Der Mythos vom Traumjob

- Auch heute noch kann sich der vermeintliche Traumjob als echte Schinderei entpuppen © Ilja Jefimowitsch Repin, Treidler an der Wolga
Wer will ihn nicht haben, den in allen Belangen erfüllenden Traumberuf? Gerade am Anfang der Karriere liegen desillusionierende Erfahrungen und eine übergroße Erwartungshaltung an das vollkommene berufliche Glück nah beieinander. Die Industrie-Managerin Ariana Volkert* (47) erzählt, welche Karrierevorstellungen und -Irrtümer unbedingt relativiert werden sollten.
Beruf ist wie Beziehung. Streiche die Leidenschaft und setze die materielle Gier, dann unterscheiden sich Beziehungen zum Beruf nicht allzu sehr von zwischenmenschlichen Beziehungen. Die großen Erwartungen und Enttäuschungen, die Selbstzweifel und die Ambitionen - selbst die Frage "...habe ich nicht etwas besseres verdient"? kommt uns bekannt vor, wenn mal wieder nichts so funktioniert, wie wir es uns vorstellen.
Wenn es doch eigentlich den Traumpartner gibt, dann muss es doch ganz bestimmt auch den Traumjob geben? Den, der uns in jeder Minute beglückt und erfüllt und bei dem wir allenfalls mal kleine Unpässlichkeiten großmütig übersehen müssen. Es muss ihn doch geben, diesen Traumjob, denn überall haben wir teil an erfolgreichen und überglücklichen Menschen. Ob Boulevard- oder Wirtschaftsmagazine, prominente Realität oder gespielte Fiktion: Wer keinen erfüllten Beruf hat, steht ja noch mehr im Regen als derjenige ohne erfüllte Partnerschaft. Denn das Single-sein lässt sich leichter erklären mit Erfolg und Spaß im Beruf, umgekehrt ist das schwieriger: "Ich arbeite ganz bewußt nicht, weil ich mich ausschließlich auf meine Freundin konzentrieren will? bringt einen zumindest nicht in den Rotary-Club.
Aber wie soll er sein, dieser Traumjob? Erstaunlicherweise habe ich in den Personalgesprächen, die ich in den letzten 20 Jahren geführt habe, eine immer sehr ähnliche Definition zu hören bekommen: "Er soll mir Spaß machen! Er soll mich heraus-, aber nicht überfordern! Er muss in einem Team aus lauter netten Menschen zu vollbringen sein, dabei jeden Tag seine spannenden Abwechslungen haben! Und, ach ja, das Geld muss stimmen, obwohl die zeitliche Beanspruchung nicht zu groß ist, denn Freizeit ist auch wichtig!" Hört sich das nicht gut an? Will nicht jeder so arbeiten? Ich erkenne mich zu 100 Prozent wieder in dieser Aussage, denn genauso bin ich nach dem Studium an meinen Berufseinstieg herangegangen.
Hinter mir lagen zwar tolle Jahre an der Uni, aber nun sollte es doch, bitte schön, vorwärts gehen. Ich wollte keinesfalls auf die Freiheit und Harmonie, die ich in den letzten Jahren gemeinsam mit meinen Kommilitonen so zu schätzen gelernt habe, verzichten - diese sollten mir im Beruf möglichst genauso erhalten bleiben. Dazu erwartete ich aber, als wertvolle Arbeitskraft hochgeschätzt zu werden und endlich das belächelte Studentenleben zwischen Mensa und Unikino hinter mir zu lassen. Ich wollte ernst genommen werden, aber mir gleichzeitig die Unbeschwertheit bewahren - etwas anderes hatte ich ja auch nicht kennen gelernt.
