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Beratung & Prüfung

Nachhaltigkeits­bericht­erstattung in Geschäftsberichten

Die Qualität der Nachhaltigkeits­bericht­erstattung in Geschäftsberichten

Welche Konzerne informieren ihre Anleger wirklich gut? Und wer versucht, mit Schönfärberei über mangelhafte Ergebnisse hinwegzutäuschen? Um diese und andere Fragen zu beantworten, lässt das manager magazin alljährlich die Geschäftsberichte der wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften im Rahmen des Wettbewerbs "Der beste Geschäftsbericht" analysieren.

Ziel des Wettbewerbs ist es, die Unternehmen zu motivieren, die Qualität ihrer Geschäftsberichte zu verbessern, um so den Informationsbedürfnissen von Investoren und Finanzanalysten besser gerecht zu werden. Rund 70 Geschäftsberichts-Analysten analysieren jährlich die Geschäftsberichte in den Kategorien "betriebswirtschaftlicher Inhalt", "Gestaltung" und "Sprache". Wissenschaftlicher Gesamtleiter des Wettbewerbs und verantwortlich für die Beurteilung der inhaltlichen Aussagekraft der Geschäftsberichte ist seit Ende der 1980er Jahre Professor Dr. Dr. h. c. Jörg Baetge (Universität Münster), der mit seinem wissenschaftlichen Team und über 40 speziell geschulten Analysten die Geschäfts- und Zwischenberichte von rund 200 kapitalmarktorientierten Unternehmen der Börsenindizes DAX, MDAX, SDAX, TecDAX und Stoxx 50 anhand von 330 durch Befragung von Kapitalmarktexperten ermittelten Kriterien, von denen einer die Nachhaltigkeit betrifft, untersucht und bewertet.

Die Entwicklung von Kriterien zur Beurteilung der Nachhaltigkeitsberichterstattung

Die Finanzmarktkrise hat verdeutlicht, wie nicht-nachhaltiges Wirtschaften Werte vernichten kann. Die Börsenaufsicht der USA (SEC), deren primäres Ziel der Investorenschutz ist, diskutiert derzeit die Einführung von Berichtspflichten für Unternehmen zu einer nachhaltigen Entwicklung (Sustainable Development - SD). In der Europäischen Union besteht eine solche Berichtspflicht für den Konzernlagebericht großer Kapitalgesellschaften bereits seit 2003. Der Ausdruck "Sustainable Development" wird im deutschsprachigen Raum mit "nachhaltiger Entwicklung" übersetzt und von der "Weltkommission für Umwelt und Entwicklung" der UN folgendermaßen definiert:

"Sustainable Development is a development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs. It contains within it two key concepts: the concept of 'needs', in particular the essential needs of the world's poor, to which overriding priority should be given; and the idea of limitations imposed by the state of technology and social organization on the environment's ability to meet present and future needs."

Beispielsweise handelt es sich bei Innovationen, wie der Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen, bei der Behandlung der Mitarbeiter, bei der Güte der Beziehungen zu externen Stakeholdern sowie bei Auswirkungen der Geschäftstätigkeit auf Umwelt und Gesellschaft um nichtfinanzielle Leistungsbereiche, die durch das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung berücksichtigt bzw. geprägt werden sollen.

Um zu ermitteln, welche SD-Informationen gemäß EU-Richtlinien "von Bedeutung" und damit berichtspflichtig und für Abschlussprüfer prüfungspflichtig sind, wurde von Dr. Axel Hesse das Konzept der "Sustainable Development-Key Performance Indicators" (SD-KPIs) entwickelt. Die verschiedenen Publikationen zu diesem Thema wurden von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte und dem Bundesumweltministerium herausgegeben. Im Mittelpunkt des Konzepts steht die Sichtweise von Investoren und Analysten, da diese die Hauptadressaten für SD-KPIs im Konzernlagebericht sind.

Im Oktober 2006 wurden die Kapitalmarktprofis mit Nachhaltigkeits-Orientierung befragt, welche Nachhaltigkeitsindikatoren (SD-KPIs) die bedeutendsten für die Geschäftsentwicklung von Unternehmen in zehn verschiedenen Sektoren bzw. Branchen sind. Die offenen Antworten wurden analysiert und systematisiert; die drei wichtigsten Indikatoren aus allen Antworten wurden als SD-KPIs bezeichnet. So wurden für Banken schon im Oktober 2006 "Sub-Prime"-Risiken als SD-KPI identifiziert, welche den Ausgangspunkt der gegenwärtigen Finanzkrise bildeten. Die große Bedeutung von SD-KPIs wird durch die Anlagepolitik von führenden europäischen Pensionsfonds mit 460 Milliarden Euro an Vermögenswerten verdeutlicht: Für sie bieten auf dem SD-KPI-Konzept basierende Investments langfristig hohes Outperformance-Potential. Vor diesem Hintergrund wurden in der vom Bundesumweltministerium herausgegebenen Publikation "Was Investoren wollen - Nachhaltigkeit in der Lageberichterstattung" die branchenbezogenen SD-KPIs gemäß deutschem und EU-Recht als "Mindestberichtsanforderung" bezüglich Nachhaltigkeit im Konzernlagebericht identifiziert.

