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Interview

Mentoring: Gemeinsam ans Ziel

Mentoring ist ein erprobtes Instrument der Personal­entwicklung. Die individuelle Begleitung von Nach­wuchswissenschaftlerinnen, Mentees, durch er­­fah­rene Personen, Mentor_innen, wird seit 2008 an der Mainzer Universitätsmedizin eingesetzt. arzt & karriere hat mit der Mentoring Managerin Dr. Stefanie Hülsenbeck über Chancen und Nutzen des Edith Heischkel-Mentoring-Programms ge­sprochen.

Frau Hülsenbeck, vor welchem Hintergrund wurde das Edith Hei­schkel-Mentoring-Programm gegründet?

Ziel war es, qualifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen zu fördern, um mehr Frau­en in Führungspositionen zu bringen. Den Mentees werden dabei Wege aufgezeigt, wie sie ihre Karriere gezielt angehen können, um die Professur oder eine Leitungsposition im Klinikmanagement, in außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie in der pharmazeutischen Industrie zu erreichen. Diese maßgeschneiderte Art der Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen stand dabei zu­nächst im Mittelpunkt. Inzwischen wissen wir aber, dass Mentoring weit mehr leistet: Die Reflexion des eigenen beruflichen Werdegangs und die Einblicke in die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses werden auch von den Mentor_innen als gewinnbringend betrachtet.

Was denken Sie persönlich, weshalb Frauen in der Medizin immer noch unterrepräsentiert sind?
Ich denke, dass hier viele Faktoren eine Rolle spielen. Trotz des hohen Frauenanteils bei den Studierenden und Promovendinnen im Fach Medizin (über 50 Prozent) liegt der Anteil an Professorinnen bei nur 17 Prozent. Die männlich geprägten hierarchischen Strukturen tragen sicherlich dazu bei. Schlüsselpositionen sind meist von Männern besetzt, ähnliches gilt für Gremien. Diese Strukturen hindern Frauen auf dem Weg nach oben. Frauen tendieren dazu, die Relevanz von Netzwerken zu unterschätzen. Sie profitieren dadurch weniger von informellem Wissen und werden in wichtige Entscheidungsprozesse nicht einbezogen. In der Medizin mangelt es zudem an weiblichen Rollenvorbildern, die Identifikationsmöglichkeiten bieten. Für eine erfolgreiche Karriereplanung sind diese jedoch von entscheidender Be­deutung.

Eine große Herausforderung stellt für Medizinerinnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dar. Traditionelle Rollenvorstellungen hinsichtlich der Arbeitsteilung der Geschlechter sind noch immer in den Köpfen fest verankert. Dies zeigt sich in dem Wunsch nach Teilzeitarbeitsplätzen vieler Medizinerinnen. In höheren Positionen sind Teilzeitarbeitsplätze jedoch wenig akzeptiert und teilweise nicht erwünscht. Zudem sind die Kinderbetreuungsmöglichkeiten für Medizinerinnen häufig nicht bedarfsgerecht. Eine weitere Ursache für die Unterrepräsentanz von Frauen in der Medizin ist der Tatsache geschuldet, dass das berufliche Selbstvertrauen von Frauen geringer ist als das von Männern. Dies führt häufig dazu, dass Frauen weiniger ambitionierte Karriereziele haben als Männer. Frauen sollten sich meiner Meinung nach viel mehr zutrauen!

Was versprechen sich die Teilnehmerinnen zu Beginn vom Programm? 
Frauen tendieren häufig dazu, den Fokus auf die Leistung zu legen. Unsere Teilnehmerinnen haben erkannt, dass eine erfolgreiche Karriere mehr braucht als exzellente Arbeitsergebnisse. Gekonntes Selbstmarketing sowie ein stützendes Kontaktnetzwerk sind von enormer Be­deutung, wenn es darum geht, Spitzenpositionen zu erreichen. Informelle Spielregeln des Wissenschaftsbetriebs müssen berücksichtigt werden. Die Mentees versprechen sich von der Teilnahme, diese bisher vernachlässigten Faktoren, die für den beruflichen Erfolg entscheidend sind, nun stärker in den Fokus zu rücken.

Können Sie einige Faktoren genauer erläutern?
Sie wollen insbesondere sogenannte Softskills ausbauen. Dazu gehört die Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins, die Möglichkeit sein Netzwerk zu erweitern und aktiv entscheiden zu können, welcher Karriereweg der Richtige ist. Außerdem ist die Vereinbarkeit von Familie und Karriere ein wichtiges The-ma. Sie wünschen sich anhand von Rollenvorbildern aufgezeigt zu bekommen, wie diese gelingen kann.

Welche Mentoring-Formen gibt es in dem Programm?
Für die Teilnehmerinnen des Edith Heischkel-Mentoring-Programms setzen wir auf die klassische Form des One-to-one-Mentorings. Das bedeutet, dass je­weils eine Mentee von einer Mentor_in für einen definierten Zeitraum – bei uns ein Jahr – begleitet wird. Ferner werden Ziele, Themen und weitere Rahmenbedingungen wie beispielsweise die ge­plan­te Häufigkeit und Form des Kontaktes vorab schriftlich fixiert. Für eine er­folgreiche Zusammenarbeit im Mentoring ist das Matching – also die Zusammenstellung der Tandems – von enormer Bedeutung. Intensive Auswahlgespräche, unser großes Kontaktnetzwerk sowie unsere langjährige Erfahrung sind entscheidend für unser erfolgreiches Match­ing-Verfahren. Die Vertraulichkeit der Gespräche ist natürlich selbstverständlich.

