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KARRIERE

Nicht zu bremsen

Fachkenntnisse haben, Humor zeigen und mit den Kollegen rasante Runden im Kart drehen – Sandra Babylon berichtet über ihre Karriere in der IT-Branche bis hin zum Managing Director beim Beratungsunternehmen Accenture.

von Sandra Babylon 


Sandra Babylon vom Beratungshaus Accenture

Vor einigen Jahren klingelte das Telefon am Nachbarschreibtisch. Da mein Kollege nicht am Platz war, griff ich zum Hörer. Der Anrufer wollte bei mir einen Termin mit dem Kollegen vereinbaren – eine Frau am Telefon muss schließlich die Sekretärin sein. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert: Heute bin ich Managing Director bei der Unternehmens- und Technologieberatung Accenture und habe je nach Projekt bis zu 100 Mitarbeiter im Team. Wer mich anruft, hat oft erst einmal meinen „Execu-tive Assistant“ am Apparat – einen Mann.

Mein Weg in die Unternehmensberatung ist eher einem Zufall zu verdanken. Nach dem Abitur bin ich meinen Interessen gefolgt und studierte Sprach-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien. Der Fokus lag dabei auf dem anglo-amerikanischen Raum, da ich in den USA zur Schule gegangen bin und in England ein Auslandsjahr absolviert habe. Hätte mich damals jemand gefragt, ob ich mich in einer Unternehmensberatung sehe, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Durch eine Kommilitonin habe ich dann von Accenture erfahren. Eigentlich wollte ich in erster Linie Erfahrungen sammeln und den Beraterjob als Karriere-Sprungbrett nutzen. Ich habe aber schnell festgestellt, dass Accenture auch langfristig die richtige Perspektive bietet.

Gleich nach meinem Berufseinstieg in der Technologieberatung war ich an einem Projekt für den Online-Börsenhandel beteiligt. Umgeben von Betriebswirtschaftlern und Informatikern, übertrug man mir – auch als „Exot“ – von Anfang an Verantwortung. Diese Feuertaufe meisterte ich mit der Unterstützung der Kollegen. Und die Arbeit begann mich zu begeistern. Jeder Kunde kam mit einer neuen Fragestellung. Durch den Austausch mit den Kollegen lernte ich schnell und viel. Dazu kam die abwechslungsreiche Arbeit in internationalen Teams. Diese Lebendigkeit reizt mich bis heute.

 Natürlich gibt es auch Kollegen, die ihren Einstieg in die IT-Branche systematisch vorbereiten. Gesucht sind vor allem Wirtschaftsinformatiker und Informatiker sowie Wirtschafts-, Ingenieur- und Naturwissenschaftler. Berufseinsteiger nehmen bei Accenture in der Regel zuerst an dem zweimonatigen Einstiegsprogramm „Jump Start“ teil, zu dem auch ein technisches Trainingsprogramm, beispielsweise für SAP-Anwendungen, gehört.

Im Kern geht es bei unserer Arbeit um IT-Prozesse – dieses Thema spielt heute für jedes Unternehmen eine Rolle –, selbst bei bunten Marketingkampagnen stehen im Hintergrund große Kundendatenbanken und Software für das Kampagnenmanagement. Spezialisiert bin ich auf Transforma-tionsprozesse in der Finanzbranche. Diese Veränderungen können vielfältig sein. Es gibt kleinere Projekte, wie zum Beispiel das Erarbeiten einer konzeptionellen Vorstudie. Ein komplexes und langfristiges Großprojekt auf der anderen Seite ist beispielsweise der Zusammenschluss zweier Unternehmen. Ich bespreche mit meinen Kunden die Anforderungen im Projekt, den aktuellen Status, die nächsten Meilensteine oder wie wir ein bestimmtes Problem lösen.

Bei globalen Meetings ist der Frauenanteil oft deutlich höher – hier muss Deutschland aufholen

Als Beraterin muss ich oftmals zwischen der IT- und der Fachabteilung beim Kunden vermitteln, denn beide sprechen häufig nur vordergründig die gleiche Sprache. Wenn der Marketing-Mitarbeiter zum Beispiel Menschen einer bestimmten Altersgruppe ansprechen möchte, bedeutet das für den ITler, dass er verschiedene Datenbankfelder in einem Report bereitstellen muss. Als Berater sollte man Spaß daran haben, sich in beide Welten einzufinden. Humor und Optimismus sind aus meiner Sicht dabei die wichtigsten Erfolgsfaktoren. Die Kunden stellen oft komplizierte Aufgaben, die Zeit drängt, da hilft eine positive Grundhaltung.

