Frauen-Schicksale in Tokio

Vier Frauen in Tokio, die sich alle von einer Mädchen-Elite-Schule kennen. Die Protagonistin schildert die Schicksale dreier Frauen, die in irgendeiner Weise einen Berührungspunkt mit ihr haben, und ihr eigenes Schicksal. Dabei zeigt sich im Verlauf des Buches immer mehr, dass die Protagonistin bösartig ist, emotional sadistisch und krankhaft eifersüchtig. Sie ist keine liebenswerte Person und belastet den Leser streckenweise sehr mit ihrer Sicht der Welt. Bereits nach den ersten dreißig Seiten fiel es mir das erste Mal schwer, das Buch weiterzulesen, da die Ich-Erzählerin bis zu dem Zeitpunkt ständig versucht, den Leser von der "Monstrosität" der Schönheit ihrer Schwester zu überzeugen. Dieses Wort fällt so oft, dass man es schnell als konstruiert wahrnimmt. So nimmt die Protagonistin, deren Vornamen nie erwähnt wird (wenn ich die 640 Seiten über immer aufmerksam war), den Leser mit auf eine Reise in die Geschichte ihrer Familie - die Mutter Japanerin, der Vater Schweizer- und anschließend durch ihre Schulzeit an der elitären Q-Schule, die für alle diejenigen von psychischer Qual geprägt war, die nicht der Oberschicht angehörten. Um dies zu verwinden, wird die Protagonistin selbst grausam.
Schon ziemlich früh erfährt der Leser, dass sowohl die Schwester als auch eine Bekannte der Erzählerin ermordet wurden. Beide waren Prostituierte und die Geschichte widmet sich der Entwicklung dieser Lebensverläufe.
Die Hauptfiguren
Yuriko
Auch die "monströs" schöne Schwester Yuriko Hirata kommt in einem berichtartigen Kapitel zu Wort, nämlich durch ihre Tagebucheintragungen. Mit 15 kommt sie ebenfalls an die Q-Schule, wo sie schnell beginnt, aus ihrem Körper Kapital zu schlagen. Einer ihrer Mitschüler wird ihr Zuhälter und vermittelt sie an Schüler und Lehrer. Yuriko bezeichnet sich selbst als Nymphomanin. So ganz nachvollziehbar ist Yurikos Verhalten nie. Sie ist schon früh verdorben, manipulativ und vergnügungssüchtig.
Kazue
Dieses Mädchen lernt die Ich-Erzählerin in ihrer Klasse kennen. Man könnte die Beziehung zwischen den beiden eigentlich als Freundschaft bezeichnen, wenn die Protagonistin Kazue nicht für ihre wiederholten Versuche, in den Kreis der beliebten Schülerinnen aufzusteigen, verachten würde. So ist sie es eigentlich, die Kazue am meisten quält. Mit ihrem tollen Abschluss erhält Kazue schließlich das, was als respektable Anstellung für eine japanische Frau bezeichnet wird. Doch Kazue hat keine Aufstiegschancen, erntet keinen Respekt und verfügt über keinerlei Macht. Bei dem Streben nach Macht, Anerkennung und Selbstzerstörung landet sie schließlich dort, wo sie auch Yuriko wieder begegnet. Auch Kazue kommt in einem eigenen Kapitel zu Wort.
Mitsuru
Eine weitere Klassenkameradin ist Mitsuru, deren Rolle eher undurchsichtig ist. Doch auch sie fügt sich nicht dem klassischen Frauenbild und landet schließlich ganz unten, von wo sie der Protagonistin einen Spiegel vors Gesicht halten kann.
"Abgefahrenes" Psychogramm
"Grotesk" ist genau das, was ich auf dem deutschen Markt als japanische Literatur kennengelernt habe. Werden diese Bücher speziell ausgewählt oder ist japanische Gegenwartsliteratur immer so "abgedreht"? Ich hatte mich auf etwas Bodenständigeres gefreut, doch wurde ich mit einer völlig unsympathischen, krankhaft eifersüchtigen Protagonistin geschlagen, die es binnen kürzester Zeit sogar schafft, von ihrem blinden Neffen gehasst zu werden.
Am meisten gelitten habe ich mit Kazue, denn deren Bemühungen wurden ständig enttäuscht und sie wurde immer wieder instrumentalisiert, ohne es selbst zu merken. Wäre ihr Abstieg vermeidbar gewesen, wenn das Frauenbild Japans liberaler wäre? Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass in einer westlich geprägten Metropole wie Tokio immer noch an solch traditionellen Rollen festgehalten wird. Doch da ich noch nie dort war, kann ich das nicht beurteilen.
Abschließend bleibt nur zu sagen, dass das Lesen dieses Buches streckenweise harte Arbeit für mich war. Es wirkte teilweise konfus und unchronologisch und enthielt eigentlich keine Spannungsmomente, da alles vorweggenommen wurde. Aufgrund der großen kulturellen Unterschiede fiel mir das Nachempfinden schwer. Außerdem zog das Buch einen in die dunkelsten Ecken Tokios, hinter denen überall das Verderben lauert. Solch hoffnungslose Geschichten deprimieren mich leider eher. In meinem abschließenden Urteil bin ich hin und her gerissen und vergebe somit ein "mittelmäßig".



























