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Gesellschaft

“Noch nie wurden so viele wichtige Geschichten nicht erzählt”

Die gute, tiefgründige Reportage scheint langsam auszusterben. Aber es gibt Journalisten, die sich abseits des medialen Häppchenkonsums in die gefährlichsten Winkel dieser Erde wagen, um ihre Leser zu informieren. In Bagdad, Lybien oder bei Undercover-Recherchen über den Sextourismus auf den Philippinen setzen sie dabei manchmal sogar ihr Leben aufs Spiel. Wie Wolfgang bauer, dessen Reportagen erschreckend und faszinierend zugleich sind.

Bild: Fotograf Karsten Schöne

Im Oktober war eine Reportage von Ihnen in der ZEIT zu lesen, die uns sehr beeindruckt hat. Sie waren für zwei Wochen in Bagdad und berichteten über das Leben und Sterben in dieser Stadt. Wie gefährlich war dieser Einsatz?
Das ist in dieser Stadt immer schwierig abzuschätzen. Das größte Risiko, dass Sie in Bagdad bei derzeitiger Sicherheitslage haben, sind die Straßenbomben. Wie jeder Iraker hätten auch wir zufälliges Opfer dieser Explosionen werden können. Die Wahrscheinlichkeit jedoch ist gering - bei abertausenden Fahrzeugen auf den Straßen und drei, vier Anschlägen in dieser großen Stadt.  

Wie arbeiten Sie bei solchen Einsätzen: Setzen Sie sich konkrete Ziele, zum Beispiel mit wem Sie sprechen wollen oder lassen Sie die Dinge mehr auf sich zukommen?
Das ist sehr unterschiedlich. In Bagdad kommt es darauf an, welche Zugänge Sie haben, sprich welche persönlichen Kontakte Sie haben. Und ob diese Kontakte - wenn Sie die Stadt besuchen - dann noch in ihren alten Positionen sind. Es ist also eine Mischung aus Wunsch und Machbarkeit. Ich mache mir bei meinen Recherchen sehr viel Notizen, nicht nur zu Zitaten, sondern auch zu Gefühlen, Stimmungen. Wenn ich dann am Computer sitze, gehe ich sie einmal sorgfältig durch, erarbeite mit Buntstiften unterschiedlicher Farben eine Hierarchie, unterstreiche, was vorrangig ist, was nicht, und schaue sie mir beim Schreiben dann kaum noch an.

Journalisten der irakischen Tageszeitung al-Mada haben Ihnen Unterschlupf gewährt, weil Sie dort sicherer waren als in Hotels. Wie sieht der Alltag eines irakischen Journalisten aus?
 Sie trinken viel zu viel Hochprozentiges, rauchen zu viel und verschweigen häufig  ihren Kindern, was sie eigentlich tagsüber tun. Aus Angst, die Kinder könnten es achtlos den Nachbarn oder Lehrern verraten. Der Druck, der auf ihnen lastet, ist enorm. Sie werden eingeschüchtert von vielen Interessensgruppen, nicht nur politischen, auch wirtschaftlichen. In Bagdad haben die meisten Zeitungsleser zu Hause eine Waffe. Es gibt viele Kollegen, die diesem Druck standhalten und großartigen Journalismus hinkriegen. Und es gibt andere, die in der Partei sind und als korrumpierte Spitzel unterschiedlichen Interessensfraktionen dienen.   
Sie berichten in Ihrer Reportage von Bildern, auf denen Leichen von Gefolterten zu sehen sind, denen mit Bohrmaschinen Löcher in die Schädel getrieben worden sind. Denken Sie bei Ihren Reportagen darüber nach, was dem deutschen Leser an Bildern oder plastischer Beschreibung gerade noch zumutbar ist, damit er sich nicht abwendet von dem ganzen Grauen?
 Das Grauen im Irak ist keine exotische Erfahrung. Es prägt das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Keiner in Deutschland hat die Chance, dieses Lebensgefühl zu verstehen, wenn ich ihm nicht beschreibe, was Iraker in ihrem Alltag sehen.

