Thomas Mullens Debütroman über Spanische Grippe und amerikanische Verhältnisse um 1918
1918 wütet nicht nur der Erste Weltkrieg, sondern auch die Spanische Grippe. Um sich vor dem unsichtbaren Tod zu schützen beschließt, eine Stadt, sich unter Quarantäne zu stellen.
1918: Die Amerikaner befinden sich nicht nur im Großen Krieg in Europa, sondern werden zudem noch von einer Epidemie gequält. Die Spanische Grippe grassiert in den USA. An der Westküste weisen immer mehr Einwohner die typischen Merkmale der tödlichen Krankheit auf. Husten, Blutspucken und Verfärbungen der Haut sind die Ankündigungen des Todes.
Quarantäne als Schutz vor der Grippe
Um sich vor der Spanischen Grippe zu schützen, beschließt das kleine Örtchen Commonwealth, sich vor den Viren in Sicherheit zu bringen, indem man die Stadt abschottet. Niemandem von außen soll Zutritt gewährt werden, um zu verhindern, dass die Grippe in die Stadt gelangt. Bewaffnete Posten sollen die Zugänge zu Commonwealth sichern. Auch der junge Philip, Adoptivsohn des Stadtgründers Charles Worthy, meldet sich freiwillig mit seinem Kumpel Graham zum Wachdienst. Bis eines Tages ein Soldat Zutritt zur Stadt sucht und Graham ihn erschießt.
Man versucht den Vorfall zu vertuschen, bis Philip schließlich einem weiteren Soldaten gegenübersteht und ihn in die Stadt lässt. Von da an nehmen Schuldzuweisungen, Argwohn und Intrigen in der sonst so friedlichen "Stadt am Ende der Welt" zu. Keiner traut dem anderen mehr und auch die Lebensmittelvorräte gehen bald zu Neige. Als der erste Bewohner an der Spanischen Grippe erkrankt und die todbringende Krankheit in Commonwealth verteilt, ist ein Schuldiger bald gefunden: Philip. Doch war es wirklich der Soldat, der die Grippe in die Stadt brachte? Und was macht ein Soldat zu Kriegszeiten ganz alleine in diesem so abgeschiedenen Örtchen?
Spanische Grippe forderte mehr als 100 Millionen Opfer
Thomas Mullens Debütroman Die Stadt am Ende der Welt ist ein unglaublich beeindruckendes Buch. Mullen strukturiert seine Geschichte um die Epidemiewelle der Spanischen Grippe von 1918, die nach neuesten Schätzungen über 100 Millionen Menschen weltweit das Leben gekostet hat. Deutlich mehr als in Folge des Ersten Weltkrieges umgekommen sind. Man möchte ja meinen, dass solch ein tief greifendes Ereignis bereits mehr als genug literarisch verarbeitet worden sei - ist es aber nicht. Bisher gab es nur wenige Romane, die sich mit dem Thema Spanische Grippe auseinandersetzten. Thomas Mullen hat mit Die Stadt am Ende der Welt thematisch neue Wege beschritten.
Dabei glänzt der Roman nicht nur durch sein Thema, sondern gerade auch durch die hervorragend entwickelten Charaktere. Thomas Mullen schafft es, beim Leser einen Wandel der Stimmung analog zum Wandel der Gemütslage der Einwohner Commonwealths hervorzurufen. Man ist auf jeder Seite intensiv an der sich entwickelnden Atmosphäre aus Misstrauen und Schuldzuweisungen dabei.
Die Stadt am Ende der Welt als Abbild der amerikanischen Gesellschaft
Was Die Stadt am Ende der Welt herausragend macht, ist die Bezugnahme auf die gesellschaftlichen Umstände in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Scheinbar ohne Mühe webt der Autor spezifisch-amerikanische sozialistische Tendenzen in seine Geschichte ein. Heute kaum noch vorstellbar, so waren die USA Anfang des letzten Jahrhunderts tatsächlich Vorreiter im gewerkschaftlichen Kampf um Rechte und Mitbestimmung. Von den Industrial Workers of the World bis hin zu den Suffragetten zeichnet Mullen jene Organisationen mit sozialpolitischen Zielsetzungen nach.
Die Stadt „Commonwealth“ (zu deutsch "Gemeinwohl") ist dabei Mullens utopischer Ort, in dem sich Sympathisanten sozialer Forderungen zusammengeschlossen haben und sich von rücksichtslosem Liberalismus und Kapitalismus Machart abzuschotten versuchen. Der Ausbruch der Epidemie ist zugleich eine Bankrotterklärung der amerikanischen sozialistischen Forderungen, wie auch eine Absage an jeglichen Isolationismus. Eine ganz besondere Geschichtsstunde, die der Leser nebenbei als weiteres Häppchen zu einem hervorragenden Menü serviert bekommt.
Die Stadt am Ende der Welt ist ein spannendes, intensiv erzähltes Geschichtsdrama, das die gesellschaftlich-soziale Situation der Amerikaner um 1918 wiedergibt. In dreißig Jahren wird man Mullens Werk zu den ganz großen amerikanischen Gesellschaftsromanen zählen. Absolut empfehlenswert!
Florian Jetzlsperger




