Ich wünsche mir, dass noch mehr Frauen in führende Positionen kommen. Daher engagiere ich mich als Coach und gebe jüngeren Kolleginnen Karrieretipps. Das ist aber nur eine Maßnahme von vielen. Die Ergebnisse unserer diesjährigen Frauenstudie „Defining Success“ zeigen, dass Frauen ihre Karriere passiver planen als Männer: Sie fragen wesentlich seltener nach einer Beförderung oder Gehaltserhöhung und werden auch seltener befördert. Während 50 Prozent der Männer die gewünschte Position erhalten, sind es bei den Frauen nur 38 Prozent. Daher empfehle ich Kolleginnen immer, sich zu positionieren, auch wenn die aktive Vermarktung nicht unbedingt eine persönliche Vorliebe ist.

Weiterhin zeigt die Studie, dass die Work-Life-Balance Frauen wichtiger ist als das Gehalt: Auf die Frage, was Erfolg im Beruf ausmacht, antwortet nur ein gutes Drittel mit „Geld“, doch 46 Prozent ist ein ausgeglichenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit wichtig. Die Anerkennung im Beruf wird von Frauen sogar noch häufiger genannt. Bei den Männern ergibt sich ein anderes Bild. Zwar erhält bei ihnen die Anerkennung ähnlich viele Nennungen wie bei den Frauen, die Work-Life-Balance kommt mit 34 Prozent aber nur auf Rang vier der Erfolgsfaktoren. Ganz oben steht bei ihnen das unabhängige Arbeiten und auf dem dritten Platz das Gehalt. Welche Möglichkeiten es gibt, besondere Anreize für Frauen zu schaffen, zeigt die Studie beispielhaft auf: Neben flexiblen Arbeitszeiten, zählen bei Frauen technikbasierte Lösungen wie Home Office.

Wenn es um Frauen in der IT und in Führungspositionen geht, muss Deutschland im internationalen Vergleich noch aufholen. Bei globalen Meetings ist der Frauenanteil oft deutlich höher. Obwohl sich bereits viel getan hat, scheint die Kultur in Deutschland noch nicht so weit zu sein. Oft akzeptieren die Kollegen nur vordergründig, wenn man trotz hoher Arbeitslast pünktlich geht, um seine Kinder von der Betreuung abzuholen. Wenn Männer diese Aufgaben übernehmen, stehen sie sogar noch größeren Vorurteilen gegenüber. In Schweden hingegen verlassen die Kollegen pünktlich um 16.30 Uhr das Büro, um ihre Kinder abzuholen. Ansonsten ist meine Empfehlung aber, die Unterschiede zwischen Mann und Frau sportlich zu nehmen: Unsere Team-Events sind mitunter von eher „männlichen“ Hobbys geprägt. Ich war beispielsweise schon oft Kartfahren und bin mittlerweile sehr gut darin. Da gucken die Jungs erstaunt, wenn ich sie überhole.

Die Führungskultur in Unternehmen muss sich ändern, doch das braucht Zeit. Unternehmen müssen diesen Wandel langfristig planen, aktiv gestalten und mit klaren, messbaren Zielen hinterlegen. Accenture bietet seinen Führungskräften zum Beispiel Seminare an, in denen es um unbewusste Vorurteile geht – wo präferieren sie die Beförderung eines Mannes, obwohl bei klarer Sicht eine Frau die besseren Fähigkeiten für die Position mitbringen würde? Wenn in Zukunft die Telefone läuten und eine weibliche Stimme aus dem Hörer klingt, wird am anderen Ende auch häufiger eine Frau sein. Vielleicht tauschen sich dann zwei weibliche Vorstandsvorsitzende über das Zusammenführen ihrer IT-Systeme aus?


Sandra Babylon, 42, absolvierte ihr Sprach-, Wirtschafts- und Kulturraumstudium an der Universität Passau. Heute ist sie Managing Director bei der Beratung Accenture.

Und Covermodel des Magazins high potential, Ausgabe 2-13.




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“Nach einem Traineeprogramm bin ich seit 10 Monaten in leitender Position in einem Industrieunternehmen. Ich habe promoviert und halte mich für überdurchschnittlich qualifiziert. Mit Teamarbeit in einem überwiegend akademischem Umfeld hatte ich noch nie Probleme. In meinem Team, welches aus 22 Mitarbeitern besteht, gibt es aber gerade auf der niedrigsten Hierarchieebene Mitarbeiter, die meinen Anweisungen nicht folgen und an jeder Stelle boykottieren. Die Respektlosigkeit, mit der ich dabei konfrontiert werde, ist vollkommen neu für mich. Die Rüpelhaftigkeit, mit der mir mitgeteilt wird, man sei sowieso unkündbar und ich solle mir ‘die Sekräterinnenbande’ besser nicht zum Feind machen, macht mich sprachlos. Wie soll ich mit dieser Form des Vorgesetzten-Mobbings umgehen?“ Philip S. (29) aus Mannheim


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