Sie schreiben für verschiedene Verlage. Bekommen Sie konkrete Aufträge für Reportagen oder entwickeln Sie die Ideen selbst?
Ich liebe es, eigene Ideen zu entwickeln. Zynische Kollegen, von denen es leider viel zu viele gibt, sagen, jede Geschichte sei längst erzählt. Ein großer Unsinn. Im Gegenteil, noch nie wurden so viele wichtige Geschichten nicht erzählt. Umgekehrt ist aber auch reizvoll, wenn ich von  Magazinen auf Themen angesetzt werde, die mir zunächst gar nichts sagen, ich sie vielleicht sogar langweilig finde. Da gab es vor Jahren die Bitte einer Redaktion, für vierzehn Tage auf die größte Blumenauktion der Welt nach Amsterdam zu fahren. Erst hab ich die Hände überm Kopf zusammengeschlagen und fand die Geschichte dann vor Ort richtig spannend, da es um Globalisierung ging, um die Verzahnung und die Pervertierung des weltweiten Handels.

Gibt es eigentlich eine Art ?Gefahrenzuschlag? für Sie?
Klar gibt es den, nicht so hoch, wie er sein sollte, und es gibt bei verantwortlichen Redaktionen auch Krisenversicherungen, allerdings ebenfalls nicht so üppig ausgestaltet, wie es sein sollte.

Sie sagen, Sie hätten eine "langweilige Kindheit und ereignisarme Jugend" gehabt. Was hat aus diesem Jungen den Journalisten gemacht, der die Welt an ihren extremsten Orten bereist?

Ich weiß nicht, ob es da einen großen Zusammenhang gibt. Das Eine hat einfach das Andere ergeben. Mich reizt auch längst nicht mehr das Reisen an sich. Ich interessiere mich nicht für schöne Landschaften und malerische Städte. Ich interessiere mich für Menschen und ihre Lebenswelten, ich finde es spannend, wie viele Möglichkeiten das Menschsein bietet. Da ist es völlig wurscht, ob ich nach Oberlenningen muss oder nach Japan.

Was muss man eigentlich mitbringen, um ein guter Journalist zu werden und was kann man lernen?
Neugierde muss man mitbringen und das Talent, Zuhören zu können. Die meisten Leute, die ich im Alltag treffe, interessieren sich ja nur für das, was sie bereits kennen. Diesen Teufelskreis muss ein Journalist durchbrechen. Das Schreiben kann zum Teil erlernt werden - auch Dinge wie Themenfindung oder die Frage, was eine gute Geschichte ausmacht. Anders ist es mit der Eigenschaft, Mut aufzubringen, Stellung zu beziehen. Das ist eine Charaktereigenschaft, die nur schlecht vermittelt werden kann. Ein guter Kollege muss seine Protagonisten würdevoll behandeln, darf sich aber nicht hinter ihnen verstecken. Er muss unempfindlich sein ? weil er sonst auf Dauer die Textkritik nicht erträgt - und eitel ? weil er die Sprache sonst nicht liebt. Ich halte sehr wenig von Journalismus-Studiengängen an den Universitäten. Ich empfehle immer, freier Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung zu werden, deren Redakteure gut redigieren, und dort zu schreiben, schreiben, schreiben.

Wenn Sie undercover über den Sextourismus auf den Philippinen berichten, wird man schon als Leser zum gedanklichen Totschläger jener westeuropäischen Kreaturen, die Sie in Nahaufnahme beschreiben. Wie gelingt es Ihnen, die eigene Wut zu kontrollieren und wie sehr müssen Sie Verständnis heucheln, um diesen Kinderschändern nahe kommen zu können?
   Ich glaube, für ?Undercover?-Recherchen muss man eine gute Portion Schauspielkunst aufbringen. Es gab Reportagen, da musste ich abwechselnd in verschiedenste Rollen schlüpfen, so dass ich in manchen Momenten wirklich Probleme hatte, mich zu erinnern, wer ich gerade vorgab zu sein. Bei der Sextourismus-Reportage hatten der Fotograf und ich uns als Sextouristen ausgegeben, die zum ersten Mal diesen Ort besuchen und von erfahrenen Stammkunden Tipps und Rat brauchen. Wenn du lügst, musst du gut lügen, am besten nah an der Wirklichkeit. Ich sitze dann stundenlang mit den Fotografen im Hotelzimmer und bastele an wasserdichten Legenden. Wenn deine Lüge bei einer ?Undercover?-Recherche auffliegt, kann das oft gefährlich werden. Deswegen musst du deine Gefühle dabei kontrollieren, es nutzt der Sache nichts, wenn du zu früh deine Wut auslebst. Meine Wut ist das Schreiben.  

