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Neues für diese Woche: Das Phänomen "Shades of Grey" Teil II

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Träume vom idealen Mann gibt es seitdem sich Menschen Märchen erzählen. Auch in den Anfängen unserer narrativen Kultur war der sprichwörtliche Prinz schon von angenehmer äußerer Gestalt, mit (weißem) Pferd, Goldschätzen und Schloss gesegnet. Um seine schöne Prinzessin auf selbiges am Ende heimführen zu können, mussten meist beide zuerst schwere Prüfungen bestehen, durch die sie heranreiften und Erkenntnisse gewannen.

Sie mussten sich gegen dunkle Mächte zu Wehr setzen, um dann glücklich bis an ihr Lebensende vereint zu sein. Bezeichnender Weise war das Märchen vom Aschenputtel von jeher eines der beliebtesten und die bis heute am häufigsten, in immer neuen Varianten erzählte Geschichte vom unscheinbaren Mädchen, das am Ende den schönen Prinzen bekommt, gegen alle Widerstände.

Die modernere Vorstellung vom Prinzen beginnt in der Romantik mit Mr. Darcy aus 'Stolz und Vorurteil', der bis heute beliebtesten Männerfigur der Jane Austen Bücher. In diesen ersten Frauenromanen von Austen und den Bronte-Schwestern wird die Liebe zusammen mit der Naturerfahrung den gesellschaftlichen Konventionen gegenüber gestellt - und sie obsiegt am Ende. Hier findet sich auch schon die dunkle, abweisende, andere Seite des romantischen Helden, die die weibliche Hauptfigur erst überwinden muss. Sie bezwingt sie mit ihrer Stärke und Aufrichtigkeit, ihrem integren Verhalten, um dann am Ende in tiefer Verbundenheit für immer mit ihm vereint und glücklich zu sein.

Und Mr. Darcy hat auch schon die zwei weiteren Eigenschaften, die uns ein ums andere Mal in den magischen Liebesgeschichten der heutigen Zeit begegnen werden: Er ist betontermaßen sehr reich und er ist gutaussehend - eine glänzende Partie!

Die Liebesgeschichte 'Bridget Jones', die Schokolade zum Frühstück isst und Tagebuch über ihre Alltags- Katastrophen schreibt, setzte sich dann in der heutigen weiblichen, westlichen Leserschaft erstmals als Bestseller durch. Es ist eine moderne Version von 'Stolz und Vorurteil' und wurde sogar mit demselben Hauptdarsteller der ursprünglichen BBC Verfilmung, Colin Firth, auf die Leinwand gebracht.

Bridget reflektiert tagtäglich, selbstironisch und witzig, ihre Unzulänglichkeiten und versucht diese endlich los zu werden, um einen Mann zu bekommen. Sie bemüht sich den Anforderungen ihres Jobs gerecht zu werden, genauso wie denen ihrer verrückten Eltern, die sich unbedingt einen Mann für sie wünschen. Ihre Freunde helfen ihr dabei, den ständigen Unbill des Lebens, Pleiten, Pech und Pannen zu überstehen und am Ende bekommt sie dafür Mr. RIGHT:  Mr. Darcy (der Name ist hier Programm), den erfolgreichen Rechtsanwalt, nachdem sie und er seine unfreundliche, abweisende Seite und all die superschicken Nebenbuhlerinnen überwunden haben und er sich sogar mit einem anderen Traummann (Hugh Grant) um sie geprügelt hat. (Die deutsche Version 'Mondscheintarif' folgt genau demselben Muster und wurde genauso begeistert von denselben weiblichen Fans aufgenommen.)

Von nun an war der Siegeszug der durch die Welt stolpernden, selbstzweifelnden, selbstironischen Protagonistinnen auf der Suche nach dem perfekten Mann nicht mehr aufzuhalten. Sie gewannen, als ideale Identifikationsfiguren, die Herzen sowohl junger als auch zunehmend älterer Frauen, die sich in einer vergleichbaren Lebenssituation erlebten.  Und das Happy End der Geschichten, das große, immerwährende Glück mit Mr. RIGHT, nährt die Hoffnung all der weiblichen Fans, ihr Lebenstraum von einer guten Partie, dem attraktiven Leistungsträger unserer modernen kapitalistischen Gesellschaft, könnte und werde doch noch in Erfüllung gehen.