Abschluss Jahrgang 2015 des Edith-Heischkel-Mentoring-Programms

Welche Mentor_innen aus der Medizin begleiten die Mentees?
Bei den Mentor_innen ist das Spektrum sehr breit. Ein großer Teil kommt von der Universitätsmedizin sowie der Universität Mainz. Dies sind in der Regel Privatdozent_innen und Professor_innen. Außerdem unterstützen uns die Mentor_innen aus unterschiedlichen Bereichen der Pharmaindustrie, zum Beispiel von Boehringer Ingelheim und von Abbvie Deutschland. Ich lege Wert auf eine räumliche Nähe, da meines Erachtens persönliche Treffen mindestens alle acht Wochen stattfinden sollten, um eine effektive Förderung der Mentees sicherzustellen. Viele Men­tor_innen  unterstützen das Programm bereits seit Jahren. Wir haben aber auch jedes Jahr  neue im Programm. Das Erfahrungs- und Feldwissen der Mentor_in steht bei diesem Unterstützungsangebot im Vordergrund. Wir erwarten von unseren Mentor_innen, dass sie bereit sind, ihre Erfahrungen zu teilen und den Mentees Einblicke in ihren Werdegang zu erlauben. Im Rahmen unseres Programms bieten wir unseren Mentor_innen selbstverständlich Angebote zur Unterstützung hinsichtlich ihrer Rolle an, zum Beispiel Einzelcoachings und Gruppenworkshops.

Was empfinden Sie in der Arbeit mit den Mentees als größte Herausforderung?
Eine große Herausforderung stellt für mich die Heterogenität der Gruppe dar. Das Mentee-Spektrum reichte beispielweise in der vergangenen Runde von der 25-jährigen (noch) kinderlosen Biochemie-Doktorandin bis hin zur 49-jährigen Oberärztin und Mutter von drei Kindern. Von der Chirurgie bis zur Soziologie finden alle Fachdisziplinen, die in der Hochschulmedizin vertreten sind, im Programm ihren Platz. Hier gilt es, die Be­dürfnisse aller Teilnehmerinnen zu erfüllen. Insbesondere im Hinblick auf die Forschungstätigkeit haben die Teilnehmerinnen sehr unterschiedliche Voraussetzungen: Während Ärztinnen ihre Forschung mit der Patient_innen-Versorgung vereinbaren müssen, können sich Wissenschaftlerinnen anderer Disziplinen meist voll und ganz auf die Forschung konzentrieren. Eine mangelnde gegenseitige Akzeptanz der Teilnehmerinnen verschiedener Fachdisziplinen kann da­her zu Beginn der Programmteilnahme vorliegen. Mein Ziel ist es, diese nicht nur aufzulösen, sondern den Mentees den Nutzen der verschiedenen Expertisen zu verdeutlichen, um diese als Bereicherung zu verstehen. Wenn einmal eine positive Atmosphäre in der Gruppe herrscht, führt diese zu einem vielseitigen, spannenden und inspirierenden kollegialen Austausch. Im Idealfall entstehen dann zahlreiche gemeinsame Projektideen und Drittmittelanträge.

Haben sich heute im Rückblick betrachtet die beruflichen Chancen oder Aufstiegschancen der Teilnehmerinnen  nach­­weislich verbessert?
Definitiv! Ich beobachte ich jedes Jahr eine deutliche persönliche Entwicklung der einzelnen Teilnehmerinnen. Die Mentees wirken auf mich viel selbstbewusster, bauen aktiv ihr Netzwerk aus und nehmen ihre Karriereplanung aktiv in die Hand. Wir haben das Programm auch hinsichtlich seiner Langzeiteffekte evaluiert, um die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit zu bewerten. Dafür haben wir unseren ersten Jahrgang fünf Jahre nach der Programmteilnahme schriftlich be­fragt und zu einem Bilanzierungsworkshop eingeladen. Die Ergebnisse waren äußerst erfreulich. Die Mentees hatten nach fünf Jahren mehrheitlich ihre ambitionierten Karriereziele erreicht und empfanden die Programmteilnahme als maß­geblichen Faktor. 23 Prozent hatten nach fünf Jahren den Sprung auf eine Professur geschafft. Das ist ein sehr erfreuliches Ergebnis. 


Dr. Stefanie Hülsenbeck, 35, promovierte 2008 im Fach Biochemie an der Leibniz Universität Hannover. Nach einer zweijährigen Tätigkeit als Arbeitsgruppenleiterin an der Medizinischen Hochschule Hannover setzte sie 2010 ihre Forschung an der Universitätsmedizin Mainz fort. 2012 nahm sie die Tätigkeit als Mentoring-Managerin des Edith Heischkel-Mentoring-Programms im Frauen- und Gleichstellungsbüro der Universitätsmedizin Mainz auf. 




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Maike S. (24) aus Hamburg schreibt uns: „Ich möchte gerne später einmal im internationalen Bankengeschäft tätig sein, um möglichst viel Geld zu verdienen. Ich habe mich nach dem Studium bei mehreren Banken beworben und nun eine Zusage von einer Genossenschaftsbank erhalten. Meine Freunde raten mir aber davon ab, dort anzufangen, weil sie meinen, dass nur bei den Privatbanken das große Gehalt zu erwarten ist. Stimmt das? Welche Karriereperspektiven kann ich bei einer Genossenschaftsbank maximal erwarten? Und wie entscheidend ist der erste Arbeitgeber für den späteren beruflichen Weg?“


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