Auf Ihrer Website www.wolfgang-bauer.info, auf der einige Ihrer beeindruckenden Reportagen nachzulesen sind, schreiben Sie zu dem Fall der von Ihnen porträtierten Sextouristen, dass Sie diese bei der Staatsanwaltschaft in Deutschland angezeigt haben. Wissen Sie, was aus den Anzeigen geworden ist und sind Sie selbst schon mal von Personen, deren Vertrauen Sie sich für ihre Reportage erarbeiten mussten, im Nachhinein bedroht worden?
Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen vorgenommen, sie jedoch nach einem Jahr wieder eingestellt ? aus Mangel an Beweisen. Das sie das tun würde, war uns vorher klar. Wir wollten jedoch den Tätern eine klare Botschaft übermitteln: Ihr könnt euch nicht unbeobachtet fühlen! Es passiert selten, aber ab und an bekomme ich Drohungen - früher per Brief, jetzt per Mail oder in Internetforen. Am heftigsten war es in den Jahren, als ich im Lokalen fürs Schwäbische Tagblatt schrieb. Da wurden manche schon mal handgreiflich. Ich erinnere mich an einen SPD-Stadtrat von Reutlingen, der mich beim Neujahrsempfang verprügeln wollte. Ich hatte zuvor geschrieben, dass er Mitglied bei den Freimaurern ist.

Ist man, wenn man weit weg im Untergrund Geschichten schreibt, manchmal in der Gefahr des "Borderline-Journalismus", der Realität und Fiktion vermischt? Ob die Kugel ganz nah an einem vorbeiflog oder nur im nächsten Häuserblock abgefeuert wurde, kann eine Situation dramaturgisch schließlich noch verdichteter erscheinen lassen.
Die Gefahr besteht immer, doch wenn man der Versuchung erliegt, waren alle Anstrengungen umsonst, dann hätte man besser zu Hause bleiben sollen. Die Detailtreue ist das Brot, das uns Reporter nährt. Wer dazu erfindet, verrät nicht nur sich, sondern die Relevanz des ganzen Berufes. Je länger und zäher man jedoch recherchiert und sich Erfahrungen aussetzt, desto geringer wird die Versuchung.

Wie sehen Sie die Zukunft des Printjournalismus: Gerade Ihre ausführlichen Reportagen, die zudem sehr stark bebildert sind, passen nicht in die Häppchen-Formate des Internets. Leiden Sie unter geringeren Mitteln der Verlage für teure Reportagen?

Ich habe viele Leichen in meinem Adressordner. Die Kontakte von Redaktionen, die es längst nicht mehr gibt oder die keine Reportagen mehr produzieren, weil sie an der falschen Stelle sparen wollten. Der Markt sortiert sich neu, die News werden ins Internet abwandern. Magazine und Zeitungen müssen mehr Hintergrund bieten, sie haben gar keine Wahl, sie müssen ihre Kompetenz für Reportage und Analyse neu aufbauen. Und ich glaube, dass die meisten Menschen meine Geschichten immer noch lieber auf Papier lesen wollen statt auf einem Computerschirm oder iPad. Unsere Augen sind des Flimmerns irgendwann mal müde, wollen wechseln zu einem anderen Medium. Das Papier bleibt uns noch lange erhalten. Auch der Hype ums iPad geht vorbei.  

Der Journalist als multimedialer Allrounder ist ein Bild, das oft gezeichnet wird, wenn das zukünftige Berufsbild umrissen wird. Die Technik wird immer handlicher und leistungsstärker, so dass auch filmisches Material leichter zu produzieren ist. Denken Sie in diese Richtung?

Nein. Ich brauche alle Kraft, um bei den Recherchen die Dinge zu verstehen und einen einigermaßen lesbaren Text hinzukriegen.

Wie froh sind Sie, nach den Reisen nach Hause zu kommen?
Sehr froh. Das Nachhausekommen ist aber oft ambivalent. Denn der Ort, an dem ich mich bei der wochenlangen Recherche aufgehalten habe, ist unterdessen auch so ein bisschen zu einem Zuhause geworden. So gibt es immer einen Löseschmerz.

Wohin wird Ihre nächste Reise führen und mit welchem Thema?­­
In den Tschad in die Sahelzone. Das Thema darf ich leider noch nicht verraten...

Wolfgang Bauer ­studierte zunächst Islamistik, später dann Geographie und Geschichte an der Universität Tübingen. Er ist als freier Journalist weltweit ­unterwegs für ZEIT Dossier, Neon/Nido, Greenpeace Magazin, Geo und National Geographic. Für seine jouralistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2011 mit dem ?European Award for Excellence in Journalism Columbus-Autorenpreis?.

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