Für die aktuelle Studie "SD-KPI Standard 2010-2014" wurden von Dr. Axel Hesse erneut Investoren und Analysten mit ausgewiesenem SD-Know-how und -Engagement im Zeitraum August bis Oktober 2009 befragt. Die Befragten beeinflussen nachhaltige Vermögensanlagen von rund 2 Billionen Euro mit Niederlassungen in allen wichtigen Industrieländern. Hierbei wurden KPIs für 68 Branchen gemäß dem weltweit am Finanzmarkt führenden "Global Industries Classification Standard" (GICS) abgefragt. Ein von den Befragten angegebener Indikator wurde als Key Performance Indicator definiert, wenn dieser von mehr als einem Drittel der Befragten als besonders bedeutsam für ihre Anlageentscheidungen benannt wurde. Der bedeutendste SD-KPI einer Branche wurde als SD-KPI 1 festgelegt. SD-KPI 2 und SD-KPI 3 sind in abnehmender Reihenfolge von etwas geringerer Bedeutung.

Die Beurteilung der Nachhaltigkeitsberichterstattung im Wettbewerb "Der beste Geschäftsbericht"

Seit dem Wettbewerb "Der beste Geschäftsbericht 2007" sind die SD-KPIs eines der inhaltlichen Beurteilungskriterien des Wettbewerbs "Der beste Geschäftsbericht". Das Bewertungsraster für jeden ?SD-KPI? umfasst fünf Teil-Kriterien, die letztlich zu einem Gesamtwert für den Checkpunkt zusammengefasst werden. Entsprechend den für die Branchen identifizierten SD-KPIs wird bewertet, ob im Geschäftsbericht überhaupt über die SD-KPIs berichtet wird. Ferner wird bewertet, ob die ökonomische Bedeutung der jeweiligen SD-KPIs für den Geschäftsverlauf, die (wirtschaftliche) Lage sowie für die voraussichtliche Entwicklung mit ihren wesentlichen Chancen und Risiken angegeben wird, wobei quantitative Angaben zu den SD-KPIs positiv gewürdigt werden. Außerdem wird bewertet, ob SD-KPI-Trends für vergangene und künftige Jahre angegeben werden. Schließlich wird gewürdigt, ob die SD-KPIs des eigenen Unternehmens mit denen von Branchenunternehmen verglichen werden (Benchmarking).

Die Berichterstattungsqualität über die jeweiligen Sustainable Development-Key Performance Indicators (SD-KPIs) hat sich im Wettbewerb "Der beste Geschäftsbericht 2009" im Vergleich zum Vorjahr nicht wesentlich geändert. Allerdings ist die Berichterstattungsqualität bezüglich Nachhaltigkeit bei Automobilherstellern sowie bei Chemie- bzw. Pharmaunternehmen bereits recht hoch mit steigender Tendenz. Der durchschnittliche Qualitätswert aller Unternehmen im Wettbewerb 2009 liegt bei dem Kriterium SD-KPIs erheblich unter dem Durchschnittswert der Automobilhersteller und Chemie- bzw. Pharmaunternehmen. Vor allem die SD-KPI-Berichterstattung der kleineren Unternehmen ist noch stark verbesserungsfähig. Das Ergebnis der Auswertung bezüglich der Qualität der SD-KPI-Berichterstattung wird für den laufenden Wettbewerb "Der beste Geschäftsbericht 2010" gespannt erwartet. Die Ergebnisse werden im September 2010 vorgelegt. 

© Privat

Prof. Dr. Dr. h. c. Jörg Baetge

 Prof. Dr. Dr. h. c. Jörg Baetge hat BWL an den Universitäten Frankfurt am Main, Münster und Philadelphia studiert und promovierte 1968. Seit seiner Habilitation 1972 war er ordentlicher Professor für BWL an den Universitäten Frankfurt am Main, Wien und Münster. Seit 2002 ist er emeritiert und Leiter des Forschungsteams Baetge mit derzeit 12 Mitarbeitern. Die Mitautoren des Textes, Boris Hippel und Dr. Tatjana Oberdörster, sind wissenschaftliche Mitarbeiter dieses Forschungsteams.