungen und gewalttätige Drogendealer, in dem jedes mythische Element seine letztlich triviale Erklärung findet. Nichts darf sich im Vagen, im Magischen verlieren, sondern bekommt einen festen Platz in einer von Rationalität dominierten Story zugewiesen, deren dramatische Phantasie kaum weiterreicht als zur Zusammenführung einer wonnigen (Patchwork-)Kleinfamilie.

Dabei wollen die ruhigen, poetisch aufgeladenen Bilder von der wildromantischen irischen See und Natur doch ganz andere Geschichten erzählen, nämlich die von exotischen Zauberwesen, die versehentlich an den Strand dieser Welt gespült werden. Von Unbekannten, die nur außerhalb ihrer Heimat zu sich selbst finden können. Von Menschen, die erst über das Märchen ihre eigene Wirklichkeit erfahren. Von Kindern, die ein Wunder brauchen. Und vor allem davon, daß Wünsche ihre ganz eigenen mystischen Kräfte entfalten. All dies wird in "Ondine" zwar angedeutet, jedoch zu selten in einer geheimnisvollen Schwebe gehalten, vielmehr das Fiktive dem Faktischen geopfert.
Nur manchmal blitzt das Potential der Story auf. Einmal liegt Ondine ausgestreckt an der felsigen Küste, und zu ihren Füßen bauscht sich etwas Dunkles auf wie ein Fischschwanz. In solchen Momenten der Ungewißheit werden Märchen geboren.

(Nathalie Mispagel)

 
 

Fotos: © Concorde Film

ONDINE
DAS MÄDCHEN AUS DEM MEER


Regie: Neil Jordan
Besetzung: Colin Farrell, Alicja Bachleda-Curus, Stephen Rea
Autor: Neil Jordan
Im Verleih von Concorde Filmverleih

Kinostart: 21. Oktober 2010

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