Die Landung war hart. Muffelige Kollegen, die Aufgaben inhaltlich eine permanente Unterforderung, dafür fühlte ich mich überfordert, was die merkwürdige Politik der betriebsinternen Abläufe betraf: Im Studium hatte mich niemand darauf vorbereitet, dass gefühlte 80 Prozent der Arbeit dafür drauf gingen, sich intern abzusichern und die Balance zwischen "beim Vorgesetzten punkten" und "die Kollegen dabei nicht übergehen" zu finden. Für diesen Mist habe ich studiert, sollte so mein Berufsleben bis zur Rente aussehen? Ich war todtraurig. Und das vor allem deshalb, weil ich - das lässt sich heute mit fast einem Vierteljahrhundert Abstand altklug sagen - den schlimmsten Anfängerfehler aller Anfängerfehler gemacht hatte: Ich war an mein Berufsleben heran gegangen wie an die Partnerwahl, mein Arbeitgeber sollte verantwortlich sein, mir Geborgenheit und Zufriedenheit geben. Was in einer Partnerschaft aber funktioneren sollte - zwei Partner, die auf Augenhöhe agieren - kann in einem Beschäftigtenverhältnis nicht funktionieren. Dort ist nicht emotionale Überladung gefordert, sondern eine kritische Distanz zum Geschehen. Denn im Laufe der Zeit erhöhen sich die Gestaltungsspielräume und die Kompetenz steigt, so dass selbst Menschen zufriedener im Beruf werden, die zunächst - wie ich - gescheitert sind in ihrem Vorhaben, einen interessengeleiteten Beruf zu wählen, der doch eigentlich nahtlos als Steigerung eines rundum befriedigenden Studiums geplant war.
Ich habe mich irgendwie durch das Trainee bei meinem ersten Arbeitgeber durchgebissen. Rückblickend war dies eine hilfreiche Zeit, ermöglichte sie mir doch, einen klareren Blick auf mein Berufsleben zu finden. Dies half mir, meinen nächsten Karriereschritt wesentlich bewusster zu gehen. Ich hatte gelernt, dass es strukturelle Faktoren gibt, die einen enormen Einfluss auf meine berufliche Zufriedenheit hatten. Flexible Arbeitszeiten und eine gute Arbeitsatmosphäre waren für mich elementar, dafür war ich bereit, bei Gehalt und Überstunden sehr entgegenkommend zu sein.
Es sind vor allem Frauen gefährdet, ein idealisiertes Bild vom Beruf mit sich herum zu tragen, welches dann fast zwangsweise zu Bruch gehen muss. Männer sind weniger anfällig dafür und können pragmatischer die Vor- und Nachteile eines Arbeitsplatzes bewerten. Sie geben sich nach meiner Erfahrung eher der Illusion hin, sehr zügig in leitende Positionen zu gelangen, die ihren Status und ihr Gehalt mehren. Ich habe in vielen Vorstellungsgesprächen von männlichen Berufseinsteigern erfahren, dass es ihr Ziel sei, einmal Vorstand eines Unternehmens zu sein - von Frauen noch nie. Männer unterliegen dabei auch einer fehlgeleiteten Vorstellung vom Leben eines Unternehmenslenkers. Was dieser an Entbehrungen, Risiken und Verantwortung zu tragen hat, ist kaum einem bewusst. Wie auch? Es ist einer der größten Karriereirrtümer, anzunehmen, man könne sich als Absolvent sehr zügig eine Vorstellung von bestimmten Stellen und ihren weiterführenden Möglichkeiten machen. Denn, auch dies ist eine Erkenntnis, die ich erst im Laufe der Jahre gewonnen habe: Der Beruf kann auch sehr ungerecht sein. In unserem Unternehmen, welches ich nicht nennen kann, sind in der Vergangenheit Mitarbeiter in Leitungspositionen befördert worden, die dafür schlicht vollkommen ungeeignet waren. Wer mit einem zu hohen Ideal an Karrierefragen herangeht, wird über die Netzwerke und Protegierungen verzweifeln, die gerade in Großunternehmen an der Tagesordnung sind.
Wer aber eine gesunde Distanz findet, die natürlich niemals in die innere Emmigration führen darf, macht sich widerstandsfähiger für berufliche Krisen. Die Überidealisierung des Berufs ist dafür ein erster wichtiger Schritt.



