Der erste globale, mehrjährige „Hype“, den eine weibliche Hauptfigur auf der Suche nach Mr. RIGHT ausgelöst hat, war dann die Fernsehserie 'Sex and the City', die von 1998 bis 2004 und darüber hinaus überall auf der Welt moderne, selbständige Frauen mitfiebern ließ. Es wurden internationale Clubs und Web-Seiten gegründet, mit tausenden Anhängerinnen: Frauen, die gemeinsam ihre eigene Lebenswelt, samt Sehnsucht nach dem luxussattem Happy End, in den sechs Staffeln wieder zu finden glaubten. ('Ally McBeal' war hier schon ein artverwandte Serien-Vorläuferin, doch erst 'Sex and the City' ist in das allgemeine Kulturbewusstsein vorgedrungen. Das mag vor allem auch daran liegen, dass sich zeitgleich das Internet etablierte, das den Fans erstmals ganz neue Möglichkeiten zur Erweiterung ihrer Traumwelt bot.)

Carry, die Hauptfigur, witzig und erfolgreich, aber auch mädchenhaft und selbstkritisch, schwärmte für Mr. Big, den Mann der sich ihr immer wieder entzieht und dann doch zurückkommt, am Ende nur sie will und sie allen anderen Frauen - auch allen Models - vorzieht. Mr. Big ist in Carrys Worten „ein absoluter Magnat, absoluter Traumtyp und absolut eine Nummer zu groß für mich!“ Sie ist verliebt bis zur Selbstaufgabe und hat andauernd Angst nicht „perfekt genug“ für ihn zu sein.

Am Ende, nach der Überwindung zahlreicher Verwicklungen und dem zwischenzeitlichen Versuch mit dem „warmherzigen, klassisch amerikanisch-hübschen“ Aden glücklich zu werden, bekommt sie ihn trotzdem: Mr. RIGHT alias Mr. Big! Der Mann der alle Frauen haben kann, wählt sie, heiratet sie und lässt ihr einen riesigen, begehbaren Kleiderschrank in das gemeinsame Luxusapartment in Manhattan bauen, wo sie nun unbegrenzt ihre vielen Designerschuhe verwahren kann: Aus Aschenputtel ist durch Beharrlichkeit eine Prinzessin geworden, die Schuhe (für 600 Dollar das Paar) waren nicht zu klein, der richtige Prinz führt sie und nur sie heim.

Interessant war hierbei auch, dass die Zuschauerinnen das Ende der Serie, die sie jahrelang durch ihre Leben begleitet hatte, erstmals selbst wählen konnten: Es standen vier mehr oder weniger realistische Möglichkeiten zur Auswahl. Mit einer überwältigenden Mehrheit entschieden sich die weiblichen Fans weltweit für das perfekte Glück von Carry mit Mr. Big, der sie dann im großen Happy-End-Kinofilm zum Traualtar führte.

Auch Edward, der sich die längste Zeit der 'Twilightsaga' gegen seine Lust auf Bellas Blut wehren muss und deshalb immer auf Abstand bleibt, lässt letztendlich keinen Zweifel daran, dass nur sie das Glück seines unendlichen Lebens ist. Auch er ist reich und sehr gutaussehend. Auch er trägt den Vornamen einer der beliebtesten Jane Austen Männerfiguren: Edward, der moralisch einwandfreie Held aus 'Sinn und Sinnlichkeit'. Auch Bella hat große Selbstzweifel, stolpert durchs Leben und wundert sich, dass Edward, den alle Frauen umschwärmen, ausgerechnet sie will. Auch hier müssen erst viele Widrigkeiten überwunden werden, Bella muss der dunklen Macht ihres blutsaugenden Mr. RIGHT standhalten, bevor die beiden in Luxus und ewiger Schönheit für immer glücklich werden können.

Wie dieses perfekte Glück ihrer Meinung nach auch über die Geschichte von Stephanie Meyer hinaus aussieht, haben tausende Frauen in den Internetforen in Interaktion mit anderen weiblichen Fans heraufbeschworen. Und auf diese Weise entstand nun der neuste und bisher größte Coup weiblicher Liebesphantasie: Die Trilogie 'Shades of Gray'.

Mr. Gray, der Mr. RIGHT von 'Shades of Gray', ist ebenfalls sehr reich und sehr gutaussehend und auch ihn umweht ein dunkles Geheimnis, dass eine emotionale Distanz zur Heldin schafft und das zentrale Thema der Geschichte ausmacht. Doch am Ende überwindet auch er, durch Anas ausdauernde Liebe, diese abweisende, finstere Seite seines Charakters, die sich in Stimmungsschwankungen und seiner sexuellen S/M Obsession zeigt. Sie erringt das große Glück einer symbiotischen, immerwährenden Zweisamkeit.

Und sie alle leben glücklich, bis ans Ende ihrer Tage und haben alles: Schönheit, Reichtum, Liebe und neuerdings auch noch guten Sex.

Fortsetzung folgt ...

Katharina Ohana

 





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